Araber in Israel

Amir spricht aus, was ich so ähnlich von vielen Arabern in Israel gehört habe. Zitiert aber wird von seinem Satz oft nur der erste oder nur der zweite Teil. In Israel und Palästina genauso wie in Deutschland. Und dann wird Amirs Satz in sein Gegenteil verkehrt. Er heißt: „Ich bin glücklich, als Araber in Israel (und nicht in einem arabischen Land) geboren und aufgewachsen zu sein, aber ich bin als Araber in Israel nur ein Bürger zweiter Klasse.“ Dass Araber in Israel nur „Bürger zweiter Klasse“ sind,  höre ich von vielen, die im Nahostkonflikt Araber als die Opfer sehen und Israel auf die Anklagebank setzen. Sie verschweigen den ersten Teil des Satzes. Umgekehrt höre ich nur den ersten Teil des Satzes, nämlich dass die Araber glücklich sein können, in Israel geboren und aufgewachsen zu sein, vor allem von der Regierung Israels und allen, die kritiklos mit ihr sympathisieren. Sie verschweigen oder bestreiten den zweiten Teil von Amirs Satz. Amir weiß die Segnungen eines demokratischen Rechts- und Sozialstaates zu schätzen, umso mehr wenn er in Israels Nachbarstaaten schaut. Er genießt, dass er versichert und versorgt ist, aber noch mehr genießt er die demokratischen Grundrechte, die Arabern in vielen arabischen Staaten verwehrt sind.

Von Samer lerne ich, wie gefährlich sein Name in Israel ist. Er erzählt von einer Art Messe für junge Hochschulabsolventen in Israel. Renommierte Firmen sind in einer Messehalle in Tel Aviv auf der Suche nach jungen Wissenschaftlern, die sie für Führungspositionen gewinnen wollen. Nach seinem Hochschulabschluss am Technion in Haifa hat auch Samer eine solche Messe besucht. Mit seinen gepflegten Umgangsformen und exzellenten Zeugnissen war er ein begehrter Gesprächspartner. Aber regelmäßig wurden die Gespräche abgebrochen, wenn sein Name fiel. Er verrät nämlich, dass Samer nicht nur Israeli, sondern auch Araber ist oder ein Palästinenser, wie er sich selbst nennt. Einer von den ca. 2 Millionen, nahezu einem Viertel der Bevölkerung Israels, die keine Juden sind. „Wir sind Bürger zweiter Klasse, die auf vielfältige Weise in Israel benachteiligt sind“, sagt auch er. „Natürlich gibt es Palästinenser in der Firma, aber doch bitte nicht in Führungspositionen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.“ Es half ihm nicht, dass er fehler- und akzentfrei Hebräisch spricht. Er ist und bleibt einer von den anderen.

Im Bus komme ich mit Hosam ins Gespräch. Er ist Araber und auf dem Weg nach Hause. Professor am Technion in Haifa, ein international renommierter Naturwissenschaftler, wie ich später lernte. Wenn er den Bus verlässt, muss er noch zwei Kilometer auf einem Schotterweg zu Fuß steil nach oben in die Berge gehen. Das große Dorf, in dem er aufgewachsen ist und jetzt mit seiner Familie lebt, hat weder eine Verkehrsanbindung, noch Kanalisation noch Strom- und Wasseranschluss, vom Internet ganz zu schweigen. Es ist eines der vielen vom israelischen Staat nicht anerkannten arabischen Dörfer, über denen das Damoklesschwert einer Abbruchverfügung schwebt. Wer von seinen internationalen Kollegen lebt in ähnlichen Verhältnissen wie dieser arabische Professor in Israel? Er erzählt mir, wie eingeschränkt die Möglichkeiten für Araber in Israel sind, Haus- und Grundbesitz zu erwerben und dass in den siebziger Jahren arabisches Land in großem Stil staatlich enteignet wurde, Obst- und Olivenbaum-Haine in Kiefernwälder verwandelt wurden, um eine Rückkehr der arabischen Bevölkerung zu verhindern. Zu vielen arabischen Siedlungen gibt es keine Hinweisschilder. Die neuen Eisenbahnlinien in Galiläa führen nur in jüdische Städte, die rund dreihunderttausend Bewohner in und um Nazaret und Sachnin sind nach wie vor auf Busse angewiesen. „Arabisch als zweite Amtssprache? Nur auf dem Papier. Die sprachlichen Fehler auf offiziellen Dokumenten und Schildern sind nicht zu zählen. Unsere Nachbarin, die kein Hebräisch gelernt hat, wollte neulich bei der Polizei einen Diebstahl melden. Aber es gab niemanden in dieser großen Polizeistation, der Arabisch, die zweite Amtssprache, verstehen konnte. Wir Araber sind in diesem Land Bürger zweiter Klasse“, sagte er bitter zum Abschied.

Im Jahr 2012 wurde eine Zeremonie im Fernsehen übertragen, bei der die Spitzen des Staates stehend die Nationalhymne „HaTiqwa“ sangen, die die Hoffnung der Juden ausdrückt, einst im ihrem Land Zion leben zu können. Die Kamera schwenkte von Gesicht zu Gesicht. Bei einem ernst und respektvoll dreinblickenden älteren Herrn verharrte sie etwas länger. Er war der einzige, dessen Lippen sich nicht bewegten, der die Hymne offensichtlich nicht mit sang. Salim Jubran, der einzige arabische Richter im Obersten Gericht Israels. Der ranghöchste der arabischen Staatsbürger Israels. Dem Vorfall folgte eine heftige mediale und öffentliche Debatte über das Für und Wider. Verhält er sich illoyal oder gar feindlich dem Staat gegenüber, den er prominent repräsentiert? Muss er gegen sein Gewissen handeln oder ihm gerade folgen? Kann nur durch Singen oder auch durch Nichtsingen Respekt ausgedrückt werden? Wann werden arabische Bürger Israels zu „Bürgern zweiter Klasse“?

