Antisemitismus und Apartheidstaat – Wie Etiketten die Kommunikation blockieren

Dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland entschlossen entgegen zu treten, ist mehr denn je eine dringliche gesellschaftliche und politische Aufgabe. Ob der Beschluss des Deutschen Bundestages, einen „Antisemitismus-Beauftragten“ zu ernennen, dafür eine wirksame Maßnahme ist, darüber lässt sich streiten. Eines der Argumente gegen den Beschluss ist die Befürchtung, dass damit die Tendenz verstärkt wird, berechtigte Kritik an politischen Entscheidungen der Knesset und der Regierung Israels in Deutschland unter dem Etikett „Antisemitismus“ zu unterdrücken. Leider gibt es eine Reihe von Beispielen aus der letzten Zeit für diese skandalöse Tendenz. Und umgekehrt:  Wer zu Recht gegen Antisemitismus aufsteht, wird oft verdächtigt, nur politische Kritik an Israels Regierung verhindern zu wollen.

Es bleibt abzuwarten, ob der oder die zukünftige Beauftragte diese Tendenz unterstützt oder ob er oder sie die notwendige begriffliche und sachliche Differenzierung fördert, damit in Zukunft „Antisemitismus“ in Deutschland nur das heißt, was Antisemitismus ist, und nicht zum Vorwand wird, notwendige Kritik an der Politik Israels zu verhindern. Weil die pauschale Etikettierung als „antisemitisch“ den Antisemitismus gerade verharmlost, bleibt die Differenzierung eine gesellschaftliche und politische Aufgabe – mit oder ohne oder gegen den oder die Beauftragte(n).

Offensichtlich ist es aber immer noch nötig, den platten Allgemeinplatz auszusprechen: Beides ist richtig. Nicht jede Kritik an der Politik Israels ist antisemitisch. Und es gibt eine Kritik Israels, die offen oder versteckt antisemitisch ist. Sie bedient antisemitische Klischees und sie verstärkt den Antisemitismus im eigenen Land. Klara Butting hat in ihrem Editorial Junge Kirche 4/17, S. 1 überzeugend dafür eine Reihe von Beispielen aufgeführt.

Sie endet mit dem Ratschlag, dennoch in zukünftigen Debatten über den israelisch-palästinensischen Konflikt die Label „antisemitisch“, „Antisemitismus“ fallen zu lassen, um Kommunikationsbarrieren zu vermeiden. Auch meine Erfahrung ist, dass mit der Nennung dieser Label augenblicklich die argumentative Auseinandersetzung über die zur Rede stehende Sache ein Ende findet. Sie wirken wie Schubladen. Statt mit viel Aufwand zu erklären, warum ich in diese mir zugewiesene Schublade nicht gehöre, möchte ich beschreiben, was ich politisch kritisiere.

Totschlag-Argumente

„Totschlag-Argumente“ nennt der Volksmund sie. Sie verhindern eine sachliche Auseinandersetzung über schreiende Missstände wie die Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels, indem sie der Kritik einen Rahmen geben, der den Blick auf anderes lenkt und damit von dem ablenkt, was in Rede steht. Als „Totschlag-Argument“ verhindern sie aber andererseits auch die notwendige Auseinandersetzung mit real vorhandenem und bedrohlichem Antisemitismus. Der Rahmen verengt jeweils den Blick. Der Rahmen wirkt wie die Satzzeichen, die etwas ausklammern. Gerne klammern wir aus, was gegen unsere Thesen spricht und wundern uns dann, dass unsere Kontrahenten sich gerade darauf „fokussieren“. Oft setzen die Label gewollt oder ungewollt die Kontrahenten herab. Genau diese Funktion hat die Etikettierung „antisemitisch“ in Nahost-Debatten.

In der Seelsorge habe ich gelernt, wie hilfreich es sein kann, Ratsuchenden neue „Rahmen“ anzubieten, in denen sie das für sie unlösbare Problem „in neuem Licht sehen“ können, wie wir bedeutungsvoll sagen. Manchmal ermutigt der Perspektivwechsel dazu, fremd- oder selbstgesetzte Rahmen in ihrer destruktiven Wirkung zu erkennen und zu sprengen. Diese gewaltsame Metapher ist dabei durchaus angemessen, weil das Ziel die Freiheit zu neuen Denk- und Handlungsmöglichkeiten ist, für die begriffliche Gefängnismauern gesprengt werden müssen.

Label wie „Antisemitismus“ wirken in Debatten über den palästinensisch-israelischen Konflikt wie solche gemauerte Rahmen, die eine freie kritische und Erkenntnis gewinnende Debatte verhindern. Sie sind ideologischer Beton. Auch wenn ich meine, gute Gründe gegen die BDS-Bewegung zu haben, halte ich – schon um der Meinungsfreiheit willen – den Beschluss von Kommunen und Institutionen, Veranstaltungen, in denen über BDS informiert und diskutiert wird, als „antisemitisch“ zu deklarieren und ihnen deshalb Räume und Möglichkeiten zu verweigern, für falsch.

