Heute füttern

In der Mitte Europas können sich nur die ganz Alten noch an Zeiten erinnern, in denen keine Feste gefeiert wurden, in denen der Jubel auf Straßen und Plätzen erstorben, in der kollektive Freude  in fast ganz Europa nur noch ein Gegenstand blasser Erinnerung war. Vor genau zweiundsiebzig Jahren ging diese Zeit zu Ende, 1945.

Was für ein Wunder, denke ich, dass aus dem deutschen Terrorstaat ein Rechtsstaat wurde, in dem Freiheit und Gerechtigkeit zu Hause sind und von dem alle Welt sieht, dass keine Gefahr mehr von ihm ausgeht! Und der deshalb wie ein Magnet wirkt für viele, die sich nach Recht und Frieden sehnen. Ob die Situation im demokratischen Europa Bestand hat, ist noch nicht ausgemacht.

Für Menschen an anderen Orten dieser Welt sieht das Leben ganz anders aus. Auch für die meisten Menschen, denen wir die Bibel, verdanken, war das ganz anders.

Siebzig Jahre lag Jerusalem in Trümmern, war das Land verwüstet. In diesen siebzig Jahren hatten Menschen ihre Heimat verlassen und mussten in der Fremde leben. Da  war ihnen das Lachen und das Feiern längst vergangen – und auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Da war es wie ein Wunder, als der Prophet Jeremia, der wahrlich kein Optimist war, seinen Zeitgenossen Hoffnung machte, weil er weiter mit Gottes Möglichkeiten rechnete.

„Man wird wieder hören den Jubel der Freude und Wonne“, wagt er zu prophezeien, „die Stimme des Bräutigams und der Braut und die Stimme derer, die da sagen: »Danket dem HERRN Zebaoth; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ (Jeremia 33,11)

Wer mit Gottes Möglichkeiten rechnet, stellt oft fest: die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist, ist kraftvoller  als der Jubel über das, was schon geschafft ist.  Die Erwartung entbindet mehr Leidenschaft als die Lust, das Erwartete zu genießen.

Unverdrossene Hoffnung ist wie Arznei. Ein Medikament gegen die Resignation, das auf die Füße stellt, das Beine macht. „Hintern hoch und Zähne auseinander!“ heißt das kölsche Motto auf Hochdeutsch.

“Was wird uns die Zukunft bringen?“, wurde einmal ein weiser Rabbi gefragt. „Die Zukunft“, antwortete er, „ist wie der Kampf zweier wilder Tiere. Das eine Tier kämpft verbissen für Hass, Krieg und Verderben. Das andere Tier kämpft nicht weniger kraftvoll für Liebe, Frieden und Gerechtigkeit.“ „Und welches Tier wird den Kampf in der Zukunft gewinnen, Rabbi?“ „Das Tier, das du heute fütterst.“

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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Zeuge der Anklage

An Karfreitag war Jesus das Opfer. An Ostern ist ihm Gerechtigkeit widerfahren. So hat sich Gott als Anwalt der Opfer erwiesen. Der Anwalt der Opfer ist zugleich der Ankläger der Täter und Täterinnen. Das ist die Kehrseite der Parteilichkeit Gottes.  „Höret, alle Völker! Gott, der HERR, tritt gegen euch als Zeuge auf.“ (Micha 1,2) So sieht der Prophet Micha Gott in der Rolle eines Zeugen der Anklage.

Zur Rechenschaft gezogen werden hier die nicht-jüdischen Völker. Das ist Israel zum Trost gesagt, wenn es unter den Völkern leidet. Dass Gott zum Zeugen der Anklage wird gegen die, die sich an seinem Volk vergreifen, das hat Jüdinnen und Juden durch die Jahrhunderte getröstet und gestärkt. Diese Botschaft hat ihnen Kraft gegeben, sowohl dem Leiden zu widerstehen, soweit es möglich war, als auch es auszuhalten, wenn es unvermeidbar war.

Was dem Volk Israel zum Trost gesagt ist, lässt mich gespannt aufmerken. Ich bin kein Jude. Kann es sein, dass Gott gegen mich als Zeuge auftritt? Gegen mich als jemanden aus den nicht-jüdischen Völkern? Setzt Gott mich unversehens auf die Anklagebank? Womöglich  In Sachen „Antisemitismus“? Da sitze ich vielleicht nicht als Täter, aber möglicherweise als Mitläufer oder Weggucker, angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung?