Sind sie Araber oder Palästinenser? Die Römer haben im zweiten Jahrhundert ihre (!) Provinz „Judäa“ nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstandes in „Palästina“ umbenannt. Die europäischen Kolonialherren, humanistisch gebildet, bezeichneten im 19. Jahrhundert darum so diesen Teil des Osmanischen Reiches. Auch die Juden Europas, auch die Zionisten nannten dieses Land „Palästina“. Erst nach der Staatsgründung Israels gab es eine „Sprachregelung“, den Begriff „Palästina“, der wegen seiner Entstehungsgeschichte als antisemitisch eingestuft wurde, durch den „biblischen“ Begriff „Eretz Jisrael“ zu ersetzen. Die aus politischen Gründen verordnete Sprachregelung provozierte in den sechziger Jahren eine politische motivierte Revitalisierung „Palästinas“. Die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) machte daraus einen Kampfbegriff und meinte damit das ganze Land. Jetzt gab es beides nur als  Alternative „Israel oder Palästina“. Bis heute werden sowohl in Israel als auch in Palästina fast nur Landkarten benutzt, in denen das ganze Land entweder „Palästina“ oder „Israel“ genannt wird. Das schürt auf beiden (!) Seiten Existenzängste. Die Juden fürchten durch solche Ideologie nach Westen ins Meer getrieben zu werden, die Palästinenser nach Osten in die arabische Wüste. Auf beiden Seiten ist die Gruppe klein, die Israel in den Grenzen von 1949 definiert (und das Existenzrecht Palästinas garantiert und dessen Staatlichkeit befördert) und die Palästina auf Westbank und Gazastreifen begrenzt (und das Existenzrecht Israels garantiert). Das ist die Position der Europäer – und die „offizielle“ der israelischen Regierung und der Palästinensischen Autonomiebehörde. Ich nenne Menschen so, wie sich selbst nennen. Darum habe ich gelernt, zu differenzieren zwischen den Palästinensern, die Staatsbürger Israels sind, denen, die Einwohner Jerusalems sind, denen, die in der Westbank leben, denen, die im Gazastreifen leben, und denen, die im Exil leben.

Offiziell feiert am Jom HaAzma’ut das jüdische Land seine jüdische Unabhängigkeit. Das ist die Ideologie. In Wirklichkeit feiert das ganze Land BBQ-Tag. Araber begehen den Tag nicht anders als Juden. Was tun arabische Familien am liebsten, wenn alle frei haben und es nicht regnet? Richtig. Grillen. Oder in der Sprache des Landes: Barbecue. BBQ vereint am Unabhängigkeitstag Juden und Araber im Land. Abends, morgens, mittags, abends: Alle grillen. Halal, koscheres und unkoscheres Fleisch. Über dem ganzen Land liegt eine Rauchwolke. Selbst Vegetarier und Veganer auf beiden Seiten sind nicht davon ausgeschlossen. Sie grillen Kartoffeln, Gemüse und Früchte. Der Feiertag für die in jeder Hinsicht multiple BBQ-Gemeinde. Es erinnert mich daran, wie wir in der Bundesrepublik Deutschland früher unseren Nationalfeiertag, den 17. Juni, begangen haben. In Israel dient diese Entpolitisierung des Nationalfeiertages der Friedfertigkeit. Die Frage, ob man mit oder ohne blau-weiße Fähnchen grillt, gerät von einer ideologisch hoch besetzten Frage der Politik zu einer marginalen praktischen Frage der Dekoration.

Politisch werden die Staatsfeiertage in Galiläa allerdings auch alternativ begangen. In Kfar Kana treffen sich seit Jahren Juden und Palästinenser, um gemeinsam ihrer jeweiligen Katastrophen, der Shoa und der Nakba  zu gedenken. Ich war jedes Jahr am Vorabend des Jom HaSikaron in einer Messehalle in Tel Aviv mit rund fünftausend Menschen, Juden und Palästinensern. Unter dem Motto „Verbunden im Schmerz und verbunden in Hoffnung“ galt dieses Gedenken den Opfern beider Seiten. Es war geprägt von dem Willen, alles dafür zu tun, dass nicht im nächsten Jahr wieder neue Opfer zu beklagen sind. Was in Deutschland Jahrzehnte gedauert hat, das schaffen diese Menschen seit vierzehn Jahren. Einen Heldengedenktag, der neuen Hass produziert, zu einem Volkstrauertag zu verwandeln, der Brücken der Verständigung, der Versöhnung und des Friedens fördert.

Ich habe als Studienleiter fünf Jahre in dem christlichen Dorf Nes Ammim in West-Galiläa gelebt. Zu unseren unmittelbaren Nachbarn gehören nicht nur Juden sondern auch viele Araber. Bevor die über dreißig Olivenbäume in Nes Ammim Ende Oktober geerntet werden, ist die gesamte Gemeinschaft der Freiwilligen jedes Jahr bei Joseph, dem langjährigen palästinensischen Freund Nes Ammims, zur gemeinsamen Ernte eingeladen. Und das ist nicht nur Oliven Pflücken. Das ist auch Essen und Trinken in arabischer Tradition. Da sind alle vom Kleinkind bis zum Greis auf den Beinen und tun das, was jede und jeder gerade noch oder schon kann. Da nehmen Europäer an einer morgenländischen Sitte teil und lernen orientalische Lebensart kennen. Ungewöhnlich ist schon, dass Joseph mich als Christen bittet, einen jüdischen Segen (Psalm 65) für die Oliven der muslimischen Familie zu sprechen, bevor die Ernte beginnt.

In Israel können mit der Olivenernte Juden nur dann etwas anfangen, wenn sie aus arabischen Ländern stammen, die Misrachi. In unserem jüdischen Nachbardorf Regba führt das dazu, dass die dort stehenden uralten Olivenbäume nicht von seinen (aus Mitteleuropa stammenden) jüdischen Bewohnern geerntet werden, sondern die Palästinenser aus dem Nachbardorf Mazra‘a alle Jahre wieder zur Ernte herüber kommen, wie es schon Brauch war, als es dieses jüdische Dorf noch gar nicht gab. Ein schöner Akt nachbarschaftlichen Friedens, durch den die jüdischen Kinder von klein auf lernen, dass vor den Juden längst Araber im Land lebten, die diese Bäume einst gepflanzt und gepflegt haben.