Erkenntnis gewinnende kritische Debatten werden oft auch durch den demonstrativen oder versteckten Hinweis auf die Shoa verhindert und den daraus abgeleiteten Anspruch, als Juden immer die Opfer zu sein. Der Hinweis macht bisweilen mundtot. Kritik sei in Israel wegen der Shoa von außen nicht und „schon gar nicht auf Deutsch“ erlaubt, höre ich immer wieder. Zu meinen Erfahrungen in Israel gehört, dass in weiten Teilen der jüdischen Bevölkerung Kritik an der Politik Israels auch „auf Deutsch“ durchaus willkommen ist, wenn sie solidarisch ist. Und Israeli haben ein feines Gespür für den Unterschied. Selbst eine so pointierte (und nicht unproblematische) These wie die, dass die Sicherheit Israels zur deutschen Staatsraison gehöre, lässt ja viel Spielraum für Kritik an der Politik Israels, den die deutsche Bundesregierung nur leider viel zu wenig nutzt.

Als während des Gaza-Konfliktes 2014 der damalige Finanzminister Yair Lapid Berlin besuchte, erzählte er bewegend, wie sein Vater als kleiner Junge von seinem Versteck aus unter dem Bett seines Großvaters dessen Verhaftung durch die Nazis erlebte. Seine Erzählung hatte die Wirkung, dass ihm niemand zu widersprechen wagte, als er in derselben Rede die Raketen aus dem Gazastreifen ungeniert mit der Shoa verglich. Solche Argumentation ist kein Einzelfall. Lapid gehört ja keineswegs ins rechte Lager. Die Regierung Israels und ihre Freunde beherrschen virtuos das Instrument, ihre Politik mit der Shoa zu rechtfertigen und damit gegen Kritik zu immunisieren.

Umgekehrt instrumentalisieren auch die Gegner Israels die Shoa für völlig unangemessene Vergleiche nach dem wohlfeilen (weil die damaligen Täter entlastenden) Muster „Die Opfer von damals sind die Täter von heute“. Beide Argumentationsmuster sind ideologischer Beton. Sie basieren auf ideologischen Mauern, die Erkenntnisgewinn und neue Handlungsmöglichkeiten verhindern.

Post-Holocaust-Theologie

Auch die theologische Debatte wird durch irreführende Labels behindert. „Post-Holocaust-Theologie“ nennt z. B. Munther Isaac das neue Bemühen, von Juden zu lernen statt sie zu belehren (in JK 4/17, S. 11). Es meint eigentlich ein Kapitel der Gotteslehre. Mit der jüdischen wie christlichen „Theologie nach Auschwitz“ wird die klassische Theodizee-Frage radikalisiert. Wenn es aber zu einem Label für die Frage nach einem erneuerten Verhältnis der Christenheit zum Judentum wird, erweist es sich als eine typische Rahmung, die ablenkt und ausklammert.

Begonnen hat dieser heilsame Wandel im Verhältnis von Christen und Juden ja längst vor dem Holocaust. Und nicht nur der Holocaust wird hier reflektiert. Es geht nicht um ein deutsches oder europäisches Problem, von dem sich die übrige Christenheit dispensieren könnte. Es geht um das Problem des Antijudaismus in einer fast zweitausendjährigen Theologie- und Kirchengeschichte, das die gesamte Ökumene betrifft. Wer das „Post-Holocaust-Theologie“ nennt, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er sich damit nicht der auch seiner eigenen Theologie und Kirche gestellten mühevollen Aufgabe entziehen will, die ererbten Antijudaismen zu überwinden und in ökumenischer Gemeinschaft z. B. Christologie und Trinitätslehre so neu zu formulieren, dass sie wieder schriftgemäß werden und mit Juden (durchaus kontrovers) kommuniziert werden können.

Auch die Freunde Palästinas haben sich also der Herausforderung zu stellen, auf Etiketten zu verzichten, die die Verständigung mit Israel und seinen Freunden verhindern. Es gibt sie nämlich auch. Und sie sind nicht weniger Kommunikationsblockaden.

„Berliner Mauer“

Als 2007 der Rat der katholischen Deutschen Bischofkonferenz zum ersten Mal das Heilige Land besuchte und dabei die Sperrmauer zwischen Israel und den palästinensischen Gebieten (mit Recht) kritisierte, verstiegen sich einige der Bischöfe zu dem Vergleich mit der „Berliner Mauer“. Sie hatten übersehen, was dieses Etikett auch sagt, und mussten darum schleunigst klarstellen, dass die deutschen Bischöfe Israel nicht als „Terrorstaat“ bezeichnen wollen, der an seiner Grenze seine eigenen Staatsangehörigen brutal erschießen lässt, wenn sie das Land verlassen wollen. Auch die ungewollte Dämonisierung Israels als brutalen „Terrorstaat“ verhindert die weitere – auch kritische – nötige Kommunikation über Mauer und Zaun.