Manchmal kommt der Antisemitismus im frommen Gewand daher. Wenn Christen z. B. Juden missionieren, sie zu Christen machen wollen. Die Überzeugung „Nur ein getaufter Jude ist ein guter Jude“ hat fast zweitausend Jahre das Christentum beherrscht.

Auch Edward Elgars Oratorium „The Kingdom“, das 1906 uraufgeführt wurde, ist leider von dieser Überzeugung bestimmt. Es hat den Antisemitismus gefördert, der in seiner Zeit in England wie in Deutschland hoffähig war. Und wenn das Oratorium heute aufgeführt wird, wie demnächst am Pfingstmontag in Köln, muss auf diese Gefahr aufmerksam gemacht werden.

Wie gut, dass die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im vorigen Jahr ein unmissverständliches und klares Nein zu jeder Form der Judenmission gesprochen hat. Es kann unsere Augen und Ohren auch für die versteckten Formen des Antisemitismus schärfen. Bert Brecht hat recht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wer die Sorge angesichts eines wachsenden Antisemitismus auch in unserem Land für übertrieben hält, der schaue genauer hin; und sehe zu, dass er nicht unversehens auf der Anklagebank landet, auf der niemand Geringeres als Zeuge der Anklage gegen ihn auftritt als der lebendige Gott.

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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Wenn Kirche nicht alles ist

„Jesus verkündete das Reich Gottes, was kam, war die Kirche“. Mit Ironie hat der katholische Theologe Alfred Loisy zu Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert, was er erkannt hat. „Jesus verkündete das Reich Gottes, was kam, war die Kirche“.  Die Differenz zwischen Kirche und Reich Gottes hat den Theologen zu einer realistischen und darum bescheidenen Sicht seiner Kirche inspiriert und zur Demut angeleitet. Statt die Kirche zu überhöhen und mit idealen Ansprüchen hoch zu jubeln und schön zu reden, hat er zu einer Ehrlichkeit gefunden, seine Kirche kritisch zu sehen.

Alfred Loisy wollte dem Triumphalismus seiner Kirche wehren. Seine konservativen Gegner nannten ihn abschätzig einen „Modernisten“. Der Papst erließ ein Lehrverbot und exkommunizierte ihn. Aber auch nach hundert Jahren  erinnert man sich in Theologie und Kirche noch an ihn. Was er sich wünschte, hat die Kirche mehr und mehr gelernt. Nämlich sich den Herausforderungen der Moderne zu stellen und sie als Aufgaben zu begreifen, statt sie ängstlich oder trotzig ab zu wehren.

Alfred Loisy war ein französischer Zeitgenosse des englischen Komponisten Edward Elgar. Beide Katholiken. Der Engländer hat zur gleichen Zeit das Oratorium „The Kingdom“ komponiert. Der Titel spricht zwar vom „Reich Gottes“, sein Inhalt  aber sind die ersten Wochen der gerade entstehenden christlichen Kirche. Text und Musik suggerieren eine triumphale Kirche, die durch machtvolle Amtsträger repräsentiert wird.

In Elgars Oratorium wird die Kirche zur Verkörperung des Reiches Gottes. Trotz der auch nach hundert Jahren beeindruckenden Musik sind  kritische Fragen nötig. Denn ein trotziger kirchlicher Triumphalismus  hilft angesichts der Herausforderungen der Moderne  kaum weiter.

Die Ostergeschichten lehren es uns. Nicht die Kirche hat zu triumphieren. Triumphieren tut hier nur einer, der Sieger über Tod und Teufel. Aber der entzieht sich denen, die an ihn glauben. Und er bleibt ihnen entzogen. Ihnen bleibt, nach ihm Ausschau zu halten. Und wie Jesus  das Reich Gottes zu erwarten, statt es in einer triumphalen Kirche zu verkörpern.

So werde ich angeleitet in das jüdische Psalmgebet (71,5) einzustimmen: Du bist meine Zuversicht, HERR (und sonst niemand). Du, mein Gott, bist meine Hoffnung von meiner Jugend an (und nichts sonst)“.

Wort zum Tage, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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Schadenfreude? Ja!

Als vor Jahren die Bundeskanzlerin angesichts des Todes von Osama Bin Laden gelacht hat, war fast die ganze Nation empört. Schadenfreude gehört sich nicht.