Josephs Eltern und Großeltern sind im Juli 1948 aus Dörfern in Nes Ammims Nachbarschaft vertrieben worden, die bis auf einige Reste gänzlich zerstört wurden. Die Ernten auf wasserreichem fruchtbarem Boden seiner Vorfahren fahren heute zwei Kibbuzim ein. Eine Entschädigung hat es für seine Familie nie gegeben. Obwohl er die Plantagen fast täglich umfährt, hat ihn das nicht bitter gemacht. Er sinnt nicht auf Revanche. Er möchte trotz allem mit den Juden in seinem Lande in Frieden leben. Er ist kein Landwirt, sondern Lehrer. Gerade deshalb hat es ihn getrieben, ein Stück Land zu kaufen, auf dem er Oliven- und Obstbäume angepflanzt hat. Ein pädagogischer Akt für seine drei Kinder und deren Generation. Sie sollen im praktischen Vollzug die Wachstumskraft der Erde und darin den Segen des Schöpfers kennenlernen, an den Juden, Christen und Muslime glauben und der sie zu friedlichem Zusammenleben auffordert. Mich erinnert J wie Joseph an J wie Jeremia und dessen Erwerb eines Ackers als prophetische Zeichenhandlung, von dem die Bibel erzählt (Jeremia 32). Der Acker wurde zu einem Zeichen der Hoffnung dafür, dass die Wachstumskraft der Erde den kommenden Generationen den Weg weist zu einem Leben in Frieden und Gerechtigkeit.

Mit den europäischen Freiwilligen besuchen wir auch jüdische und arabische Schulen und kommen mit den wenig jüngeren Jugendlichen ins Gespräch. In Sachnin fragte einer der Europäer einmal: „Wie viele Geschwister habt ihr?“ Nacheinander sagten alle Araber und Europäer ihre Geschwisterzahl. Und siehe, da gab es keinen Unterschied zwischen ihnen, zwei, drei, vier. Und dann fragte einer: „Und wie viele Tanten und Onkel habt ihr?“ Da konnten die arabischen Jugendlichen schon mit ganz anderen Zahlen aufwarten als die Europäer, vierzehn, sechzehn, achtzehn. Für mich wurde mit einem Schlage deutlich, wie sehr sich die arabische Gesellschaft in Israel innerhalb einer Generation verändert hat und wie sehr sie sich dem westlichen Lebensstil anpasst, die sie durch die jüdische Gesellschaft kennen lernt. Erstaunt hat mich auch, wie begehrt von muslimischen Palästinensern in Israel die Plätze an einer christlich-arabischen Schule sind, die bessere Berufsaussichten „auch im Westen“ versprechen.

Wassila, die Lehrerin in Sachnin, erklärt uns, dass bis zum Schulabschluss arabisch unterrichtet wird, in Israel studieren können Araber aber nur an hebräisch sprachigen Hochschulen. Sie beklagt, dass an arabischen Schulen die Klassen erheblich größer sind als an jüdischen, weil viele arabische Lehrerinnen und Lehrer an jüdischen Schulen unterrichten müssen (aber nicht umgekehrt). Sie erzählt, dass die Curricula ziemlich ähnlich sind, aber vor allem der Geschichtsunterricht einer strengen Zensur unterliegt. Das arabische Narrativ der Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert darf nicht zur Sprache kommen, nicht mal von den Schülern geschweige denn von den Lehrern. Ein Wort wie „Nakba“ ist schlicht tabu. Wassila kann von Kollegen erzählen, die deshalb angezeigt, bestraft und aus dem Schuldienst entfernt wurden.

„Ich bin Palästinenser und Christ und Israeli“, sagt Yohanna, unser Gesprächspartner in Nazaret und fährt dann fort, „Meine Muttersprache ist Arabisch. Ich bin in Jerusalem in Palästina geboren. Darum bin ich Palästinenser, so wie die Araber in Ägypten Ägypter und die in Syrien Syrer sind. Ich bin Christ und gehöre zu einer der über zwanzig verschiedenen Kirchen im Nahen Osten. Arabische Christen sind zahlenmäßig eine Minderheit, aber eine bedeutende in der arabischen Welt. Unsere Bibel ist ins Arabische übersetzt. Allah ist kein muslimisches, sondern das arabische Wort für „Gott“. „Allah“ steht in unserer Bibel. Zu „Allah“ beten wir in unserer Muttersprache. Ich lebe in Nazaret und bin darum Israeli, ein Staatsbürger Israels.“ Die arabischen Kirchen sind stolz auf ihre fast zweitausendjährige Geschichte. Manche Gemeinden werden bereits im Neuen Testament erwähnt: Jaffa in Apg10,36, Akkre in Apg 21,7 (Ptolemais). Als im 8. Jahrhundert die Muslime ins Land kamen, haben die Christen arabische Kultur und Sprache übernommen, aber (wie die arabischen Juden) ihre Religion behalten. Sie waren fast immer Minderheitskirche, haben keine Juden verfolgt und den Kriegsdienst verweigert. Als der türkische Sultan sie für die letzten Jahre seiner Herrschaft in seine Armee zwingen wollte, sind sie massenhaft ausgewandert. Auch 1948 haben sie weder für noch gegen die jüdischen Kampfverbände gekämpft. Bis heute verweigern sie meist den Militärdienst.

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Claudio Monteverdi, Marienvesper

  1. Die geheimnisvolle schöne Schwarze

Im Kontext der Marienvesper verstehen sich die beiden geheimnisvollen Texte „Nigra sum“ (Schwarz bin ich) und „Pulchra es“ (Schön bist du) von selbst als Rede und Anrede Marias. Die „Schwarze Madonna“ gilt als besonders wundertätig. Deshalb sind Kirchen mit einer Marien-Ikone aus schwarzem oder schwarz gefärbtem Holz oft Wallfahrtsorte. Auch Köln hat ein Bild der „Schwarzen Madonna“ in der Barockkirche „Maria in der Kupfergasse“.

