Die Heimreise

Das Vorspiel

Um nach fünf Jahren von Israel und Palästina zurück nach Köln zu kommen, dazu bedarf es einer komplizierten Logistik. Sie half den Umzug einigermaßen unkompliziert zu gestalten. Ein Freund mit seinem Kumpel hat mir freundlicherweise meine Wohnung in Köln so hergerichtet, dass der Container mit dem übrigen Stoff kommen kann. Der Container, der am 1. August Nes Ammim verlassen hatte, sollte längst in Köln sein. Aber die Schlamperei der israelischen Partnerfirma meines internationalen Umzug-Unternehmens verursacht eine Verzögerung von zwei Wochen. Ich habe mich also noch ein wenig zu gedulden.

Bis auf diesen Umstand aber ist der Exodus aus meinem Gelobten Land gelungen. Am Ende kann ich sagen, Gott sei Dank, es war rundherum eine gelungene Erfahrung. In gewisser Weise erscheint mir die Rückreise wie eine Therapie, die hilft, die Wunden, die jeder Abschied reißt, verheilen zu lassen und jenseits zu einem unbeschwerten Neubeginn zu kommen. Ich habe in meinem Leben vieler solcher tiefgreifenden Abschiede erlebt, weil ich mich von so unterschiedlichen Orten und Aufgabenfeldern lösen musste. Immer war es ein Weg ins Neuland. Diesmal ist es zum ersten Mal ein Weg zurück. Davor hatte ich auch ein wenig Angst. Aber nach dieser intensiven Heimreise sehe ich der Zukunft gelassen entgegen.

Der verlängerte und verlangsamte Abschied

Natürlich verlief mein Abschied nicht so, wie er geplant war. Aber am Ende war er noch viel besser. Mein Ziel, ihn zu verlangsamen, wurde  viel mehr erreicht, als ich es hätte organisieren können.

Ich wusste ja von Anfang an, dass das Datum der Abfahrt meines Schiffes um ein paar Tage variieren konnte. So wunderte es mich nicht, als mir mitgeteilt wurde, dass das Schiff „Spes“ (Hoffnung), das am 13.8. von Ashod losfahren sollte, ganz ausfiel. Welch ein Zeichen! (zum Glück ein falsches!) Zunächst wurde mir dafür ein Schiff angeboten, das bereits am 11.8. in See stechen sollte, der Tag, an dem ich von der Rundfunkaufnahme in Berlin wieder in Nes Ammim eintraf, also für mich nicht in Frage kam. Als weitere Möglichkeit ergab sich dann eine Fahrt mit dem Schiff „Grande Italia“ am 18.8. ab Haifa.  Von Haifa, das ich von Anfang an in mein Herz geschlossen hatte, abzufahren, war auf jeden Fall für mich die bessere Alternative. Nur hieß es einige Zeit später, das Schiff führe nun doch erst am 21. oder 22.8.  Ich willigte ein mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass der 22.8. Deadline ist, weil an diesem Tag die Gültigkeit meines Visums erlischt. (Vor genau fünf Jahren bin ich an diesem Tag eingereist.) Und die israelischen Behörden sind in solchen Angelegenheiten erfahrungsgemäß mehr als streng.

Ich hatte also eine Woche mehr, in Nes Ammim Abschied zu nehmen. Ich konnte Menschen nach Deutschland verabschieden, die sich schon von mir verabschiedet hatten. Von denen ich mich (z.B. in der Reform-Synagoge) verabschiedet hatte, wunderten sich, mich plötzlich wieder zu sehen. Es ging schon das Gerücht, ich hätte ein „permanentes Aufenthaltsrecht“ und würde demnächst israelischer Staatsbürger. (Keine Angst! Alles nur Gerüchte. Meine Vorhaut opfere ich nicht.) Ich genoss vielmehr meinen nur langsam voranschreitenden Abschied in der Zeit ohne Verpflichtungen und war mehr und mehr entspannt.

Am 21.8. erfuhr ich dann, dass das Schiff erst am Abend des 23.8. in Haifa eintreffen werde und ich erst am 24. morgens auf das Schiff könne. Ich würde also einen Tag und zwei Nächte „illegal“ sein. Es gab wilde Fantasien, welche Folgen das für meine Ausreise (und noch mehr für eine mögliche spätere Einreise) haben würde. In diesem Zusammenhang fiel auch mehrfach das Wort „jail“ (Gefängnis). Damit werden ja in Deutschland „Illegale“ bedroht. Am nächsten Tag erst gab es Entwarnung, als Madlen, die freundliche Dame von der Reise-Agentur in Haifa, das Ergebnis ihrer Recherche mitteilte: Es gibt keine Probleme bei der Ausreise mit einem überzogenen Visum, wenn das Schiff Verspätung hat – und natürlich dann auch nicht bei einer möglichen späteren Einreise.

Mein letzter Tag im Lande: 24. August 2016

Tief und fest schlief ich nach dem allerletzten Abschiedsabend unter der Roten Laterne (unserem sommerlichen Abendtreff) und erwachte, bevor der Wecker klingelte, so dass ich entspannt um 6.30 mit dem ersten Bus Nr. 30 von Nes Ammim nach Naharia fuhr. Drei treue Unentwegte von der Morgenschicht haben es sich nicht nehmen lassen, mich auch hier noch einmal zu verabschieden. Departure in Nes AmmimDer Zug brachte mich nach Haifa und ein kurzer Fußweg zur Reiseagentur. Madlen packte mich samt Koffer und Rucksack in ihr Auto und fuhr mich zum Schiff. Sie hatte ihre Fahrt bei allen Ämtern angemeldet.

Ich war an diesem 24. August offensichtlich der einzige Mensch, der in Haifa das Land verließ. Das wurde schon daran deutlich, welche Schwierigkeiten es machte, das schwere eiserne Eingangstor zu öffnen, was offensichtlich nicht alle Tage geschah. Drei schwer bewaffnete Wachleute versuchten es in fünf Anläufen mit verschiedenen Schlüsseln, bis wir es endlich passieren konnten. Auto-Kontrolle entfiel, weil alle Madlens Auto kannten. Erste Station war die nur für mich geöffnete große heute unbeleuchtete „Empfangshalle“, die einst gebaut wurde, als es noch reguläre Fährverbindungen nach Zypern und zu griechischen und italienischen Häfen gab und um an wenigen Tagen im Jahr die fünftausend Passiere eines einzigen amerikanischen Kreuzfahrtschiffs schnell und effektiv abzufertigen für deren Trip „Holy Land on One Day“.

Da stand ich nun mitten in der Halle allein mit meinem Gepäck, bis sich zwei sichtbar bewaffnete Männer in Uniform und eine chic gekleidete junge Frau der Halle gemütlich näherten, eintraten und meinen Pass verlangten. Während einer meine Passdaten telefonisch weitergab, umkreisten die drei mich im Abstand von 6-8 Metern wie Tiger, die ihre Beute ausgemacht hatten – wahrscheinlich gemäß den Sicherheitsvorschriften, die ihnen geboten, Abstand zu einem unbekannten Objekt (und Subjekt) zu halten. Da ich offensichtlich – vielleicht seit Tagen – der einzige Grenzgänger in Haifa war, hatten sie alle Zeit der Welt für ein Interview, das einer der Männer führte. Alle Interviews der letzten fünf Jahre am Flughafen zusammen genommen haben nicht so lange gedauert wie dieses. Der freundliche Mann musste sich immer wieder bei seiner Chefin vergewissern, ob sie mit meinen Antworten zufrieden sein konnten und welche Themen noch anzuschneiden sind. (Möglicherweise war die ganze Veranstaltung so etwas wie ein Examen für den Interviewer?) Ich fühlte mich königlich. Da ich nichts zu verbergen also auch nichts zu befürchten hatte, ließ ich sie innerlich amüsiert ihre Pflichten an mir verrichten, wohl weißlich aber diese Gefühle verbergend, weil sich das Spiel verlängern würde, wenn sie sich nicht ernst genommen wussten. Zum Abschied also noch einmal ein Lehrstück über das überzogene, aber verständliche Sicherheitsbedürfnis Israels. Am Ende bedankten sie sich freundlich, so dass ich mich samt Gepäck wieder in Madlens Auto begeben konnte.

Auf dunklen verschlungenen Wegen brachte sie mich zu einem Gebäude aus britischen Tagen, das zwischen all den Betonbauten etwas verloren wirkte. Grenzkontrolle. Ich stand mit meinem Gepäck in einem winzigen Büro mit drei sich offensichtlich langweilenden Personen. Eine trug handschriftlich Daten aus meinem Pass in eine Liste. Schnell gab sie mir meinen Pass zurück, verlangte ihn dann aber noch mal, weil sie vergessen hatte, ihn auf den Kopierer zu legen. Mein abgelaufenes Visum schaute sie nicht an, bevor sie mir den Pass zurückgab. Damit hatte ich das Land offiziell verlassen.