Ich fand das Lachen der Kanzlerin damals in Ordnung. Schadenfreude ist nicht gleich Schadenfreude. Wenn das Unglück den Verbrecher, den Tyrannen, den Diktator ereilt, dann darf die Welt lachen. Ein befreiendes Lachen, das mindestens für einen Moment den Täter hintan stellt und ganz bei den Opfern ist.

Ganz anders ist die Freude über den Schaden der kleinen Leute, der Verachteten und Benachteiligten. Diese seichte Comedy mit eingespielten Lachern, mit  faden Scherzen über all jene, über die eh schon oft gelacht wird, weil sie anders sind als die anderen. Ich kann diese langweiligen Frauen-, Schwulen-, Schwarzen-, Behinderten-, Ausländer-, Juden-Witze schon lange nicht mehr hören!

Im politischen Witz aber, im spitzen Cartoon und anspruchsvollen Kabarett ist Lachen die Waffe des Geistes der Machtlosen, der Regierten gegen die Macht der Regierenden. Diese Freude ist die Waffe derer, die an der Seite der Opfer stehen – oder gar selbst Opfer sind. Je schlimmer die Lage, desto besser die Witze. Lachen, das die Mächtigen entwaffnet. Schadenfreude, die dann nicht nur erlaubt, sondern geboten ist.

Im Himmel jedenfalls wird gelacht. Und es ist glasklar, wer ausgelacht wird. Gott, der im Himmel sitzt, lacht über den Wichtigtuer, wenn er zu Fall kommt, und der im Himmel thront, freut sich über den Tyrannen, wenn er stürzt. (Psalm 2,4). Der Schöpfer ist parteilich. Er ist Anwalt seiner gequälten Geschöpfe gegen die, die sie quälen. Wer den Armen verspottet, verhöhnt dessen Schöpfer; und wer sich über sein Unglück freut, wird nicht ungestraft bleiben, heißt es in der Weisheit der Bibel (Sprüche 17,5).

Das machen auch die Ostergeschichten deutlich. Die römischen Soldaten, die den Juden Jesus gekreuzigt haben, sind am Ostermorgen „wie tot“. Buchstäblich lahm gelegt, damit sie zur Rechenschaft gezogen werden können. Und das Opfer des Unrechts ist aufgerichtet, ist rehabilitiert. An dem einen ist ein Exempel der Gerechtigkeit statuiert.

So wird Jesus zum Anwalt aller Opfer von Gewalt – an allen Orten und zu allen Zeiten. Und er ruft die, die ihm folgen, zu solchen Anwältinnen und Anwälten. Er möchte, dass seine Kirche eine Widerstandsbewegung wird. Gegen Unrecht und Gewalt. Für Gerechtigkeit und Frieden. Und da darf an den richtigen Stellen auch gelacht werden. Auch über sich selbst. Ein befreites und befreiendes Lachen.

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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Gott verzweifelt sehen

„Was ich sage, findet einfach kein Gehör. Was ich schreibe, wird beiseite gewischt.“ Das sind die Seufzer eines Lehrers, der an seinen Schülern scheitert, oder einer Mutter, die an ihrem Kind verzweifelt. Auch Gott kann offenbar so seufzen. „Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre“ (Hosea 8,12). So seufzt einer, der sich eingesteht: „Ich bin am Ende mit meinem Latein.“ Einer, der sich scheitern sieht und über seine Grenzen verzweifelt.

Vielleicht würde ich in einer kollegialen Beratung Gott nahe legen, seine pädagogische Konzeption zu überdenken und einmal andere Saiten auf zu ziehen. Ich kann so schlecht mit ansehen, wie ein Kollege mit seinem leidenschaftlichen Bemühen und seiner liebevollen Zuwendung scheitert.

Vielleicht muss ich das aber gerade lernen. Das Scheitern der Liebe Gottes mit an zu sehen. Vielleicht muss ich das gerade aushalten: Gott verzweifelt zu sehen.

Die Bibel erzählt dazu viele Geschichten. Wie der Schöpfer seine Macht mit seinen Geschöpfen teilt. Sie mit regieren lässt. Mit ihren Bosheiten und Torheiten. Wie Gott sich aus Liebe zu den Menschen selbst beschränkt. Weil er so viel Vertrauen in sie setzt. Wie Gott sich selber Grenzen setzt. Selbst wenn er darüber verzweifelt. Geschichten, die viele Fragen aufkommen lassen. Offene Fragen.