Von einer schwarzen Schönheit ist auch in der Bibel zu lesen, und zwar in der Jüdischen Bibel, die die Kirche „Altes Testament“ nennt. Hier geht es nicht um Maria, sondern um eine andere Frau, um Sulamit. Mit großer Leidenschaft spricht sie und wird zu ihr gesprochen. Ihr und König Salomo werden die Liebeslieder zugeschrieben, die in dem Buch der Jüdischen Bibel gesammelt sind unter der Überschrift „Lied der Lieder“ oder „Hoheslied der Liebe“. Es ist eine Sammlung profaner Liebeslyrik, erotische und auch sexuell konnotierte Poesie voller morgenländischer Sinnenfreuden. Die Liebeslust ist von Gott und nicht vom Teufel, heißt es am Ende des Buches (8,6). Und sie hat unabhängig von Fortpflanzung ihren eigenen Wert als kommunikative Gabe. Die Heißverliebten sind nicht verheiratet. Sie können nicht jede Nacht zusammen sein (1,7; 2,17; 5,2-8). Sie müssen immer wieder neue „Liebesnester“ in Wald und Flur suchen (1, 6-7.16-17; 7,12). Die junge Frau hat sich dabei sogar einen Sonnenbrand geholt, was in dieser Kultur einen Makel darstellte. „Ich bin gebräunt, aber das hat meiner Schönheit keinen Abbruch getan… Verachtet mich nicht, weil ich so braun bin. Denn die Sonne hat mich verbrannt.“ (1,5-6). Erst die Übersetzungen machen das hebräische „braun“ zum griechischen und lateinischen „schwarz“. Die Auslegung, dass Sulamit aus Afrika komme, ist spekulativ.

In den Kanon der biblischen Bücher wurde das Hohelied aufgenommen, weil die erotischen Texte inzwischen umgedeutet wurden in spirituelle Texte, die die Liebe zwischen Gott und seinem Volk besangen. Aus dem Satz „Schön wie Jerusalem bist du, meine Freundin“ (6,4) wurde z. B. der Satz „Schön bist du, meine Freundin Jerusalem“. In den Worten des Liebhabers redet jetzt Gott und in denen der Liebhaberin das Volk Israel. Aus der menschlichen Minne wurde eine göttliche Minne, eine erotisch gefärbte leidenschaftliche Liebe zu Gott, die Gottes Liebe respondiert („…du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deiner Kraft“ 5.Mose 6,5), wie wir sie aus jüdischer und christlicher Mystik kennen.

In dieser ent-sexualisierten und theologisch gezähmten Interpretation wurde das Hohelied auch Teil der christlichen Bibel. Im Zuge der „Enterbungs- und Ersetzungstheologie“ setzte die christliche Auslegung die Kirche an die Stelle des Volkes Israel als die neue „Tochter Jerusalem (oder Zion)“, deren Liebhaber der Christus, der Messias, ist. Der „Bräutigam“ Jesus hatte seine „Braut“ kollektiv in der Kirche (ecclesia), individuell in der Seele (anima) der einzelnen Gläubigen.

Der Messias hat in der Kirche nicht nur seine unberührte Braut, sondern auch seine jungfräuliche Mutter. Denn nach traditioneller Vorstellung ist der Messias aus dem Volk Gottes wie aus einer Mutter hervorgegangen (Offenbarung 12). Durch die christliche Transformation wurde die Kirche zu Jesu Mutter und die irdische Mutter Jesu als „Gottesmutter“ zur himmlischen Repräsentantin der Kirche. Wie Maria zu lieben, heißt Jesus leidenschaftlich wie einen Bräutigam und wie einen Sohn zu lieben. Die einzelnen Mitglieder der Kirche werden mit Maria seelenverwandt. Ihre unerfüllten Wünsche und ihr ungestilltes Sehnen macht sich die Gottesmutter zu eigen. So wird die leidenschaftliche Sprache Sulamits zur leidenschaftlichen Sprache Marias als Mittlerin („medium“) zu ihrem Sohn und Bräutigam Jesus, als himmlische Fürsprecherin („Ora pro nobis!“), die mitfühlt als das mütterliche Herz Gottes.

Damit tritt sie in Konkurrenz zum Messias Jesus. Ihre Divinisierung kann so gesteigert werden, dass sie zu einem Teil der Trinitarischen Gottheit wird (so in der letzten Strophe des Echogesangs „Audi caelum“). Diesen Rang Mariens bestreitet mit Berufung auf die Bibel der Protestantismus in allen seinen Spielarten. Umso wichtiger wurde diese ausgeprägte Mariologie für die katholische Gegenreformation in der Zeit Monteverdis.

  1. Jüdische Psalmen in der christlichen Liturgie

Die Auswahl der Psalmen für die Liturgien der verschiedenen Marienfeste knüpft an verschiedene Elemente an. Das „Lied der Maria“ („Magnificat“ Lukas 1, 46-55) versteht sich von selbst. Die beiden Jerusalem-Psalmen 121 (hebr. 122) und 147, 12-20 werden dadurch zu „Marien-Psalmen“, dass Maria die himmlische Repräsentantin der Kirche als des „neuen Jerusalems“ ist (s.o.). Als Anspielung auf die Jungfrau Maria, die als Repräsentantin der „Mutter Kirche“ viele Kinder hat, wird das Mutterglück „der Verstoßenen“ in Ps 126,4 (hebr. 127,4) und der „Unfruchtbaren, die zur fröhlichen Mutter vieler Kinder wird“ in Ps 112,9 (hebr. 113,9)) gelesen.