Wieder ins Auto samt Gepäck. Jetzt ging es zum Schiff, ein riesiges schwimmendes zehnstöckiges Parkhaus für bis zu dreitausend Neuwagen verschiedener Hersteller.P1050329 Hunderte von Autos hatten das Schiff bereits verlassen. Israel hat ja keine eigene Auto-Industrie, aber ein Verkehrsaufkommen, das es mit jedem europäischen Land aufnehmen kann. Bis zu der aus dem Maul des Schiffes ausgelegten eisernen Zunge brachte mich das Auto. Die letzten Meter zog ich meinen Rollkoffer hinauf in den Schiffsbauch. Dort wurde ich von einem Matrosen freundlich empfangen und in eine Liste eingetragen. Ich händigte mein Ticket und meinen Pass aus, den ich erst beim Verlassen des Schiffes zurückbekomme. Der Matrose nahm meinen Koffer und brachte uns per Aufzug aufs Deck und zu meiner Kajüte mit vier Betten. Drei solcher Kajüten hat das Schiff. Neben an wohnt ein Italiener, der in seinem Urlaub die ganze Tour macht und ebenfalls „seine Ruhe haben“ will.

Vom Deck bot sich mir ein faszinierender ungewohnter Blick auf Haifa mit all seinen Orten und Plätzen, an denen ich in den letzten fünf Jahren zigmal gewesen bin: Downtown mit seinen Moscheen und Kirchen, Wadi Niknas und Hadar, die Bahai-Gärten und die Schule der Schwestern von Nazaret, die Deutsche Kolonie und unübersehbar Stella Maris. Und gleich vor mir die quietschenden roten und blauen Züge von und nach Naharia. Der Tag wurde mir nicht lang.P1050339

Vor dem Abendessen wurden alle per Lautsprecher ins Schiffsbüro beordert „zur Gesichtskontrolle“. Jeder einzelne der gesamten 26köpfigen Mannschaft und die beiden Passagiere mussten einzeln ins Büro eintreten. Solche „Gesichtskontrollen“ finden nur in israelischen Häfen statt, erklärte mir jemand aus der Mannschaft. Ich traf eine junge Frau und einen jungen Mann in Zivil von einem der israelischen Sicherheitsdienste mit meinem Pass in der Hand.

Für mich nahmen sie sich etwas mehr Zeit, weil ich der einzige war, der in Haifa zugestiegen war. Ein neues Interview begann, das aber sehr schnell zu einer freundlichen Plauderei mit der jungen Dame wurde, als sie hörte, dass ich aus Nes Ammim käme, was sie, in Naharia aufgewachsen, sehr gut kannte.

Dem Kommando eines italienischen Kapitäns unterstand eine Mannschaft aus Indern und Italienern. Auch Offiziere und Ingenieure waren Inder und einer der Köche. Denn es gab indisches und Italienisches Essen. Ich wählte das italienische und genoss Parmesano und Pasta al dente nach fünf Jahren zerkochter Nudeln in Israel. Unter den Indern waren Hindus, Muslime, Siqhs und Christen. Alle sprachen englisch.

Eigentlich sollte das Schiff nach dem Abendessen ablegen. Aber es war noch nicht ganz entladen. Eine Firma hatte sich offensichtlich verspätet. (Noch bin ich in Israel!) Die Niederlassungen der verschiedenen Autofirmen in Israel kommen in der Regel mit einem Kleinbus und einem weiteren Wagen in den Schiffsbauch gefahren, lassen blitzschnell 10-12 Fahrer aussteigen und jeweils einen der Neuwagen, die bis auf die Fahrertür und die Windschutzscheibe zugeklebt sind, nach draußen fahren und auf dem Areal vor dem Schiff aufreihen. Inzwischen sind die beiden Autos draußen wieder zur Stelle, laden die Fahrer ein und die nächste Runde kann beginnen.P1050335

Um 21 Uhr kann das Schiff endlich ablegen. Auch das ist eine interessante Prozedur. Ein Schlepper zieht mit einem Tau das Heck des Schiffes nach links vom Kai weg, während das Schiff ganz langsam in die Linkskurve geht, bis es geradeaus aus der Hafenausfahrt und dann mit voller Kraft nach links, nach Nord-Westen zwischen den vielen erleuchteten großen Schiffen hindurch, die in der Bucht parken, ins freie Meer fahren kann.

Ein traumhaft schönes Bild entsteht vor meinen Augen. Während ich bei Tageslicht durch den Dunst hindurch nur gerade Akko erkennen konnte, sehe ich jetzt die Lichter der gesamten Küste von Akko bis Rosh HaNiqra, darüber Abu Snan, Kfar Wradim, Tefen usw., das ganze Panorama Westgaliläas, meines Lebensraumes während der letzten Jahre. Geradeaus die Kiryot Region und zur Rechten der hell erleuchtete Karmel-Nordhang Haifas, vom Technion bis zum Leuchtturm in Stella Maris mit den Bahai-Gärten mitten drin. Je weiter es geht, desto mehr öffnet sich der Blick nach rechts über Hof HaKarmel und Atlit bis Hadera und nach links bis weit in den Libanon hinein.P1050343

Mehr als zwei Stunden stehe ich am Heck an der Reling und schaue, wie das Land am Horizont ganz langsam versinkt. Nach zwei Stunden ist nur noch der hell erleuchtet Himmel über Haifa zu erkennen. Und das Letzte, was ich vom Land sehen kann, ist – das Licht des Leuchtturms von Stella Maris.

Nicht von ungefähr haben die Briten auf dieser Felsspitze des Karmel ihre Radarstation aufgebaut, um die ganze Küste im Auge zu haben und sie vor ungewollten Eindringlingen zu schützen. Auch damals ist den Europäern nichts Besseres eingefallen, als Flüchtlinge aus Lebensgefahr vom „sicheren Hafen“ fern zu halten, um die Probleme im Land zu lösen. Dass das nicht half, wissen wir heute, und doch werden daraus wenig Lehren gezogen. Damals haben beherzte jüdische Männer eines Nachts die Radarstation in die Luft gesprengt. Die Briten nennen sie „Terroristen“, die Israelis „Freiheitskämpfer“. Heute nennen die Palästinenser die „Freiheitskämpfer“, die die Israelis „Terroristen“ nennen. Der Blick in die Geschichte relativiert so manches.

Als ich gegen Mitternacht mich auf mein Bett lege, bin ich im Nu eingeschlafen.

Als privilegierter Passagier auf dem Mittelmeer

Der Blick vom Deck am nächsten Morgen offenbart eine für mich ganz neue Erfahrung: Meer soweit das Auge blicken kann. Ich mache mir klar, wie das warme azurblaue Meer mit seiner nur leicht gekräuselten Oberfläche Menschen, zumal wenn sie von Lebensgefahr bedroht sind, die Illusion suggerieren kann, man könne sich mit einem kleinen Boot, einer Nussschale gleich, auf dieses tiefe Wasser wagen. Ich ertappe mich dabei, wie ich immer wieder die Wasserfläche danach absuche, obwohl mich mein Kopf lehrt, dass das Schiffsradar tausendmal schärfere Augen hat als ich.

Als komfortabel reisender Privilegierter gehen mir die nicht aus dem Sinn, die auf diesem Meer andere Erfahrungen gemacht haben. Das sind nicht nur die Flüchtlinge unserer Tage, für deren Schicksal wir verantwortlich sind, sondern auch die, die vor siebzig Jahren über dieses Meer in Palästina Zuflucht suchten und brutal zurückgewiesen wurden. Auch der Beginn der Jona-Novelle spielt hier und die Reisen des Apostel Paulus, dessen letzte Reise nach Rom wie die des Propheten Jona die elementare Erfahrung einer Rettung durch die Todesgefahr hindurch wurde. Kein Vergleich mit meinem hoch technisierten schwimmenden Parkhaus, in dem ich ruhiger als im ICE reise! Die Winterstürme sind Ende August noch nicht zu erwarten, die Paulus zum Verhängnis wurden. Und selbst die kann mein Kahn besser meistern als der des Paulus. Und ich bin weder auf der Flucht noch eile ich wie besessen, um meinen Auftrag zu erfüllen. Vor mir liegt keine Dauerverpflichtung mehr, sondern hoffentlich die Freiheit des Sabbats meines Lebens nach einer überaus erfüllten „Lebens-Woche“.

Erst bei Sonnenuntergang passieren wir die Südwestküste Zyperns. Das kündigte sich, längst bevor wir Land sehen konnten, – nicht durch Rabe, Taube oder Ölzweig an, sondern durch die an Deck strömenden Matrosen, die nach WLAN für ihre Smartphone Ausschau halten. Am nächsten Morgen weckte mich die durch meine Luke scheinende aufgehende Sonne. Da wusste ich, dass ich die Straße von Rhodos verpasst hatte und das Schiff längst gen Norden fuhr, entlang der türkische Westküste zwischen griechischen Inseln hindurch. Reiseerinnerungen aus verschiedenen Phasen meines Lebens werden wach, beginnend mit der sechswöchigen Griechenland-Reise nach unserem Abitur vor 51 Jahren: Ägina, Kreta, Mykonos, Delos. Damals gab es noch einen griechischen König. Und schon damals hatten die Griechen das Image von Schlitzohren. Die türkische Küste bereiste ich dreimal, 1962, 1973, 2006 und konnte die enormen Veränderungen wahrnehmen.