Auch die Ostergeschichten erzählen von solchen Selbstbeschränkungen Gottes. Kaum haben die Jünger und Jüngerinnen den am Kreuz gestorbenen Jesus lebendig gesehen, verwandelt in ein neues Leben, da entzieht er sich ihnen. Wie eine Mutter den Säugling abstillt, damit er unabhängig und groß werden kann. Es bleibt den Jüngerinnen und Jüngern nichts, was sie festhalten können. Die Leere inspiriert sie zur Sehnsucht, zum Fragen und Suchen.

Ostern war kein happy end, sondern erst der Anfang eines guten Endes. Daher ist mir z.B. die Musik von Edward Elgars Oratorium „The Kingdom“ über die ersten Wochen der Kirche einfach zu triumphal. Inspiriert sind die ersten Christinnen und Christen. Ja. Aber Menschen mit leeren Händen. Die das Reich Gottes erst erwarten. Die Gott verzweifelt sehen. Die das Scheitern der Liebe Gottes mit ansehen müssen.

Von einem indischen Hindu habe ich gelernt: „Wenn Gott dir in deinen Schwierigkeiten hilft, dann  glaubst du an Gott. Wenn er dir aber nicht hilft, dann glaubt er an dich.“ Wie gut, dass da einer ist, der an mich glaubt, denke ich manchmal. Das lässt mich ganz anders mit meinen Schwierigkeiten umgehen.

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.23 Uhr

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Hoffnung über den Tod hinaus

„Ich werde nicht sterben, sondern leben“ (Psalm 118,17). Übermütig klingt dieser Satz. Und doch erinnere ich mich an Situationen, da hat er mir unmittelbar eingeleuchtet. Wenn die ärztliche Diagnose mit einem Federstrich alle Todesangst wegwischt. „Ich werde nicht sterben“. „Ich bin dem Tod noch mal von der Schippe gesprungen“, sagt der Volksmund. „Gott hat mir Zeit geschenkt. Befristete Zeit.“ „Ich werde nicht sterben“ das heißt „Ich werde noch nicht sterben.“

„Ich werde nicht sterben.“ Das kann auch heißen: „Ich werde nicht mehr sterben.“ Das allerdings kann nur Einer sagen. Nur der, der den Tod schon hinter sich hat. Jesus. Besonders zwischen Ostern und Pfingsten erinnern die Kirchen daran.

Aus Lebensgefahr ist Jesus nicht errettet worden. Da ist es ihm ergangen wie Millionen anderer. Seine Bitte um Verschonung ist nicht erhört worden. Aber ihn hat Gott nicht im Tod gelassen. Und darum hat er den Tod schon hinter sich.

Und  davon profitiere auch ich. Ich werde  sterben. Ich weiß noch nicht wie. Aber der eine, der den Tod hinter sich hat, macht mir Hoffnung. Der sagt nämlich noch mehr: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“ (Johannes 14,9). Darauf verlasse ich mich.

Er gibt mir zwar nichts in die Hand. Aber er gibt mir was ins Ohr. Sein Treueversprechen. Auch im Tod lässt der Lebendige, der den Tod schon hinter sich hat, mich nicht im Stich. Dem traue ich. Dieses Versprechen geht mir bis ins Herz. Manchmal besiegt es meine Zweifel. Manchmal schenkt es mir Gelassenheit. Manchmal Mut. Und von Zeit zu Zeit sogar ein Quäntchen Übermut.

Der englische Komponist Edward Elgar hat über solche Menschen  ein grandioses Oratorium komponiert. „The Kingdom“, „Das Reich Gottes“. Am Pfingstmontag wird es in der Kölner Philharmonie erklingen. Es erzählt von Menschen mit Gelassenheit und Mut. Und manchmal auch mit einem Schuss Übermut. Sie lassen sich nicht mundtot machen. Diese Menschen. Auch wenn sie verfolgt und ins Gefängnis gesteckt werden. Sie alle haben den Tod noch vor sich. Aber sie sind inspiriert von dem einen. Der den Tod hinter sich hat und lebt.

Und der will auch im Leben jenseits des Todes nicht ohne Menschen sein. Der ist auf der Suche nach denen, die ihr Leben mit ihm teilen wollen. Nicht nur im Jenseits. Schon hier und heute. Verbündet mit ihm, dem Lebendigen. Es gibt ein Leben vor dem Tod. Das ist mir wichtig. Und es stimmt: heute ist der erste Tag vom Rest meines Lebens.