Besonders verschlungen sind die Wege des Verständnisses und der Auslegung von Psalm 109 (hebr. 110) „Dixit Dominus“. Manche Übersetzungen schreiben das Wort HERR mit Großbuchstaben, wenn es den unaussprechlichen Gottesnamen umschreibt (V.1.2.4). An allen anderen Stellen meint das Wort „Herr“ irdische Herren. Im Psalm wechselt die Gottesrede mit Sätzen eines Zeremonienmeisters. Der hat bei der Krönung des Königs („seines Herrn“) die Aufgabe, den König als Stellvertreter Gottes auf Erden (als „Gottes rechte Hand“, als „Gottes Sohn“) einzusetzen, auszurufen und jedes Jahr neu zu bestätigen und ihm das Recht zu verleihen, zum Schutz des Volkes („für Recht und Frieden“) auch Kriege zu führen.

Je länger die Davidische Dynastie währte, desto mehr wurde klar, dass die irdischen Könige diesem Auftrag nicht gerecht wurden. Deshalb wurden die Aussagen auf den himmlischen Davidsohn, den kommenden Messias, übertragen, von dem dann der irdische David in diesem Psalm weissagt. Im Munde Davids ist dann  „sein Herr“, zu dem Gott, der HERR, redet, eine David überlegene Gestalt, nämlich der kommende Messias. Der besiegt nicht einen Feind, sondern alle Feinde, nämlich das universale Böse. In den Übersetzungen klingt die Formulierung geheimnisvoll paradox („Dixit Dominus domino meo“). Die Kirche hat sie später als einen Anfang trinitarischen Redens von Gott verstanden.

In der griechischen Übersetzung gibt es mehrere kleinere Abweichungen vom hebräischen Original. Die gravierendste Differenz ist V. 3: „Aus dem Mutterschoß habe ich dich vor dem Morgenstern gezeugt (oder: geboren)“. In dieser Fassung bezeugt der Vers nicht nur die Präexistenz des vor der Schöpfung gezeugten Gottessohnes, sondern auch die seiner Mutter Maria als des göttlichen Mutterschoßes („ex utero“). Das hat den Psalm in die Liturgie eines Marienfestes gebracht.

Jüdische Psalmen in der christlichen Liturgie können Ausdruck von respektvoller Teilhabe an der Tradition der jüdischen Religion und ein Bekenntnis zum unaufgebbaren jüdischen Erbe christlicher Theologie sein. Wenn die Kirche im Anschluss an die jüdischen Psalmen jeweils den Dreieinigen Gott preist („Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto“), bekennt sie damit, dass auch sie an den Gott Israels glaubt. Voraussetzung für dieses Verständnis ist, dass die Kirche Raum für eine andere, nämlich eine jüdische Deutung der Jüdischen Bibel und ihrer Psalmen lässt. Wenn sie ihre Deutung nicht mehr neben die der Juden stellt, sondern an deren Stelle setzt, die eigene Deutung also damit als die einzig richtige deklariert, stiehlt sie den Juden deren Bibel. Das geschieht im Sanctus der Marienvesper. Während die reguläre Messe das dreimalige Heilig der Seraphim aus Jesaja 6 unkommentiert zitiert („Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus Deus Sabaoth“), wird es hier mit Hilfe von 1.Johannes 5,7-8 trinitarisch bestimmt. Das Bewusstsein für die Problematik einer Enterbung und Ersetzung der jüdischen Traditionen durch die Kirche gab es in Monteverdis Zeit noch nicht. Sie ist erst im 20. Jahrhundert (in allen Kirchen) gewachsen. Für die gegenwärtige Rezeption alter Traditionen wie der der Marienvesper ist das zu beachten.

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Sind Sie Antisemit?

„Was für eine Frage! Natürlich nicht.“ Sie werden die Frage entschieden verneinen. Ich stelle sie trotzdem.

Antisemitismus hat sich nämlich nicht erledigt mit dem Schock über das Grauen, zu dem er führen kann: Sechs Millionen Menschen brutal ermordet, nur weil sie jüdisch sind, industriell organisiert… „Shoa“ nennen die Juden das, „Katastrophe“. „Nie wieder darf so etwas geschehen!“, haben sich damals alle vernünftigen Menschen geschworen. Und doch ist der Antisemitismus nicht ausgerottet. Und er bestimmt heute keineswegs das Verhalten nur einiger rechtsradikaler Politiker und Proleten, die einen jüdischen Jungen schlagen und ihm die Kipa vom Kopf reißen. Und er findet sich nicht nur im Denken und Tun von Arabern oder Muslimen, die auch auf deutschen Straßen wieder die mörderischen Parolen grölen. Der Bundestag hat zwar schleunigst die Rechtslage geändert, die es aber einem Kölner Richter immerhin erlaubte, den Jahrtausende alten Ritus der Beschneidung männlicher Säuglinge über Nacht zum Straftatbestand zu erklären.

Im Lehrerzimmer eines Gymnasiums in unserer Region kommt das Gespräch auf einen Geschäftemacher, der mit wenig Arbeit viel Geld verdient. „Vielleicht ein Jude“, sagt einer der Lehrer halblaut. Darauf fragt einer der Kollegen laut und vernehmlich: „Bist du Antisemit?“ Betretenes Schweigen im Kollegium. „Was für eine Frage! Natürlich nicht“, würde der Studienrat jetzt gerne antworten. Aber er fühlt sich auch ertappt. Ein anderer springt ihm bei: „War doch nicht so gemeint. Michael, sei doch nicht so humorlos!“ Schließlich meint ein anderer: „Ist doch nicht so schlimm, es hat ja kein Jude gehört.“ Was alle nicht wissen, Michael ist Jude. Er kann nicht wagen, sich in Deutschland als deutscher Jude zu outen… und hat dafür jetzt neue Gründe geliefert bekommen. Gefahr droht ihm als Jude nicht nur von Schülerinnen und Schülern, sondern auch von seinen Kollegen und Kolleginnen, studiert, gebildet, intellektuell. Auch unter ihnen ist der Antisemitismus lebendig. Juden in Deutschland fühlen sich heute wieder gefährdet. Jüdische Orte und jüdische Personen brauchen Polizeischutz. Welch eine Schande!