Überraschend schnell erreichen wir gegen Mittag die Dardanellen, wo wir einen Lotsen an Bord nehmen und die Fahrgeschwindigkeit erheblich drosseln. Sie sind nicht einmal so breit wie die Unterelbe gleich hinter Hamburg. Das erklärt, warum sie im Altertum bis in die Neuzeit immer heftig umkämpft waren. Wer hier sitzt, kontrolliert das Zentrum der Macht: den Zugang nach Konstantinopel, der Hauptstadt der römisch-byzantinischen Herrschaft  für über tausend Jahre, später nach Istanbul, der Hauptstadt der (türkischen) Osmanen für fünfhundert Jahre, und zu den eisfreien Häfen des Zarenreiches, der Sowjetunion und des neuen Russlands und der übrigen Anrainer des Schwarzen Meeres. Selbst U-Boote können hier nicht unbemerkt bleiben. Festungen aus unterschiedlichen Zeiten rechts und links erzählen diese Geschichte. Und die türkische Nationalfahne in allen Formen und Übergrößen ist der wenig dezente Hinweis darauf, welche Nation heute hier das Sagen hat und wie sie sich artikuliert.

Zwischen Dardanellen und dem Bosporus erstreckt sich das Marmara-Meer, das ich mir nicht so groß vorgestellt hatte. Zeitweise entschwand den Augen ringsherum am Horizont alles Land. Das Wasser ist schwarz wie die Nordsee. Meeresbiologisch also schon ein Teil des Schwarzen Meeres? Die grün bewaldeten Hügel weisen auf die Niederschläge auch im Sommer hin, von denen wir gleich einen kurzen Schauer abbekommen: für mich der erste Regen seit April! Eine leibhaftige Erfahrung, dass ich das von mir so geliebte mediterrane Klima verlasse.

Istanbul war nicht das Ziel unserer Reise, sondern zwei Industriehäfen in den Buchten des Marmara-Meeres, dessen Ufer von Schwerindustrie übersät sind. Das in Alexandria und Haifa völlig entleerte Schiff wird hier wieder gefüllt. Weltfirmen der Auto-Industrie haben hier im Billig-Lohn-Land Türkei ihre Zweigwerke mit Seehafen. Ihre Produkte trägt unser Schiff nun zurück zu den europäischen Kunden. Unser nächster Hafen ist Ravenna, in dem das Schiff wieder entleert wird von hunderten Autos unter anderem der Marke Fiat, die in der Türkei produziert wurden. Meine Reise ist also auch eine Lehrstunde über Weltwirtschaft.

Als wir auf der Rückreise die Dardanellen hinter uns lassen, fällt mein Blick auf die Hügel links von uns, wo Heinrich Schliemann Troja entdeckte. Am Abend des nächsten Tages werden wir die Insel Ittaka im Jonischen Meer, der Heimat des Odysseus,  passieren, nachdem wir auf unserer Fahrt rund um die Peleponnes die Orte der meisten anderen Helden von Troja sehen oder vermuten konnten, Mykene Tiryns, Sparta. Die Reise mit dem italienischen Parkhaus ist wahrlich keine Odyssee mehr! Aber unser Griechisch-Lehrer kommt mir in den Sinn, der uns durch die Verse Homers quälte.

Als wir die Südspitze der Peleponnes passiert haben, wo ich einst vom Land aus den Eingang zur Hölle des klassischen Griechenlands besichtigen konnte, war ein weiterer Meilenstein meiner Reise erreicht: Von nun an ging‘s unumkehrbar nach Norden. Und als die Sonne zwanzig Minuten später als am Abend zuvor im Meer versank, war klar, wie weit wir schon nach Westen vorgedrungen waren. Und als wir dann Korfu hinter uns ließen (ebenfalls ein Ort wehmütiger Erinnerungen), wurde die Uhr auf dem Schiff eine Stunde zurück gestellt von OEZ zu MEZ. Das ist jetzt für lange wieder „meine“ Zeit. Was ich während der letzten fünf Jahre im Hin und Her zwischen Deutschland und Israel immer gleich nach dem Start im Flugzeug getan habe, geschieht jetzt fünf Tage nach meiner Abfahrt in Haifa. Auch daran ist die wohltuende Verlangsamung meiner Rückkehr zu spüren.

Als ich in der Nacht wach werde, hat das Schiff bereits in Ravenna angelegt und wird entladen. Am nächsten Morgen dann die Überraschung: wir fahren nicht zum slowenischen Hafen Koper, sondern direkt nach Monfalcone, wo wir am gleichen Abend ankommen werden. Damit dauert meine Reise einen Tag weniger als geplant. Ich beschließe aber, noch einmal auf dem Schiff zu übernachten, am nächsten Tag mit dem Zug nach Villach in Österreich zu fahren, um dann am übernächsten Tag entspannt mit dem EuroCity ohne Umsteigen nach Köln zu kommen.

Der letzte Teil der Schiffreise ist dann nochmal ein besonderes Erlebnis. Während wir uns Venedig nähern (wieder mit Erinnerungen an eine eindrückliche Reise) steigen die Alpen buchstäblich aus dem Meer auf und bauen sich vor uns auf, als wollten sie sagen: Bis hierher und nicht weiter. Die Adria ist ja tatsächlich eine Sackgasse, ein dead end und die klare Sicht lässt uns das eindrucksvoll wahrnehmen, zumal wir längere Zeit zwischen Monfalcone und Triest ankern müssen, weil es im Hafen für unser Schiff noch keinen Platz gibt. Das Ritardando vor der Einfahrt in den Zielhafen tut gut und verlangsamt noch einmal meine Rückkehr.

Ab jetzt geht es für jeden, der aus dem Morgenland ins Abendland heimkehrt, nur noch zu Fuß oder zu Pferde, mit Rad, Auto oder Eisenbahn weiter. Ich teile diese Erfahrung mit allen, die diesen Weg beschritten haben, den Kreuzrittern im Mittelalter, den Briten 1948, den vielen Pilgern, von denen wohl die meisten den ganzen Weg zu Fuß zurück gelegt haben – und die vielen Israel-Reisenden, auch Freiwilligen aus Nes Ammim -, die zu Zeiten zurück kamen, in denen die Schiffsfähre noch das übliche Verkehrsmittel war für den Weg nach und von Israel. Sie alle haben unterschiedlich nachhaltige Spuren hinterlassen, nicht nur rühmliche. Aber diesen Gedanken lasse ich jetzt hinter mir und konzentriere mich auf das, was vor mir liegt.

Von der Adria an den Rhein

Am nächsten Morgen bringt mich ein Taxi vom Schiff zum Bahnhof mit längerem Aufenthalt an der Passkontrolle im Hafen. Leichtsinnigerweise verrate ich auf Nachfrage, dass ich noch keinen bestimmten Zug im Sinn habe, so dass die sich langweilenden Kontrolleure ein Opfer für ihre Statistik gefunden haben. Es interessiert sie mein Bargeld, das ich in Scheinen einführe (260 €). Zu anderem gibt ein mit gültigem europäischem Pass einreisender Europäer an der berühmten Außengrenze offensichtlich keinen Anlass. Es dauert eine Weile, bis sie das Formular, das ich zu unterschreiben habe, ausgefüllt haben. Der Taxifahrer wartet geduldig.

Mein Zielwunsch „Köln“ verursachte bei dem freundlichen älteren Herrn am Schalter eine gewisse Ratlosigkeit und nach Eingabe in den Computer, dass dieser augenblicklich abstürzte und für längere Zeit nicht zu gebrauchen war, was die Schlange hinter mir immer länger werden ließ. Er offerierte mir schließlich drei Möglichkeiten. Über Mailand und Basel oder über Verona und München (mit beidem wäre ich mit ICE und ICE ähnlichen Zügen noch am gleichen Abend wenn auch spät in Köln gewesen) oder über Udine und Villach. Ich hatte mich schon für die letztere entschieden. Das eröffnete mir die Möglichkeit, noch eine Nacht in den Alpen zu verbringen und am nächsten Tag mit dem EC ohne Umsteigen in elf Stunden durch die Zentral- und Nordalpen und von Salzburg quer durch Deutschland am Ende den Rhein herunter zu fahren.