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.23 Uhr

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Ostern. Wie ein leeres Grab befähigt, mit Lücken zu leben

Sendung Am Sonntagmorgen in Deutschlandfunk am Ostersonntag, 16. April 2017, 8.35

Ostern ist kein Fest für Triumphgesänge. Ostern ist kein happy end, das die Rätsel der tragischen Lebensgeschichte Jesu auflöst. Ostern herrscht nicht die Fülle der Freude, sondern: eine große Leere.

Jesus ist brutal zu Tode gefoltert worden. Und am Ende ist auch noch sein Leichnam verschwunden. Die Freundinnen Jesu finden sein Felsengrab geöffnet und leer. Sie sind irritiert und verstört. Die Leere des Grabes treibt sie in die Verzweiflung. Am frühen Ostermorgen wird der Schmerz des Karfreitags nicht überwunden, sondern gesteigert.

Niemand weiß, warum das Grab leer ist. Was mit dem Leichnam Jesu geschieht, wird nicht erzählt. Ob das Grab geschändet und der Leichnam gestohlen wurde, bleibt zunächst offen. Der Glaube, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, entsteht durch andere Ereignisse. Nicht durch die Entdeckung seines leeren Grabes. Nein, eine biblische Geschichte von der Auferstehung Jesu gibt es nicht. Wer danach sucht, findet nur Leere.

Was erzählt wird, erstaunt allerdings  auch kritische Historiker. Nur kurze Zeit nach Jesu Tod geschieht es: die totale Verzweiflung der Freunde und Freundinnen Jesu wandelt sich. Und wird zur unerschütterlichen Gewissheit, dass Jesus lebt. Für diesen Glauben sind sie sogar bereit zu sterben. Sie selber erklären diesen radikalen Wandel so:

SPRECHERIN

„Jesus hat sich uns gezeigt. Wir haben ihn erkannt, aber zugleich blieb er uns fremd. Er ist nicht zurück gegangen in sein altes Leben. Er ist nach vorne gegangen. Er ist verwandelt worden in ein neues unbekanntes Leben. Er ist der erste der erhofften neuen Schöpfung Gottes, die mitten in der alten ihren Anfang nimmt.“

AUTOR

Also kein happy end, sondern der bescheidene Anfang des noch ausstehenden guten Endes. Die Menschen sind nicht voller Freude, sondern „voller Furcht und Freude“. Es ist diese Mischung aus Furcht und Hoffnung, aus Schmerz und Freude, die die Stimmung am Ostermorgen ausmacht. Nicht mehr als Vorfreude liegt in der Luft. Aber auch nicht weniger.

MUSIK  Track 10 ab 2‘00

AUTOR

Ostern ist erst der Anfang vom guten Ende. Niemandem wird die schmerzliche Leere erspart. Sehen lässt sich Jesus nur für einen kurzen Augenblick. Er ist verwandelt in ein neues Leben. Aber sobald Menschen ihn erkennen, den ersten der neuen Schöpfung, entzieht er sich ihnen wieder. Nichts lässt er zurück, was Menschen be-greifen und festhalten können, was sie zur Verfügung hätten oder vorweisen könnten.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass der Anfang gemacht ist, der Anfang eines guten Endes. Die Leere ist noch da, aber sie hat sich verwandelt. Aus der Leere, die in die Verzweiflung treibt, ist eine Leere geworden, die Freiheit schenkt und Hoffnung stiftet, die etwas erwarten und zu wünschen übrig lässt. Eine Leere, die zur Kreativität anstiftet. Die Fantasien hervor bringt, konstruktiv mit Leere und Lücken umzugehen.

Wie ein leeres Blatt Papier zum Schreiben oder Malen einlädt. Wie ein leeres Glas Durst macht und ein leerer Teller gefüllt werden will. Wie ein leeres Haus anregt, Möbel zu stellen und Bilder aufzuhängen.

Die Frauen, denen der lebendige Jesus sich entzieht, entdecken die Leere als die Chance ihrer Freiheit. Ihre leeren Hände lassen sie ihre Begabungen entdecken. Sie lassen sich beauftragen. Sie haben den männlichen Jüngern Jesu gleich etwas voraus. Sie werden für sie zu Apostelinnen. Sie übernehmen neue Verantwortung – erfahren ihre Wertschätzung – und genießen sie.