Der Antisemitismus ist nicht erst dann gefährlich, wenn er Konzentrationslager baut. Der Antisemitismus, der zur Katastrophe geführt hat, begann in den Köpfen und Herzen der Menschen, die ihre Torheiten und Bosheiten von Generation zu Generation weiter gegeben haben. Gezielt oder gedankenlos. Deshalb muss der entschiedene Kampf dagegen dort beginnen, wo er entsteht und weiter gegeben wird. Auch in Kölner Gerichtssälen und Lehrerzimmern. Und die schlichte Frage „Bist du Antisemit?“ kann dabei hilfreich sein.

So frage auch ich manchmal. Wenn die antisemitischen Klischees laut werden. Die Anlässe sind nicht selten. „Nur keine jüdische Hast!“ „Laut wie in einer Judenschule.“ „Jüdische Geilheit“. „Jüdische Raffgier, Geiz, Neid, Berechnung, Überlistung, Übervorteilung…“ Wenn „Judenwitze“ erzählt werden, die Jüdisches verspotten und herabsetzen. Wenn aus dem Arsenal des politischen Antisemitismus geschöpft wird  („Brunnenvergifter, Kindermörder, Weltverschwörung…“) oder die theologischen Klischees bedient werden („Gottesmörder, Stammesreligion, Rachegott, Vergeltungsdenken, Betrüger, Verräter, Judas-Jude…“). Es hilft nicht, die Begriffe zu tabuisieren. Das Denken muss sich ändern.

„Bist du Antisemit?“ Ich habe mit dieser Frage gute Erfahrungen gemacht. Die Frage bewirkt anderes als die Konfrontation „Was du sagst oder tust, ist antisemitisch“ oder „Du bist Antisemit“. Die Frage erlaubt, sie zu verneinen. Sie eröffnet bei dem Gefragten Zeit zum Innehalten, Gelegenheit zum Nachdenken, Einsicht in einen Fehler… und dann vielleicht auch Bedauern, Umkehr, Verhaltensänderung. Wehret den Anfängen! Lieber mit einer höflichen Frage als mit einem nutzlosen Vorwurf.

Neuerdings verkleidet sich der Antisemitismus auch als Israelkritik. Israel bekommt dann die Rolle des Juden unter den Staaten. Pauschale Israelkritik durch die arabische und muslimische Welt bedient sich der Klischees des europäischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts (Hakennase, Krake, Krösus, Vergewaltiger…). Und Europäer lassen ihre alten Klischees wieder neu aufleben. Es gibt sie, die antisemitische Israelkritik.

Aber nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Natürlich gibt es eine berechtigte Kritik der politischen Entscheidungen von Knesset und Regierung Israels. Und es gibt solche – auch in Deutschland, die diese berechtigte Kritik damit verhindern wollen, dass sie ihr das Etikett „antisemitisch“ anheften. Wir müssen lernen zu unterscheiden und zu differenzieren. Wir haben sowohl denen entgegen zu treten, die ihren Antisemitismus als Kritik an Israel verstecken, als auch denen, die die Kritik an Israels Politik damit verhindern wollen, dass sie sie als Antisemitismus diffamieren.

Antisemitisch wird die Kritik an Israel dann, wenn das, was kritisiert wird, als „typisch jüdisch“ hingestellt wird, vor allem

  • wenn mit doppeltem Maß (double standards) gemessen wird, also an Israel kritisiert wird, was sich auch andere Staaten leisten, ohne dass diese kritisiert werden, oder Israel unverhältnismäßig kritisiert wird, etwas angeprangert wird, was bei anderen Staaten verschwiegen, verharmlost oder übersehen wird,
  • wenn Israel als Staat in Frage gestellt wird (delegitimization),
  • wenn Israel pauschal verteufelt wird (demonization).

Im Englischen nennt man die antisemitische Israelkritik deshalb „3D-Antisemitism“: double standards, delegitimization, demonization.

 

Woher kommt der Antisemitismus? Woher? Aus der Unfähigkeit der Menschen, das Anders-Sein eines anderen zu akzeptieren und zu respektieren. Es ist eine Form des vielfältigen Fremdenhasses. Wir wissen heute, dass der Hass auf das Fremde in der Angst vor dem Fremden begründet ist. In der unbegründeten irrationalen Angst, die mit dem Fremdwort „Xeno-phobie“ beschrieben wird. Unter den vielen Formen von Fremdenhass ist der Hass auf das Jüdische singulär. Es gibt keine Gruppe in der Geschichte der Menschheit, der so nachhaltig mit Hass begegnet wurde und wird wie dem Judentum. Der Antisemitismus findet an der jüdischen „Kultur des Anders-Sein“ Nahrung.

Die perfideste Form des Antisemitismus ist die Behauptung, er habe seinen Grund im Jüdisch-Sein der Juden selbst. Juden seien selber schuld. So entschuldigen Antisemiten ihr Verhalten. Das ist so absurd wie die Behauptung, die sexuelle Gewalt eines Mannes gegen eine Frau habe ihre Ursache in deren Busen.

In der Bibel wird erzählt, wie das Volk der Amalekiter heimtückisch das unbewaffnete Volk Israel bei seinem Zug durch die Wüste in einen Hinterhalt gelockt, geschlagen und beinahe vernichtet hat. So ist „Amalek“ zu einer Metapher geworden für die Erfahrung der Juden, permanent bedroht und verfolgt zu sein, nur weil sie jüdisch sind. Die Bibel erzählt von babylonischem, persischem und griechischem Antisemitismus. Seit die Kirche dazu Macht hatte, hat auch sie ihn gefördert und selbst praktiziert. Seine theologische und kirchliche Form wird „Antijudaismus“ genannt, in dem (neben anderen Einflüssen) der moderne säkulare Antisemitismus wurzelt.