Das war nach der langen Seereise noch einmal wie der Punkt auf dem i, was noch dadurch gesteigert wurde, dass ich von Udine nach Villach einen Bus nehmen musste, weil der Schienenverkehr wegen Gleisarbeiten eingeschränkt war. (Wahrscheinlich hatten die vielen deutschen Autotransporte die Strecke ramponiert.) Und das ist nach fünf Jahren Orient ein Erlebnis der besonderen Art: dieser Überfluss an Wasser, dieses satte Grün der Weiden und Wälder und diese atemberaubend steil aufsteigenden Felsen. An die vielen Aufenthalte in den Alpen wurde ich tief in meiner Seele erinnert. Irgendwie hatte ich vergessen, wie schön Europa ist. Auch der Weg von der Adria an den Rhein trug dazu bei, mich Stück für Stück wieder heimisch zu fühlen. In Villach aß ich am Abend regional und saisonal bedingt Pfifferlinge, die in Österreich ja „Eierschwammerl“ heißen und die es natürlich in Israel nicht gibt.

Und schließlich die Fahrt durch Deutschland im EC, der zum Schluss nur 20 Minuten Verspätung hatte, vorbei an den Burgen am Mittelrhein, gebaut von Rittern, die diese Architektur im Orient gelernt hatten. Früher dachte ich ja in meinem erlernten Eurozentrismus, es verhalte sich umgekehrt.  In den nächsten Tagen werde ich die Maalot-Stufen heraufgehen, auf denen die Jerusalem-Pilger zurück nach Köln kamen, und nach Maria im Kapitol, deren Grundriss bekanntlich der orthodoxen Geburtskirche in Bethlehem abgeschaut ist. Ich werde meine Mitgliedschaft im Partnerschaftsverein Köln-Bethlehem und im Partnerschaftsverein Köln-Tel Aviv beantragen. Und natürlich werde ich mich weiter in Deutschland für Nes Ammim einsetzen … und hin und wieder als Besucher zurück nach Israel und Palästina fahren – solange Kraft und Gesundheit es zulassen…

Posted in Uncategorized | Leave a comment

“Wir weigern uns, Feinde zu sein” – Das andere Gesicht Palästinas und Israels

Nach fünf Jahren in Israel und Palästina werde ich hier in Deutschland oft konfrontiert mit Vorurteilen, die in krassem Widerspruch zu meinen Erfahrungen dort stehen. Das Wort “Gewalt”, das vielen als erstes einfällt, wenn sie an Israel und Palästina denken, legt einfach die falsche Spur. Deshalb meiden ja viele das Land – aber ganz zu Unrecht. Gewalt bestimmt das Leben im Nahen Osten jenseits der Grenzen Israels, zum Beispiel in Syrien. Aber innerhalb der Grenzen Israels und Palästinas gibt es nicht mehr Gewalt als in Europa.

Von diesem “anderen Gesicht” Palästinas und Israels will ich heute erzählen. Ungerechtigkeit gehört durchaus dazu und darum Konflikte und Streit, aber auch Menschen, die sich anders verhalten als üblich, die keine Gewalt ausüben. Palästinenserinnen und Palästinenser, die gewaltfrei für Gerechtigkeit kämpfen, und jüdische Israeli, die sie darin unterstützen, statt sie zu bekämpfen. Ihr Motto heißt: “Wir weigern uns, Feinde zu sein”.CibmopxWgAIVCLZ

Ich fahre zwar mit dem Bus, der Jerusalem mit den vielen jüdischen Siedlungen im Süden Palästinas verbindet. Aber die Siedlungen sind nicht mein Ziel, sondern die Farm der palästinensischen christlichen Familie Nassar. 20 Minuten zu Fuß sind es von der Bushaltestelle bis zum “Zelt der Nationen”, wie sie ihre Farm nennen, einem internationalen und interreligiösen Begegnungsort. Es ist eine Farm ohne Gebäude. Denn Palästinenser dürfen hier auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht mal ein Toilettenhäuschen bauen, während um die palästinensische Farm herum im sogenannten Gush Etzion über 50.000 jüdische Israeli kleine und große Städte aus dem Erdboden stampfen.P1050196

Ich treffe mich mit Daoud, der in Österreich studiert hat. Für das Interview suchen wir Schutz am Eingang einer Höhle vor dem scharf pfeifenden Wind, der auch an heißen Tagen frisch vom Mittelmeer herauf weht. An klaren Tagen sieht man es aus der Ferne blinken.

Daud: “Wir sind hier auf einem Gebiet, sieben Kilometer entfernt von Bethlehem, heißt Daher’s Weinberg. Das Land gehört meiner Familie seit 1916. Meine Familie hat in einer Höhle gewohnt hier auf dem Gelände. So ist hier mein Vater und Onkel mit dem Land groß geworden. Das Land wurde registriert und wir haben Dokumente von den Osmanen, von den Engländern, von den Jordaniern und von den Israelis. Wir sind jetzt umgeben von fünf israelischen Siedlungen, und das ist der einzige Hügel, der unter palästinensischer Kontrolle ist. Seit 1991 versuchen die Israelis, unser Land zu enteignen, um eine neue Siedlung zu gründen. Wir haben Angriffe von israelischen Siedlern, die uns attackiert haben, ganz besonders zwischen 1991 und 2002. Sie waren hier und haben Bäume bei uns zerstört, uns mit Maschinengewehren bedroht, sie haben versucht, drei Mal eine Straße durch das Gelände zu bauen. Wir waren vorm Gericht und wir sind immer noch vor Gericht seit 1991. Wir haben nicht aufgegeben. Wir sind immer noch hier.”

Haben die israelischen Siedler denn inzwischen aufgegeben? frage ich meinen palästinensischen Gesprächspartner.

Daud: “Sie haben uns angeboten, das Land zu verkaufen. Und das letzte Angebot war ein Blanko-Scheck. Wir haben geantwortet: “Unser Land ist wie unsere Mutter, und klar man darf die Mutter nicht verkaufen.” Jetzt versuchen sie, uns zu isolieren. Die Straße ist gesperrt seit 2001. Wir dürfen kein Leitungswasser hier haben, keinen Strom und keine Baugenehmigung.”P1050186

Eine Farm ohne Zufahrt, ohne Wasser, Strom und Gebäude? Wo bleibt da Raum für eine Zukunftsperspektive?

Daud: “Wenn man keine Hoffnung, keine Zukunftsperspektive hat, wenn man das Gefühl hat, ist man zur Ecke geschoben, dann reagiert man entweder mit Gewalt oder Resignation oder Wegrennen, Emigration. Wir haben gesagt von Anfang an: Wir sind gegen Gewalt, weil Gewalt erzeugt Gegengewalt, und man kann nie einen Konflikt mit Gewalt lösen. Die zweite Option ist Resignation. Man gibt auf und man stellt sich als Opfer. Und das ist gefährlich, in diese Opferrolle zu kommen. Und dann bliebe uns auszuwandern, wegzurennen. Das ist nicht in Ordnung. Wir wollen nicht von dem Ort weggehen. Was sollen wir tun? Wir haben gedacht, es muss auch einen anderen Weg geben.”

Gewalt – Resignation – Auswanderung. Das sind die üblichen Reaktionen auf Entrechtung und Unterdrückung… überall auf der Welt, nicht nur im palästinensisch-israelischen Konflikt. Wie kann man dazu Alternativen finden?

Daud: “Dann haben wir vier Sachen gesagt, die unsere Prinzipien geworden sind. Erst mal, wir sind keine Opfer. Es war uns sehr wichtig, aus dieser Opfer-Mentalität rauszukommen, damit man agieren statt reagieren und zwar anders agieren. Zweitens, wir weigern uns zu hassen. Leicht gesagt, schwer, es zu praktizieren. Wir respektieren die Menschen als Menschen, aber wir dürfen nicht ihre negativen Taten akzeptieren. Drittens, unser christlicher Glaube ist der Weg, unser Widerstand hier. Viertens, wir sind Menschen, die an Gerechtigkeit glauben. Und wir glauben ganz fest, dass eines Tages die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen. Wir haben einen vierten Weg gewählt, einen gewaltlosen Widerstand geleistet, das Böse mit dem Guten zu überwinden. Unter dem Motto “Wir weigern uns, Feinde zu sein”. Das ist unser aktiver positiver kreativer Widerstand.”

Die Siedler, unterstützt von der israelischen Armee, wollen die palästinensische Farm mitten zwischen den Siedlungen weg haben. “Sie sind ein Sicherheitsrisiko”, sagen sie, “denn die Palästinenser sind unsere Feinde”. Aber die Palästinenser unterlaufen dieses Feindbild. Sie leisten Widerstand, gewaltfrei. Sie setzen beherzt ihr Motto dagegen: “Wir weigern uns, Feinde zu sein.”A003

Daud: “Unter diesem Motto haben wir das Projekt “Tent of Nations” gegründet mit der Idee, unsere Frustration positiv zu kanalisieren. Unsere Farm öffnen für Menschen aus verschiedene Ländern, Kulturen und Religionen – so unser Motto: “Kommen und sehen – und nach Hause gehen und weiter erzählen” – und dann eine Verbindung schaffen zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Land. Dann haben wir begonnen, aus dieser Opferrolle rauszukommen. Wir können was tun auch in einer schwierigen Situation. Und dann haben wir begonnen, unsere Probleme positiv zu lösen.”