MUSIK  Track 2 bis 0‘35

AUTOR

Verlassen zu werden von einem geliebten Menschen, das erzeugt bitteren Schmerz, eine kaum zu ertragende Leere. Das ist bei der Beendigung einer langjährigen Beziehung nicht anders als beim Tod. Dass in dieser Leere der Anfang eines guten Endes steckt, das ist nicht selbstverständlich. Das kann sich niemand selber sagen. Das muss gehört und geglaubt werden. Zu entdecken ist das nur in einem langen und schmerzlichen Prozess mühsamen Lernens. Helga kann davon erzählen – wie sie vor Jahrzehnten in dieser Leere das Leben neu entdeckt hat. Ich spüre Helgas Schmerz auch heute noch, wenn sie von ihren Erfahrungen erzählt:

HELGA

Also als ich geschieden wurde, war das ne Katastrophe für mich. Und was ich wollte dann, war nur noch weg, weg, weg, ganz weit weg… und bin dann mit meinem fünfjährigen Sohn in die USA nach Kalifornien  gegangen. Aber das hat mich nur noch tiefer in die Krise gestürzt. Und ich hab dann meine Studien in Amerika abbrechen müssen. Und bin nach einem Jahr zurück nach Deutschland…das war die Tiefe, der Tiefpunkt.

AUTOR

„Tiefpunkt“ – das ist Helgas heutige Sichtweise, weil sie weiß, wie es danach auch wieder bergauf ging. Stecken Menschen mitten in verzweifelter Leere, können sie das nicht wissen.

HELGA

Und was mir geholfen hat, die Leere in meinem Leben zu überwinden, das war eine neue Gemeinschaft, die ich gefunden hab, in der Kirchengemeinde an meinem Wohnsitzort. Da habe ich Freunde gefunden. Da hatten wir eine „Schalomgruppe“, in der ich mitgearbeitet habe und die meinem Leben einen neuen Sinn  und Inhalt gegeben hat. Wir haben uns beschäftigt mit dem Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung, sind auf Friedensdemonstrationen gegangen. Und da habe ich langsam, langsam gespürt: das kann ein neues Leben werden. (Und ich habe auch zwei persönliche, sehr persönliche Freunde gefunden, Gudrun und Walfryd, bei denen war ich immer am Wochenende in der Familie. Und die waren auch in der „Schalomgruppe“ und die haben mich begleitet in dem neuen Leben.) (Und die Tochter von ihnen, die Christiane, die nennt mich heute noch ihre Vizemutter.) Und dann bin ich in der Gemeinde noch in die Gemeindeleitung gewählt worden nach einigen Jahren und habe da auch nochmal neue Verantwortung übernehmen können.

AUTOR

Helga gibt das eine ganz neue Lebensperspektive. Mit einer Gewissheit, die andere ihr schenken:

HELGA

Dass ich das Leben jetzt wieder bejahen kann, das merke ich eigentlich nicht so sehr selber, sondern das sagen mir andere. dass ich jetzt wieder fröhlicher bin und dem Leben zugewandt. Die Lücke hat sich geschlossen. Die merk ich nicht mehr. Das ist Vergangenheit. Aber eine, die mein Leben geprägt hat, die mein Leben sehr geprägt hat, aber sie ist jetzt überstanden.

MUSIK  Track 2 ab 0‘35

AUTOR

Am Kreuz ist Jesus Opfer menschlicher Gewalt. An Ostern ist ihm Gerechtigkeit widerfahren. Gott hat dem unschuldig Getöteten Recht gegeben. Gott hat dem Unrecht der menschlichen Wölfe nicht das letzte Wort gelassen. Mochten die Akten auf Erden auch geschlossen sein: Höheren Orts war Einspruch erfolgt. An dem einen hat Gott ein Exempel der Gerechtigkeit statuiert.

Das eine an Ostern geöffnete Grab bekräftigt den Einspruch des lebendigen Gottes gegen den Lauf der Dinge. Unvergessen bleiben die Ermordeten, Jesu Schicksalsgenossen in allen Zeiten. Weil Gott an dem einen ein Exempel statuiert hat, ist über allen Opfern dieser Erde das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Mitten in den Gewaltgeschichten dieser Erde ist eine Hoffnungsgeschichte aufgekeimt. Auch hier erst der Anfang eines guten Endes. Zwischen dem Einen und den vielen klafft eine gewaltige Lücke. Eine Gerechtigkeitslücke.