„Antisemitismus“ ist übrigens ein irreführendes Kunstwort aus dem 19. Jahrhundert. Dass orientalische Sprachen, Völker und Kulturen „semitisch“ genannt werden, hat keinen Einfluss auf die Bedeutung des Wortes „Antisemitismus“. Es meint nicht Feindschaft gegen orientalische Völker, sondern schlicht Judenfeindschaft.

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Gott auf der Anklagebank

„Nichts kann mich aus Gottes Hand reißen.“ Das ist ein Glaubensbekenntnis, kurz und knapp. Keine komplizierte Dogmatik. Ein einfaches und universales Bekenntnis. In der jüdischen und christlichen Bibel, im Koran und anderen Heiligen Schriften finden wir es. „Nichts kann mich aus Gottes Hand reißen. Komme, was da wolle! Nichts kann mich von der Liebe und Treue meines Schöpfers trennen. Ich kann nicht tiefer fallen, als in die ausgebreitete Hand Gottes.“ Eine wunderbare Metapher. Ausdruck eines elementaren Vertrauens, hilfreich und lebensnotwendig.

„Gott hat mich in der Hand“ – das kann aber auch Ausdruck sein von ohnmächtiger Wut. Das kann der Aufschrei eines Menschen sein, dem das Leben übel mitgespielt hat, der brutale Erfahrungen machen musste, die ihm nicht länger erlauben, an Gottes Liebe und Treue zu glauben. Für den sich Gottes freundliches Angesicht in eine boshafte Fratze gewandelt hat.

Hiob heißt ein solcher Mensch in der Bibel. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen trifft ihn. Seine Familie wird ausgelöscht. Er wird mit einer schmerzvollen Krankheit gequält, die ihn nicht leben und nicht sterben lässt. Sein Gottvertrauen hat sich zum Protest gewandelt. Er kämpft gegen Gott, macht Gott Vorwürfe und setzt ihn auf die Anklagebank.

Und dabei setzt er sich mit seinen frommen Freunden auseinander, die bei ihren Beileidsbesuchen alles falsch machen, was man nur falsch machen kann, wenn man einen Menschen trösten will. Statt Hiob zur Seite zu stehen und ihn in seinem Protest gegen Gott zu stärken, ergreifen sie für Gott Partei und verteidigen ihn. „Füge dich!“ sagen sie. “Gott will dich prüfen, strafen, erziehen. Er meint es gut mit dir.“ Hiob aber wirft sie raus. „Bleibt mir gestohlen mit eurem Gott! Es ist ein Gott in eurer Faust. Nichts als eine Projektion eurer Wünsche. Nicht wir haben Gott in der Hand, sondern er hat uns in der Hand.“ „In Gottes Hand ist die Seele von allem, was lebt“ (Hiob 12,10), schleudert er ihnen entgegen.

Gott ist souverän. Und darum bleibt Hiob angesichts des Leids nichts anderes als Gott zu verklagen. Die Frage nach Gottes Gerechtigkeit offen zu halten statt sie mit frommen Antworten zu erledigen. Vertrauen in Gott wandelt sich angesichts des Leides nicht in fromme Ergebung, sondern in flammenden Protest. Gott und das Böse in der Welt zusammen zu denken – das geht nur so, dass Gott in Frage gestellt wird. In der offenen Frage nach Gottes Gerechtigkeit erweist sich das wahre Gottvertrauen.

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Glück im Unglück

„Glück im Unglück“. Das höre ich überraschend oft. Ein Verkehrsunfall, aber niemand ist ernsthaft verletzt. Diagnose Krebs, aber der Tumor konnte rechtzeitig entfernt werden. Eine junge Frau wird im Park bedroht, aber ein beherzter Passant kommt ihr zur Hilfe. Glück im Unglück.

Natürlich gibt es auch Lebensphasen voller Glück. Sorgenfreie Zeiten. Bewahrung vor Unglück und Gefahr. Aber auch das sind Inseln des Glücks. Im Meer des Unglücks, das andere trifft. Das vielleicht hinter mir liegt oder in unbekannter Zukunft auf mich wartet. „Glück und Glas, wie leicht bricht das!“, sagen wir. Glück erfahren wir nur stückweise im Kontrast zum Unglück.

Glück fällt mir zu, ist ein Geschenk. Etwas, das ich nicht machen, sondern nur empfangen kann. „Jeder ist seines Glückes Schmied“ –  das schärft lediglich ein, dass es mit dem Empfangen allein nicht getan ist, dass ich mit dem, was mir ohne Zutun zufällt, arbeiten soll. Wie ein Schmied mit einem geschenkten Klumpen Gold.

Was in der modernen Welt „Glück“ und „Unglück“ heißt, das nennt die Bibel „Segen“ und „Fluch“. Glück und Segen, von Gott geschenkt. Ein Stück vom Schöpfer in seinen Geschöpfen. Lebenskraft, die das Leben so macht, wie es sein soll.

Biblische Geschichten vom Segen erzählen, wie sich der Segen Gottes gegen die Fluchwirklichkeit der Welt durchsetzt. Wie sich verfluchte Verhältnisse zum Guten wenden, wie der Fluch in Segen gewandelt wird. Wie das Leben über den Tod triumphiert, Frieden über Gewalt, Gerechtigkeit über Ungerechtigkeit siegt.

In der modernen Welt wird das Wort „Segen“ schnell mit Ruhe, Harmonie und heiler Welt gleichgesetzt. In der Bibel ist Segen ein Kampfbegriff. Segen ist der Angriff Gottes auf eine teuflisch verirrte und verwirrte Welt. Mit Auseinandersetzung und Streit setzen sich Frieden und Gerechtigkeit durch.

Mit den Geschichten, die von solchen Erfahrungen erzählen, werden Menschen ermutigt, jetzt dem Bösen zu widerstehen und das Gute heute zu tun. Unglück und Fluch gehören unweigerlich auch zu den heutigen Erfahrungen, aber sie sind nicht Gottes Ziel mit seiner geliebten Welt. Weil der Schöpfer seine Schöpfung liebt, will er Glück im Unglück, will er, dass Segen sich gegen den Fluch durchsetzt. In der Bibel heißt es: „Der HERR, dein Gott, wandelte dir den Fluch in Segen um, weil dich der HERR, dein Gott, lieb hatte“ (5.Mose 23,6).