Das klingt gut. Was sie im Einzelnen gemacht haben, möchte ich von Daud wissen.

Daud: “Wir haben eine Solaranlage installiert im Jahre 2009. Seitdem sind wir vom Strom total unabhängig. Für Wasser wir sind total vom Regenwasser abhängig. Wir sammeln Regenwasser in Zisternen. Wir dürfen nicht auf der Erde bauen. Dann haben wir begonnen, unsere Höhlen zu renovieren. Jetzt haben wir sieben Orte, wo Leute schlafen können, aber auch Begegnungsorte. Wir arbeiten, um das Abwasser noch mal für die Bewässerung zu verwenden, also Recycling, Kompost-Toiletten. Aus der Not sind wir kreativ geworden. All diese negative Energie, die man hat, wurde positiv umgesetzt. Das ist unsere Therapie.”P1050135

Und natürlich ist es nicht nur Therapie für sie selbst. Es ist viel mehr. Sie versammeln hier auf der Farm viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen. Deshalb nennen sie den Ort ja “Zelt der Nationen”.

Daud: “Für uns war wichtig, das Positive auch weiterzugeben. Wir haben gedacht an verschiedene Programme, um Menschen miteinander zu verbinden. Dass sie kommen und nach Hause gehen positiv, also mit Hoffnung, mit viel Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation. Wir machen eine Baumpflanz-Aktion jedes Jahr. Wir laden Leute ein, Bäume zu pflanzen, Bäume zu sponsern. Wenn man einen Baum pflanzt, glaubt man an eine bessere Zukunft und lernt man auch: dass der Friede soll von unten wachsen wie ein Olivenbaum. Wir haben auch Ernte-Camps. Wir haben Volontäre, die längere Zeit zu uns kommen. Volontariats-Hilfe ist sehr gut für uns und sehr wichtig. Wenn die Leute sehen, unter welchen Umständen wir leben müssen, dann wird man einfach sagen: “Unsere Probleme zu Hause sind nichts gegenüber euren Problemen.” Die Leute sind auch motiviert, alles, was sie hier gelernt haben, dort in ihrer Heimat umsetzen können.”P1050214

Rebecca aus Stuttgart, die für ein Jahr in dem christlichen Dorf Nes Ammim in Israel arbeitet, war für einige Tage im “Zelt der Nationen”.

Rebecca: “Wir haben in so Höhlen geschlafen, wir haben da eben mitgeholfen und haben dort mitgegessen. Wir haben uns dort mit einem Volontär unterhalten, der ein Jahr vorher dort war. Der hat erzählt, wie die immer aufpassen müssen, dass das israelische Militär nicht kommt und eben einfach was abreißt. Man kann’s sich immer nicht vorstellen, diese Willkür einfach an Menschen, die einem nur was Gutes tun wollen und Frieden haben wollen. Es ist nicht schön anzuschauen und grad deswegen hat sich’s wirklich gut angefühlt, dorthin zu gehen und mitzuarbeiten für drei Tage.”

“Erreicht ihr auch andere Palästinenser?”, habe ich Daoud gefragt. In der Region und der direkten Nachbarschaft? Auch Palästinenserinnen?

Daud: „Frauenprojekte sind auch wichtig hier. Normalerweise ist es schwierig, Palästinenser zu motivieren. Deswegen ist es wichtig, dass sie kommen und sehen. Am Anfang war es schwierig, dass die Leute an so einen Weg geglaubt haben. Man hat die Ergebnisse nicht direkt gesehen. Von Anfang an wurde gesagt: “Sowieso könnt ihr nichts schaffen. Die Israelis werden kommen und das Land wegnehmen.” Aber jetzt viele von unseren Nachbarn glauben an das, was wir hier tun. Die sind durch uns motiviert worden. Am Anfang war das ganze Gebiet unbebaut, jetzt sind viele aktiv geworden und bauen ihre Felder. Wir haben auch Kinder-Sommercamp-Aktivitäten. Wir laden palästinensische Kinder ein aus der Umgebung von Bethlehem, beides Christen und Muslims. Wir machen kreative Workshops mit den Kindern wie Malen, Musik, Mosaik. Dabei wollen wir, dass die Kinder ihre Talente entdecken, an sich selbst glauben: Ich bin fähig, meine eigene Zukunft selber zu gestalten.”P1050157

Was tragen die Kirchen in Deutschland zum Frieden in Nahost bei? Nehmen sie dieses andere Gesicht Palästinas wahr? Das habe ich den evangelischen Bischof von Berlin, Dr. Markus Dröge gefragt, als er vor kurzem zu einem Besuch vor Ort war.

Bischof Dröge: “Wir als Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz haben eine lange Partnerschaft mit der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Insofern liegt uns das Schicksal der palästinensischen Christen, aber natürlich auch Palästinas insgesamt, sehr am Herzen. Wir unterstützen eine Schule, Talitha Kumi, wo wir junge Palästinenserinnen und Palästinenser ausbilden. Sie können dort ein deutsches Abitur machen. Insofern tragen wir auch etwas zur Zukunft Palästinas bei und bekommen natürlich dann ganz unmittelbar auch die Situation der Familien mit, die sehr leiden unter der Besatzung. Und unser Beitrag ist der, dass wir auch diese Themen bekannt machen.”

“Sollten die Kirchen nicht die Bundesregierung drängen, die Staatlichkeit Palästinas endlich anzuerkennen?”, frage ich mich oft. Das wäre ja kein Angriff auf Israel, sondern eine Aktion, die diesen Staat dann als Verhandlungspartner in Friedensverhandlungen einerseits stärken und andererseits in Verantwortung nehmen würde.

Bischof Dröge: “Die Rheinische Kirche hat ja gerade eine Synodalerklärung abgegeben, wo sie sich noch einmal stark macht für die Anerkennung Palästinas als eines unabhängigen Staates. Wir sehen in Berlin unsere Aufgabe darin, dies zum Gespräch zu machen. Gerade in Berlin muss man diese Themen öffentlich diskutieren. Wir selber sind dann natürlich gespalten. Wir haben auch Kontakte zur jüdischen Gemeinde, sehr intensiv sogar. Wir sind sehr stark im christlich-jüdischen Dialog engagiert, auch seit vielen Jahren und Jahrzehnten. Insofern erleben wir auch in Deutschland die Spannung zwischen den Interessen Israels und den Interessen Palästinas. Wir sehen uns nach beiden Seiten hin solidarisch.”P1040343

Ob es denn auch einen Dialog mit Juden und Israelis im “Zelt der Nationen” gebe, frage ich Daoud Nassar.

Daud:“Wer kommt durch die Tür und möchte von unseren Visionen wissen, ist willkommen hier. Dann haben wir auch Juden aus verschiedenen Ländern, auch manchmal Israelis kommen zu uns. Am Anfang sind sie vielleicht ein bisschen skeptisch. Aber wenn sie zu uns kommen, hören was anderes, etwas, das ist unerwartet von denen und das ist für sie eine Augenöffnungs-Erfahrung. Wir möchten, dass die Leute versuchen, einen Einfluss in ihrer Umgebung zu gewinnen, Familien, Schulen und so weiter.”C08

Von einer solchen “Augenöffnungs-Erfahrung” können viele Juden und jüdische Israeli erzählen. Wie sie plötzlich aufgewacht sind. Vielleicht zum ersten Mal die Situation in den Besetzten Gebieten wahrgenommen haben. Meist engagieren sie sich dann in Organisationen, um ihre Landsleute zu informieren und aufzuwecken. In privaten Gesprächen und öffentlichen Aktionen. Sie repräsentieren für mich das andere Gesicht Israels, das demokratische Israel, das den Menschenrechten verpflichtet ist. Von der gegenwärtigen Regierung werden sie skeptisch beäugt, manchmal auch diffamiert. Für mich sind sie die wahren Patrioten, die der jüdischen Tradition des Tiqun Olam folgen, nach Maßgabe ihrer Kräfte “die Welt zu verbessern”.

Wie schön wäre es zu hören, dass es auch freundliche Kontakte zu den jüdischen Siedlern als Nachbarn gibt.

Daud:“Wir müssen auch unterscheiden zwischen Politik und Menschen. Es gibt israelische Siedler, die überhaupt nicht wissen, wie lebt man als Palästinenser. Man wohnt in einer Siedlung, ist umzingelt von einem Zaun, alles andere ist jetzt Feind.”