Viele finden sich mit dieser Lücke ab. Ihr Glaubensbekenntnis heißt: „Da kann man ja doch nichts machen“.

Menschen, die vom lebendigen Jesus inspiriert sind, sagen dagegen: „Die Opfer dieser Erde verpflichten uns. Wir nehmen die Herausforderungen an. Wenn Ungerechtigkeit geschieht, wenn die Welt über Mord und Totschlag zur Tagesordnung übergeht, dann stehen wir auf.“

Die dem Auf-gestandenen trauen, stehen selber auf, sind bereit zum Aufstand. Sie werden zu einer Widerstandsbewegung gegen den Tod und „gegen die Herren, die mit dem Tod uns regieren“. (Und wenn menschliches Bemühen um Gerechtigkeit zu schwach ist, dann bleibt, auf den einen zu hoffen, der aus dem Grab geholt wurde.

MUSIK   Track 6 bis 0‘50

AUTOR

Christa zum Beispiel lässt die Gerechtigkeitslücke nicht kalt. Sie fühlt sich unschuldigen Opfern verpflichtet, übernimmt Verantwortung und setzt sich ein für Gerechtigkeit.

CHRISTA

Leider Gottes ist sie nicht überall da. Ja, ja. Wir vermissen sie in vielen vielen Ländern dieser Erde. Und manchmal ja auch bei uns. Wenn es z.B. um die Flüchtlinge geht, um Menschen mit Migrationshintergrund. Wir wollen ja nicht immer nur auf die Politiker zurückgreifen, sondern es ist ja im Grunde genommen jeder Mensch gefragt, für Gerechtigkeit zu sorgen. Ob das in der Familie ist oder in der Schule oder im Beruf. Gerechtigkeit gegenüber Frauen im Beruf, in der Schule gegenüber Schwächeren, dass Schüler und Schülerinnen gemobbt werden. Da ist ne große Gerechtigkeitslücke unter Jugendlichen, die einfach kein Verständnis dafür haben, dass sie anderen Menschen sehr wehtun oder sie sehr sehr unglücklich machen und manchmal sogar in den Suizid treiben.

 AUTOR

Christa gehört nicht zu denen, die nur anderen predigen. Sie handelt ihren Überzeugungen entsprechend. Und erzählt von ihrem über dreißigjährigen ehrenamtlichen Engagement bei Amnesty International:

CHRISTA

Wir bei Amnesty International, das ist eine Menschenrechtsorganisation, die weltweit agiert, wir arbeiten zu Menschenrechtsverletzungen an politisch Gefangenen, an Todeskandidaten. Und wir arbeiten zu Religionsfreiheit, dass Menschen ihren Glauben leben dürfen. Wenn wir über Schicksale erfahren, geht dieses Schicksal erst mal nach London zum Internationalen Sekretariat. Und das Internationale Sekretariat schickt Fachleute, um diesen Fall zu recherchieren. Und wenn das in festen Tüchern ist,  und dann dürfen wir dazu arbeiten, z.B. die Despoten, Präsidenten oder Kanzler anschreiben mit der Bitte, um die Menschenrechte zu wahren, mit der Bitte, die Menschen frei zu lassen, dass sie ein faires Verfahren kriegen.

 AUTOR

Sie weiß, auch das ist nur ein Anfang. Manchmal nur ein Körnchen in der Gerechtigkeitslücke.

CHRISTA

Ab und zu sind wir auch erfolgreich, das heißt: dass wir jeden Monat in unserem Amnesty Journal erfahren, welche Erfolge wir haben, dass z.B. Folter nachgelassen hat, dass Todesurteile in Haftstrafen umgewandelt wurden, dass auf einmal ein Rechtsanwalt Zugang hatte zu den Menschen in Gefängnissen, dass ne Familie mal zu Besuch kommen darf, dass Väter ihre Kinder das erste Mal sehen nach sieben Jahren. 

AUTOR

Das Aufstehen und Anfangen macht Mut. Selbst, wenn nicht alles erfolgreich ist, und eine schmerzliche Lücke bleibt.

CHRISTA

Das muss man aushalten. Diese Lücke müssen wir aushalten. Wir können nicht für alle Menschen Gerechtigkeit durchsetzen. Wir machen es trotzdem. Wir geben nicht auf. Wir machen mal ne Pause, aber wir bleiben dran.