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Platz im Land der Lebendigen

Juval, 35, jüdisch, Israeli, lebt seit ein paar Jahren in Berlin. Wenn er seine Familie in Tel Aviv besucht, muss er immer noch einmal rechtfertigen, warum er nach Berlin gezogen ist. Hier ist doch der Holocaust geplant und organisiert worden. Und zwei von seinen Urgroßeltern sind dem zum Opfer gefallen. Seine Großmutter hatte ihm beim Abschied einen Zettel in die Hand gedrückt, mit der alten Berliner Adresse ihrer Eltern.

Juval ist nicht religiös, aber seine Zuversicht, in Berlin als Jude seinen Platz zu finden, erinnert mich an den Glauben vieler Juden, einen Platz im „Land der Lebendigen“ zu haben, wie es in der Bibel heißt. Komme, was da wolle! „Herr, du bist meine Zuversicht, mein Teil im Land der Lebendigen“ (Ps 142,6), so beten Juden, selbst wenn sie im Land der Finsternis und des Todes leben müssen.

Juval lebte schon über ein Jahr in Berlin, als ihm der Zettel mit der Anschrift seiner Urgroßeltern wieder in die Hand fällt. Und er beschließt, sich am nächsten Wochenende auf den Weg zu machen. Mit der Adresse in seinem Smartphone dauert es keine Stunde, bis er in der Straße seiner Urgroßeltern steht. Aber Juval ist enttäuscht. Höchstens dreißig Jahre alt sind die Häuser dieser Straße. Er geht trotzdem weiter, bis zur Hausnummer 14.

„Ein Anflug von Sentimentalität überraschte mich“, erzählt  dieser nüchterne IT-Spezialist. „Ich malte mir aus, wie die Straße vor achtzig Jahren ausgesehen haben mag, wie meine Urgroßeltern hier ein- und ausgingen, bis sie das letzte Mal das Haus Nr. 14 verlassen haben. Und dann fiel mein Blick auf zwei kleine in der Sonne leuchtende Messingquadrate, die in den Gehweg eingelassen waren. Als ich mich herunter beugte“, musste Juval gestehen, „verlor ich ein wenig die Fassung. Auf den Messingplatten waren die Namen meiner Urgroßmutter und meines Urgroßvaters eingraviert. Und: ermordet 1943 in Ausschwitz.

Lange hat meine Familie geschwiegen, als ich davon in Tel Aviv erzählte. Das ist für mich das neue Deutschland, habe ich gesagt, das seine Augen nicht verschließt vor seiner dunklen Vergangenheit. Darum kann ich es heute wagen, als Jude in Berlin zu leben. Ja, ich begegne auch Antisemitismus in Berlin. Wie überall auf der Welt. Aber eben auch Menschen, die sich dem beherzt entgegen stellen.“

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Mut zu Widerspruch und Widerstand

Jonatan war ein Mensch mit außergewöhnlichem Mut.  In der Bibel wird erzählt, wie er oft beherzt wagte, wozu die Mehrheit zu feige war. Sein Mut war Ausdruck seines Vertrauens in Gott „Es ist dem Herrn nicht schwer, durch viel oder durch wenig zu helfen“ (1. Samuel 14,6). Das war so etwas wie das Lebensmotto dieses Jonatan. Wo die große Hilfe ausbleibt, entdeckt Jonatan die kleinen Möglichkeiten. Was die Mehrheit in die Verzweiflung treibt, macht ihm Mut und manchmal sogar Übermut, zu tun, was er kann, statt zu bedauern, was er nicht kann.

Mich erinnert Jonatan an ein Plakat. Ein Foto aus den dreißiger Jahren in Deutschland. Eine unüberschaubare Zahl von Menschen dicht gedrängt auf einem riesigen Gelände. Alle erheben die rechte Hand zum sogenannten Deutschen Gruß. Man hört sie geradezu „Heil Hitler“ grölen. Auf dieses Foto ist ein großer gelber Kreis gezeichnet, der den Blick in seine Mitte richtet auf einen einzigen Mann unter Tausenden, dessen rechte Hand nicht erhoben ist.

Einer verweigert den Hitlergruß, für alle seine Nachbarn sichtbar und provokativ. Einer schwimmt gegen den Strom. Einer schert aus, aus der Herde der Mitläufer und Weggucker. Einer hat den Mut des Jonatan. Auch ein kleines Zeichen des Widerspruchs und Widerstands kann beitragen zur großen Hilfe, die von Gott kommt.

Ich wünschte mir das Foto in deutschen Schulbüchern. „Da kann man ja doch nichts machen“, höre ich so oft von Jugendlichen und Erwachsenen. Es ist das Bekenntnis der Gottlosigkeit. Diese Haltung, die lähmt und blind macht für die kleinen Zeichen des Möglichen. Wenn Widerspruch und Widerstand in Nazi-Deutschland möglich war, wie viel mehr im demokratischen Deutschland!

Ich habe das Foto aber nicht in einem deutschen Schulbuch gefunden, sondern in Israel in der ältesten Gedenkstätte für die Opfer des Holocausts und des Warschauer Aufstandes. Die israelischen Pädagoginnen und Pädagogen nutzen es bei ihrer Arbeit mit jüdischen und palästinensischen Jugendlichen. Die auf hebräisch und arabisch so oft sagen „Da kann man ja doch nichts machen“. So ermutigen die Pädagogen die nächste Generation, sich ein Beispiel an Jonatan zu nehmen. Auszusteigen aus dem Trott der Alten, die festgefahrenen Argumentationsmuster zu verlassen und neue Wege zu gehen, aufeinander zu. Gegen den Mainstream im Land zu agieren und zu argumentieren. Sie sagen: Wenn Widerspruch und Widerstand in Nazi-Deutschland möglich war, wie viel mehr im demokratischen Israel!

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