Wie wenig selbst wohlgesonnene Siedler ihre palästinensischen Nachbarn wahrnehmen, ist auch Rebecca aufgefallen, der Volontärin aus Stuttgart:

Rebecca: “Als wir angekommen sind, sind wir von Jerusalem mit so nem Siedlerbus in so ne Siedlung gefahren. Neben mir saß so en Mädchen, die hat mich gefragt. Was machst du hier?” “Ja, ich bin aus Deutschland und ich geh bei so ner arabischen Familie arbeiten.” Sie war beeindruckt, weil ich hier in die Westbank nach Palästina alleine gekommen bin. “Und deine Eltern finden das in Ordnung, dass du bei Arabern bist?” “Ja, die unterstützen das auch voll.” Sie hat das “Tent of Nations” nicht gekannt… es war direkt neben ihrer Siedlung, aber es war ihr nicht bewusst, dass es existiert und was es ist und wofür es steht. Da merkt man mal, wie sehr man in seiner eigenen Welt leben kann und wie krass diese Grenzen sind… zwischen den Kulturen, wo man doch eigentlich… Nachbar ist.”

P1020514

Blick vom Tent of Nations zu einer illegalen jüdischen Siedlung

Angesichts dieser Lage wage ich kaum danach zu fragen, ob eine Kooperation zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern überhaupt denkbar ist.

Daud:“Die einzige Möglichkeit für Menschen hier ist, zusammen zu leben mit Gerechtigkeit. Eine Gruppe kann nicht alles kontrollieren und die andere Gruppe gar nichts haben. Da ist eine Möglichkeit, miteinander zu leben. Egal ob in einem Staat oder nebeneinander in zwei Staaten, aber mit Gleichberechtigung. Wir müssen lernen, einander zu respektieren. Aber im Moment ist es sehr schwierig, die ganze Situation ist ungerecht. Wir leben unter Besatzung. In dem Moment, wo die Besetzung kommt zu Ende, dann Israelis und Palästinenser können miteinander leben. Kooperieren und unter Besatzung sein, es geht nicht; Besatzung muss zu Ende kommen.”

Gibt es eine Botschaft dieses beeindruckenden palästinensischen Christen Daoud Nassar an die Menschen in Deutschland? Die möchte ich gerne mitnehmen und überall hin weiter geben:

Daud:“Es gibt Menschen, egal auf der israelischen oder der palästinensischen Seite, die anders denken, anders wollen. Und diese positive Stimme muss auch im Ausland gehört werden. Und wir glauben ganz fest, dass eines Tages die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen.”

P1050165

Daoud Nassar

FeierTag – 14. August 2016 DeutschlandRadio Kultur

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Moralische Überlegenheit oder Doppelmoral?

Auch in diesem Jahr fragte eine Gruppe von Freiwilligen, die zur GayPride Parade nach Tel Aviv fahren wollten, ob dieser Trip ein Element des Studienprogramms sein kann. Kann es, weil es vieles über das spezielle Thema hinaus über Israel lehrt. Zeitig am Morgen im Meir-Park, wo das von der Stadt finanzierte Schwulen- und Lesben-Zentrum ist, hatte ich Gelegenheit Informationen und Beobachtungshinweise zu geben und Fragen zu beantworten. Im Vergleich zu den Europäischen Paraden ist das Ereignis in Tel Aviv politischer und darum weniger kommerziell, weniger nackt, weniger schrill, es ist weiblicher (mindestens die Hälfte sind Frauen und Mädchen) und jünger (kaum Menschen über 50 und eine unglaubliche Anzahl von Teenagern). Rund zweihundert tausend Menschen haben teilgenommen.

Das diesjährige Motto ist der zentrale Satz der Tora, der genau zwischen den beiden Sätzen steht, die eine bestimmte Form von männlicher homosexueller Praxis verbieten: „Liebe deinen Nächsten: er ist wie du!“ (3. Mose 19,18). Viele Regenbogenfahnen und –sticker schmückte dieses Tora-Gebot in biblischer (punktierter) Schreibweise. Ein eye-catcher für die religiösen und orthodoxen Mitbürger, die in Israel bei solchen Veranstaltungen natürlich eine wichtige Zielgruppe sind. (Im vorigen Jahr hat ja ein orthodoxer Jude mehrere Teilnehmer der Parade in Jerusalem verletzt und ein Mädchen erstochen.) Andere Plakate zeigten die beiden Finger von Michelangelos Bild „Die Erschaffung Adams“ als einen Hinweis darauf, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Dieses Motiv nutzen auch viele Menschenrechtsgruppen  und weisen so auf den Zusammenhang von Homophobie und Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit hin.

02

orthodoxe und säkulare Teilnehmer

Das hebräische Wort ge’ä (stolz) klingt ähnlich wie gay (schwul) und damit wird gespielt. Worauf sind sie stolz? Der Sticker von Amnesty International sagt: „Menschenrecht ist mein Stolz“ („Human right – that’s my pride“). Das klassische Motto „Ich bin stolz, schwul zu sein“ changiert zu dem anderen „Ich bin stolz, Israeli zu sein.“04

In diesem Jahr war die Parade weniger als in früheren Jahren von Israels Nationalflagge beherrscht. Trotzdem war der „gay-nationalism“ wahrzunehmen. Die Anwesenheit der Gewerkschaftsjugend, der linken Partei Merez und der sich liberal gebenden Partei Jesch Atit war keine Überraschung. Seit Jahren ist aber auch Netanjahus Likud-Partei vertreten. Die meist jungen schwulen und lesbischen Parteimitglieder genießen es sichtbar, in ihrer Partei akzeptiert zu sein und gegen deren homophobes Image zu werben. Aber die meisten durchschauen die Propaganda. Sie nennen das „pinkwashing“, eine Analogiebildung zu „greenwashing“, Kritik an Regierungen, die ihre Menschenrechtsverletzungen durch ein propagandistisch herausgestelltes Engagement für die Umwelt kaschieren. „You can’t pinkwash the occupation“ („Ihr könnt die Besatzung nicht durch euer Engagement für Schwule und Lesben reinwaschen“) ist auf eine Mauer gesprüht.08

An kaum einer anderen Stelle wird der Kontrast zu den arabischen und muslimischen Nachbarstaaten deutlicher sichtbar. Das nutzt seit Jahren Israel propagandistisch. Der „Gay-Nationalism“ verschweigt aber zweierlei.

Tel Aviv ist eine liberale Insel in der durch und durch homophoben Gesellschaft Israels. Dabei gleichen sich aufs Haar konservativ-säkulare wie religiöse Juden und muslimische wie christliche Araber. Von Drusen ganz zu schweigen. Wer offen leben will, muss seinen Kibbuz, sein muslimisches, christliches oder drusisches Dorf, seine Familie verlassen und in die Anonymität einer Stadt ziehen. Offen gelebte Partnerschaften sind die Ausnahme, meist lebt mindestens einer, meist beide „im Schrank“ („in the closet“), wie das auf Amerikanisch so schön heißt. Mehr als in westlichen Ländern werden in Israel Schwule und Lesben (auf künstliche Weise) Eltern. Ein säkularer Jude sagt: „Als ich meinen Eltern ein Enkelkind bringen konnte, war ich rehabilitiert. Nach meinen Männern fragen sie nicht.  Vatersein kompensiert den schwulen Makel“. Je stärker das Leben familienzentriert ist, desto schwerer haben es Schwule und Lesben.

Nur die strafrechtliche Situation für Männer ist in den Nachbarstaaten wie in den Besetzten Gebieten anders. Gefängnis ist das mindeste, das schwulen Männern droht. Das macht sie erpressbar. Und das wiederum nutzt Israel schamlos aus. Der israelische Spielfilm „Out in the Dark“ (2012), der die tragische Liebesgeschichte zwischen einem palästinensischen Studenten und einem israelischen Anwalt erzählt, spiegelt diese Doppelgesichtigkeit. Dass in Tel Aviv mehr als tausend schwule Palästinenser leben, die aus den Besetzten Gebieten geflohen sind, wird einerseits als Beweis für die moralische Überlegenheit Israels gegenüber den Palästinensern herausgestellt, andererseits wird ihnen aber nicht Asyl gewährt. Sie leben illegal unter erbärmlichen Umständen, meist um den Zentralen Busbahnhof herum. Werden sie aufgegriffen, werden sie entweder erbarmungslos in ihre Heimatdörfer abgeschoben, wo sie nichts Gutes zu erwarten haben, oder vom Israelischen Geheimdienst SchinBet genötigt, als Spitzel zu arbeiten. Moralische Überlegenheit oder Doppelmoral?09

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Licht und Dunkel im Rechtsstaat Israel

Wie so oft werden in jüngster Zeit mal wieder die helle und die dunkle Seite des Landes zugleich sichtbar. Der erste Akt in diesem Drama ist die Attacke eines Palästinensers. Im März wurde in Hebron ein israelischer Soldat von einem Palästinenser mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Das war die 336. Attacke dieser Art seit September letzten Jahres. Dabei wurden über 400 jüdische Israeli z. T. schwer verletzt und 36 getötet.