MUSIK  Track 5

AUTOR

An Ostern entsteht das neue Leben nicht am alten Leben vorbei. Der Leichnam Jesu ist nicht unwichtig. Verstümmelt und aufgestochen, vollzieht sich die neue Schöpfung gerade an ihr. Die Verletzungen des Karfreitags zeichnen Jesus am Ostermorgen. Aufgeplatzte Haut. Durchbohrte Knochen. Geronnenes Blut. Da ist keine Traumgestalt. Kein himmlischer Glanz. Kein Astralleib. Da sind die Spuren der geschundenen Schöpfung, der Gott die Treue hält. Das Alte wird verwandelt. Das verleiht dem Alten einen unzerstörbaren Wert, zeigt Gottes Liebe zum Fragment. Und Gottes Liebe lehrt das Leben mit Lücken und Fragmenten. Das Brüchige und Bruchstückhafte, das Zerbrechliche und Verletzbare, das ist des Lebens und der Liebe wert.

Das zu lernen, ist schwer. Es ist besonders schwer für Menschen mit erheblichen Behinderungen. Dass ich mit meinen Lücken, mit meinen Fragmenten und Hässlichkeiten liebenswert bin, das kann ich mir nicht selber sagen. Das muss ich hören. Hören und glauben wie die Menschen am Ostermorgen.

Lotte hat über Jahrzehnte geglaubt, dass sie ein hässliches Mädchen, eine hässliche Frau ist. Sie litt unter ihrem großen Übergewicht, auch weil sie seit Kindesbeinen gelernt hatte: „Dicke sind hässlich.“ Mehr und mehr entwickelte sie das Gefühl, nicht zu genügen, nichts zu können, nichts wert zu sein. Sie hatte nicht gelernt, dass Lücken und Leere zum Leben gehören und weder Wert noch Würde des Lebens mindern. Stattdessen lernte sie sich zu hassen. Mit übermäßigem Essen versuchte sie, die Leere zu füllen. Es entwickelte sich eine ausgeprägte Sucht zu essen.

LOTTE

Der Verstand hat über die Sucht, hat der keine Gewalt. Ich hab alles runter geschluckt, damit diese Leere weg war. Ich hab es wirklich richtig runter geschluckt. Ich hab meinen Kummer runter geschluckt, meinen Selbsthass runter geschluckt, meine Ängste hab ich runter geschluckt, und meine viele Arbeit -. und auch vielleicht meine Enttäuschungen runter geschluckt. Dieser Selbsthass ist schlimm.

AUTOR

Wenn Lotte das so erzählt, scheint es nur schwer vorstellbar, den Anfang für ein gutes Ende zu finden. Zu lernen, mit der Leere und den Lücken des Lebens konstruktiv umzugehen.

LOTTE

Das hab ich wirklich gelernt, indem ich an die Dinge ranging… Ich war auch in Kliniken. Ich hab mir Rat geholt. Und ich hatte Glück: Ich habe so viele Menschen um mich herum. Ich hab eine Selbsthilfegruppe gefunden. Ich habe Menschen gefunden, die mir geholfen haben, diese Leere zu füllen. Auch mein Glaube hat mir geholfen. Es ist wunderbar. Einsam bin ich wirklich nicht. Es ist schön, jetzt, wo’s mir gut geht, ist auch der Kontakt zu andern ganz einfach und ganz leicht geworden.

AUTOR

Zur Lücke gehört auch das Lachen. An Ostern hat es seinen festen Ort. Nicht das triumphale Lachen, das erst am guten Ende seinen Platz hat, wenn Tod und Teufel ausgelacht werden, wenn sie verloren haben. Sondern das Lachen über die kleinen Wunder im Alltag, die der Anfang des guten Endes möglich macht. Helgas Lachen und Christas und Lottes. Oder das vieler anderer, deren österliche Wundergeschichten erzählt werden könnten und sollten. Es ist ein ungeniertes, un-verschämtes Lachen. Wie das von Lotte, wenn sie von dem Wunder erzählt, wie aus dem kleinen hässlichen Mädchen eine starke Frau wurde, die auch mit 86 noch schön ist.

LOTTE

Dass ich abstinent bin. Das ist scharf. Dass ich die Lotte bin. Dass ich… Ich hab mich… Ich find mich gut. (befreites Lachen).

MUSIK  Track 1

http://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?audioMode=3&audioID=538779&state=

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