P1030295

Gesicherte Bushaltestelle

Ich kann solche Aktionen verstehen, aber ich habe dafür kein Verständnis. Im Unterschied zu vielen Freunden Palästinas in Deutschland und in Übereinstimmung mit vielen Palästinensern rechtfertige ich das nicht nur nicht. Ich verurteile es. Manche meinen, damit stünde ich nicht mehr zwischen den Stühlen, sondern säße klar auf einem Stuhl, dem israelischen. Aber indem ich es verurteile, bin ich nicht blind dafür, dass Israel mit seiner Abwehr von Terrorismus ihn auch befördert. Davon habe ich früher schon eine Geschichte erzählt, die mir das vor Augen führte (Soldatengeschichten: „Demütigung“, siehe unten).

Auf den ersten Akt folgt der zweite: Der Täter wird augenblicklich von anderen Soldaten entwaffnet, auf den Boden geworfen und auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Die Soldaten warten auf ein Auto, das ihn zu einer Militärpolizeistation bringen soll. Einige Minuten später stürmt ein neunzehnjähriger Soldat herbei und tötet den unbewaffnet am Boden liegenden Palästinenser durch zwei Schüsse in den Kopf. Ich glaube nicht, dass das ein Einzelfall ist. Szenen dieser Art finden sich zu Hauf im Internet. Ich sah ein Video, auf dem israelische Soldaten palästinensische Jugendliche provozierten, bis einer mit seinen Fäusten auf einen der Soldaten einschlägt. Augenblicklich werfen ihn die anderen zu Boden. Vier Gewehrläufe richten sich auf den unbewaffnet am Boden liegenden Jungen. Er wird erschossen wie ein Hase. „Das sind palästinensische Propaganda-Videos“, heißt es in Israel. Natürlich gibt es solche, wie die Armee ihre Propaganda-Videos im Internet zeigt. Immerhin sind bei solchen Attacken bisher weit mehr als hundert Palästinenser getötet worden. Für viele dieser Fälle kann das Recht auf Selbstverteidigung und Notwehr geltend gemacht werden, aber nicht für alle.P1040509

Der Fall in Hebron liegt anders. Das Video, das die Szene festhält, haben jüdische Israeli aufgenommen und veröffentlicht, Mitglieder der jüdischen Menschenrechtsgruppe „B’Tzelem“. (Der Name spielt auf die biblische Bezeichnung des Menschen als „Ebenbild Gottes“ (Genesis 1,26) an.) Sie sind glaubwürdige Zeugen, deren Beweismittel in einem Gerichtsverfahren anzuerkennen sind. Und damit zeigt dieser zweite Akt des Dramas das Dunkel und das Licht Israels zugleich an. Das Verbrechen eines jüdischen Israeli bleibt nicht im Dunkeln. Jüdische Israeli holen es ans Licht und protestieren öffentlich.

Dem folgt ein dritter Akt, der ebenfalls Licht und Dunkel zugleich zeigt. Der Soldat wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Das stellen die Freunde Israels heraus: Israel folgt den Regeln eines Rechtsstaates. Sowohl der Palästinenser als auch der israelische Soldat haben ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren zu erwarten. Das ist das Licht, das Israel von allen seinen Gegnern unterscheidet. Auf der anderen Seite löst die Entscheidung des Militärstaatsanwaltes, den Soldaten anzuklagen, eine Welle der Empörung aus. Manche Medien behaupten, achtzig Prozent der jüdischen Israeli halten diese Entscheidung für falsch. Und die meisten Medien befördern diese Meinung, auch die christlich evangelikalen. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht stehen unter unglaublichem öffentlichen Druck. Auch prominente Regierungsmitglieder wie Minister Bennet, der Vorsitzende der rassistischen Siedlerpartei, bekunden öffentlich ihre Sympathie für den angeklagten Soldaten. Das ist das Dunkel. Es zeigt die Atmosphäre, die das Unrechtsbewusstsein des jungen Soldaten getrübt haben mag. Ich bin gespannt auf die Verfahren und ihren Ausgang.

Zugleich bemühe ich mich als Europäer mit meiner Kritik um Bescheidenheit. Israels Bedrohungssituation ist kaum mit der europäischer Rechtsstaaten zu vergleichen. Und auch diese Staaten überlegen angesichts einer neuen Bedrohungslage, Grundrechte einzuschränken. Auch das halte ich für falsch. Aber wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , | Leave a comment

„Christus am Grenzkontrollpunkt“

So heißt eine seit 2010 alle zwei Jahre in Bethlehem stattfindende viertägige theologische Konferenz, veranstaltet von palästinensischen evangelikalen Christen. Adressaten sind vor allem Evangelikale aus USA, Kanada und Europa. Da die Mehrheit dieser Evangelikalen Christliche Zionisten sind, die den Staat Israel mit dem biblischen Israel identifizieren und darum keine Kritik an diesem Staat zulassen, fühlen sich die Palästinenser herausgefordert, als evangelikale Christen in Erscheinung zu treten und sich mit dem weltweiten Christlichen Zionismus kritisch auseinander zu setzten. Ich habe vor einigen Wochen das dritte Mal an dieser Konferenz teilgenommen. Mit großem Gewinn. Auch in diesem Jahr waren die täglichen Bibelarbeiten außergewöhnlich gehaltvoll.

Die sperrige Formulierung „Christus am Grenzkontrollpunkt“ weist darauf hin, dass Theologie in Palästina nur angesichts des drängenden politischen Kontextes getrieben werden kann, der in diesem Jahr noch zugespitzter war. Wegen der drohenden Gewalt wurde die Konferenz kurz vorher in ein weiter von der Mauer entferntes Tagungshotel verlegt, und während der Konferenz gab es in Jerusalem mehrere Gewaltakte.

Diesmal hieß das Thema „Das Evangelium angesichts des religiösen Extremismus“. Von Anfang an war dabei klar, dass es nicht nur um die Auseinandersetzung mit dem Islamismus ging und auch nicht nur jüdischer Extremismus ins Visier genommen wurde. Die Konferenz war durch und durch selbstkritisch. Christlicher Extremismus wurde nicht nur im christlichen Zionismus benannt, sondern auch als „Religiöser Extremismus in uns selbst“ kritisch wahrgenommen.

In diesem Jahr war die Konferenz internationaler und ökumenischer, jünger und weiblicher. Schon das Eröffnungsreferat des Vorsitzenden der Evangelikalen Weltallianz, Bischof Tendero von den Philippinen, öffnete den Horizont für den weltweiten Religiösen Extremismus. Auf dem Bildschirm erschienen ermutigende Fotos: Zwei Jungen Arm in Arm, der eine mit Kippa, der andere mit Kufiya.P1040357 Israelische und palästinensische Flagge nebeneinander. (Manche werteten es als Zeichen, dass gerade bei diesem Bild der Strom ausfiel.) Salim Munayer, der Gründer und Leiter von Musalaha, eine Organisation, die palästinensische Christen und messianische Juden zusammen bringt, und sein Sohn Jack überzeugten in ihrem Willen zum Dialog, zu dem auch die messianische Jüdin Lisa Loden beitrug.

Zum ersten Mal in diesem Jahr ist ein Vertreter des Islam zu Wort gekommen und vor allem zum ersten Mal ein religiöser Jude und Israeli, nämlich der Reformrabbiner Arik W. Ascherman aus Jerusalem. Aus dem innerchristlichen Dialog ist ein interreligiöser geworden, die palästinensische Binnensicht hat sich der argumentativen Auseinandersetzung mit dem jüdischen Israel geöffnet. Die einfühlsamen und theologisch stringenten Auseinandersetzungen mit jüdischem und israelischem Extremismus waren für mich die Höhepunkte der Konferenz (David Neuhaus und Yohanna Katanacho).P1040365

Besonders eindrucksvoll empfand ich, wie die Evangelikalen ihre Offenheit für den interreligiösen Dialog bekundeten, ohne das zentrale Christusbekenntnis auf zu geben. Als einer der Redner seinen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger senkrecht in den Himmel erhob und daraufhin „wie auf ein Geheimzeichen“ das gesamte Publikum wie ein Mann überlaut ausrief „One way only!“ („Nur ein einziger Weg“, nämlich Jesus Christus), war ich schon ein wenig erschrocken. Das ist wohl Evangelikalen ein vertrautes Ritual. Ich als Deutscher hatte spontan Sportpalast-Erinnerungen. Aber dann kam ein Satz, den ich mir wegen seiner Prägnanz gemerkt habe: „Wir gehören Christus, aber Christus gehört nicht uns“. Amen.

Der Vertreter der gastgebenden Bibelschule hatte eine Gruppe besonders begrüßt, der ich mich zugehörig fühlte: Teilnehmende, die nicht allem zustimmen können. Die Schwächen der Konferenz verblassen für mich aber im Nachhinein. Den dem Bethlehemer Lokalpatriotismus geschuldeten sehr schwachen Film „Open Bethlehem“ hätte man sich sparen können. Die gute Idee, jeden Tag mit einem Lyrischen Resümee zu beschließen, wurde in einem Zuviel an Wörtern erstickt. Die Auseinandersetzung mit dem Christlichen Zionismus beschreitet nach wie vor die Wege traditioneller Theologie mit massiven Antijudaismen. Besonders unangenehm war der lautstark und arrogant vorgetragene Beitrag des US Theologen Hank Hanegraaff. Die politischen Grußworte des Bürgermeisters von Beit Jala und eines Vertreters der Autonomiebehörde standen in ihrer vorgestanzten Sprache mit ihren militanten politischen Statements im Widerspruch zu Geist und Inhalt der übrigen Konferenz. Dass zu Beginn die Nationalhymne Palästinas abgespielt wurde, respektiere ich als Europäer. Aber dass zu dem (wie ich gelernt habe) sehr militanten Text Bilder von Tel Aviv, Haifa und Galiläa gezeigt wurden, kann ich nur als peinlichen Regiefehler werten.

Flags

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

HaTiqwa – mehr Hoffnung , als der Text sagt

Wir sind mit dem Studienprogramm in den letzten Wochen mehreren bemerkenswerten Persönlichkeiten begegnet. Jede für sich ein Hoffnungslicht in diesem Land. Und alle zusammen Grund, die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht fahren zu lassen. Eine unter ihnen ist die orthodoxe Jüdin Chana. Sie hat die Organisation Kaleidoskop gegründet, die jüdische und palästinensische Kinder und Jugendliche miteinander ins Gespräch bringt und dafür vor einem Jahr sogar einen Preis von der Knesset verliehen bekommen hat. Sie hat Nes Ammim entdeckt und kommt seither ständig mit ihren Gruppen, die ihrerseits begeistert von Nes Ammim sind. Chana hat aber auch ein Interesse, mit den europäischen Freiwilligen zu arbeiten und sie zum Nachdenken zu reizen.

Neulich zeigte sie uns einen wenige Minuten dauernden Filmausschnitt aus einer israelischen Nachrichtensendung aus dem Jahr 2012. Eine (liberale) Richterin wurde aus dem Obersten Gericht pensioniert, ein (konservativer) Richter wurde an ihrer Stelle eingeführt. Zur Zeremonie waren die Spitzen des Staates erschienen, stehend sangen sie zum Abschluss die Nationalhymne, „HaTiqwa (die Hoffnung)“. Das ist der Text: „Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Zion blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die zweitausend jährige Hoffnung, zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem!“ Die Kamera schwenkte von Gesicht zu Gesicht. Bei einem ernst und respektvoll dreinblickenden älteren Herrn verharrte sie etwas länger. Er war der einzige, dessen Lippen sich nicht bewegten, der die Hymne offensichtlich nicht mit sang. Salim Jubran, der einzige palästinensische Richter im Obersten Gericht Israels. Der Ranghöchste der 1,8 Millionen palästinensischen Staatsbürger Israels.

Wie in ihren jüdisch-palästinensischen Gruppen entfachte Chana damit auch unter uns Freiwilligen eine heftige Debatte über das Für und Wider. Argumente wurden ausgetauscht wie in der großen medialen und öffentlichen Debatte, die dem Vorfall damals unmittelbar folgte. Verhält er sich illoyal oder gar feindlich dem Staat gegenüber, den er prominent repräsentiert? Muss er gegen sein Gewissen handeln oder ihm gerade folgen? Kann nur durch Singen oder auch durch Nichtsingen Respekt ausgedrückt werden? Lange ließ Chana uns Europäer Argumente untereinander austauschen und uns dabei immer tiefer in die schwierige Situation des Landes eintauchen. Sie machte keinen Hehl daraus, wie sehr sie als Zionistin und konservative Jüdin emotional an dieser Hymne hängt.

Zum Schluss legte sie uns einen Text vor, den sie auch in die heftigen Debatten ihrer israelischen Gruppen einbringt und der ihnen augenblicklich eine neue Wendung gibt. Es ist der gleiche Text HaTiqwa, in dem sie nur drei Wörter ersetzt hat: „Solange noch im Herzen eine palästinensische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Palästina blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die zweitausend jährige Hoffnung, zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Palästina und in Jerusalem!“ Die Jüdin lässt diesen hebräischen Text von den Juden in ihren Gruppen  zusammen mit ihr laut lesen. Singen wäre eine zu große Zumutung. “Selten wird der Text bis zum Ende gelesen”, sagt sie.”Die Juden verstummen mehr und mehr, so sehr irritiert sie diese Übung. Augenblicklich erfassen sie, was der Text der israelischen Nationalhymne bei ihren palästinensischen Mitbürgern auslöst. In den Schuhen der anderen gehen… Das ist eine heilsame Zumutung. Sie ändert Denken und Tun.” Solidarisch leitet Chana dazu an.

Auch wir europäischen Zuschauer der innerisraelischen Debatte empfinden die Provokation dieses nachhaltigen Denkanstoßes. Wie viel mehr die Israeli! Israel wäre nicht das erste Land, das seine Nationalhymne ändert. Jüngst erst hat es Kanada getan, um die französischstämmigen Staatsbürger nicht länger auszuschließen. Wie heißt die Nationalhymne Israels doch? HaTiqwa? Oder ist diese Hoffnung zu unrealistisch?

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , | Leave a comment

Ohne P kein Existenzrecht Palästinas?

Im Arabischen gibt es keinen Buchstaben P. Daraus schloss vor ein paar Wochen eine promovierte Knesset-Abgeordnete des Likud, dass es kein Existenzrecht Palästinas, ja dass es überhaupt keine Palästinenser geben könne. Das führte zu einer heftigen Debatte über die Knesset hinaus, die einmal mehr zeigt, wie absurd die Situation in Israel zur Zeit ist. Als ob es weniger skandalös wäre, das Existenzrecht Palästinas in Frage zu stellen als das Israels! Die israelischen Rechtsradikalen, denen manche europäische und amerikanische Christen folgen, behaupten, wenn es „Palästina“ überhaupt gäbe, liege es östlich des Jordan.

030216034900-b1-

Die Weltsicht einiger jüdischen Israel und ihrer Freunde in der Welt

Die Palästinenser konterten, dass es nach dieser Logik „Humus“ weder für jüdische Israeli noch für Europäer oder Amerikaner geben könne, weil es weder im Hebräischen noch in den europäischen Sprachen den Buchstaben gebe, mit dem das Wort beginnt (das H ist in anderen Sprachen nur ein Ersatz für den fehlenden arabischen Buchstaben). Recht haben sie.

Andererseits wird an dem fehlenden Buchstaben deutlich, dass die Wörter „Palästina“ und „Palästinenser“ tatsächlich aus einer nicht-arabischen Sprache kommen. Was ist daraus zu schließen? Es sind lateinische Wörter. Die Römer haben bekanntlich im zweiten Jahrhundert ihre (!) Provinz Judäa nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstandes so umbenannt. „Palästina“, „palästinensisch“ ist die Sprache der europäischen Kolonialherren, die humanistisch gebildet im 19. Jahrhundert so von dem Teil des Osmanischen Reiches redeten, der geographisch als „Südliche Levante“ bezeichnet wird und der weit mehr umfasst als die römische Provinz. Auch die Juden Europas, auch die Zionisten nannten dieses Land „Palästina“. Erst nach der Staatsgründung Israels gab es eine „Sprachregelung“, den Begriff „Palästina“, der wegen seiner Entstehungsgeschichte im zweiten Jahrhundert als antisemitisch eingestuft wurde, durch den „biblischen“ Begriff „Eretz Jisrael“ zu ersetzen. Wie immer bei verordneten Sprachregelungen dauerte es einige Jahre, bis sich alle an die neue Terminologie gewöhnt hatten. Es gibt zahllose Beispiele für jüdische Dokumente aus den vierziger und fünfziger Jahren, die noch ungeniert von „Palästina“ reden.

Die aus politischen Gründen verordnete Sprachregelung provozierte in den sechziger Jahren eine politische motivierte Revitalisierung „Palästinas“. Die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) machte daraus einen Kampfbegriff und meinte damit das ganze Land.

P1030331

Plakate in Ramalla 2015 zum Gedenktag an die Nakba

Jetzt gab es beides nur als  Alternative „Israel oder Palästina“. Allen Beteuerungen einer „Zwei-Staaten-Lösung“ zum Trotz werden bis heute sowohl in Israel als auch in Palästina nur Landkarten benutzt, in denen das ganze Land entweder „Palästina“ oder „Israel“ genannt wird. Das schürt auf beiden (!) Seiten Existenzängste. Die Juden fürchten durch solche Ideologie nach Westen ins Meer getrieben zu werden, die Palästinenser nach Osten in die arabische Wüste. Auf beiden Seiten ist die Gruppe klein, die Israel in den Grenzen von 1949 definiert (und das Existenzrecht Palästinas garantiert und dessen Staatlichkeit befördert) und die Palästina auf Westbank und Gazastreifen begrenzt (und das Existenzrecht Israels garantiert). Die Europäer sollten an dieser Position keinen Zweifel lassen, auch wenn sie sich auf beiden Seiten unbeliebt machen. Deren Streit um Buchstaben zeigt nur die Schwäche ihrer Argumente.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , | Leave a comment