In den Debatten taucht der Mauer-Vergleich bis heute immer wieder ungeniert auf, bestimmt kreative Krippendarstellungen und weihnachtliche Karikaturen. Wenn die Heiligen Drei Könige wegen der Mauer nicht nach Bethlehem können oder Joseph und seine hochschwangere Maria auf dem Weg nach Bethlehem von israelischen Soldaten sicherheitsüberprüft werden, zeigen die Künstler ihre erschreckende Unwissenheit über die reale Situation vor Ort, in der in der Regel alle unkontrolliert nach Bethlehem können nur nicht wieder zurück. Natürlich ist das zu kritisieren, aber die Mauer zwischen Jerusalem und Bethlehem hat eine andere Funktion, als sie die zwischen Ost- und Westberlin hatte. Der unangemessene Vergleich offenbart seinen Willen, Israel in diese Schublade zu stecken und damit gewollt oder ungewollt als „Terrorstaat“ zu dämonisieren.

Dass die Terroranschläge in Israel signifikant zurückgingen, hat seinen Grund bekanntlich in einem Strategiewandel der palästinensischen Führung und nicht im Bau der Mauer, die zu diesem Zeitpunkt nicht mal halb fertig gebaut war. Und dass sie auch mitten durch palästinensische Wohngebiete verläuft, entlarvt die Behauptung, sie schütze vor palästinensischem Terror, als irreführende Ideologie. Dass sie fast dreimal so lang ist wie die Green-Line, entlarvt sie als Instrument der Annexion. So muss argumentiert werden statt mit dem Label „Berliner Mauer“ und seinen in jeder Hinsicht destruktiven Konnotationen.

Apartheidstaat

Ein anderes Label ist die Bezeichnung Israels als „Apartheidstaat“. Der NCCOP hat gerade die Weltchristenheit dazu aufgerufen: „Bezeichnet Israel als einen Apartheidstaat im Sinne des internationalen Rechts!“ (JK 4/17, S. 15) Schon etwas differenzierter ist die Deklarierung der Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten als „Apartheidpolitik“ und die Mauer als „Apartheidsmauer“. Natürlich gibt es Vergleichbares mit der damaligen Situation in den Apartheidstaaten im Südlichen Afrika. Das wird nicht bestritten. Aber es gibt auch so viel anderes im israelisch-palästinensischen Konflikt, das mit dem Rahmen „Apartheid“ ausgeklammert wird. Apartheid war z.B. nicht das Resultat einer Jahrzehnte langen Konfliktgeschichte, in der der einen Seite das Existenzrecht abgesprochen wurde und die andere Seite mit Terror, also der Gewalt gegen Unbeteiligte, agierte. Das Label öffnet eine Schublade, die die Differenzierung verhindert. Es setzt einen Rahmen, der von dem ablenkt, was anders ist. Für mich ist es schmerzlich zu erleben, wie meine Freunde und Freundinnen, mit denen zusammen ich z.B. weiland vor der Südafrikanischen Botschaft in Bad Godesberg Mahnwachen abgehalten habe, ihre Brillen nicht ablegen können, durch die sie jetzt die Situation in Palästina nur verzerrt und verschwommen sehen können.

Apartheid war Ausdruck eines auch theologisch begründeten Rassismus. Soll mit der Etikettierung die Gleichung „Zionismus gleich Rassismus“ erneuert werden? Soll die Bezeichnung Israels als „Apartheidstaat“ seine Delegitimierung als Staat befördern? Das Unrecht in Palästina ist nicht geringer, aber es wird nicht mit einer rassistischen Ideologie wie im Südlichen Afrika begründet. Die Vertreibung vieler Palästinenser von ihrem Eigentum und das Verbot, bestimmte Straßen zu benutzen, sind zu kritisieren. Aber das Label „Apartheid“ ist irreführend. Für die Argumentation stehen andere, nämlich stichhaltige Argumente zu Gebote. Die Situation der Palästinenser ist vergleichbar auch mit anderen Unrechtssituationen, z. B. der der Kurden innerhalb und außerhalb der Türkei oder der Katholiken in Nordirland, ohne dass wir deren Situation „Apartheid“ nennen. Das Element der Selektion ist für diesen Vergleich jedenfalls so wenig ein Argument wie für den Vergleich mit der Shoa.

Auch die Boykott-Aufrufe werden durch die südafrikanische Rahmung eher vernebelt als geklärt. Die palästinensischen Kirchen haben 2009 in ihrem Wort „Die Stunde der Wahrheit“ dazu aufgerufen, Waren aus den illegalen Siedlungen zu boykottieren. Dem konnten auch jüdische Israeli zustimmen. Dazu gibt es keine südafrikanische Analogie. Aber noch bevor die Europäische Union mit einer entsprechenden Verordnung die Voraussetzungen für einen wirksamen Boykott der Siedlerprodukte schaffen konnte, bekam der Aufruf einen „südafrikanischen Rahmen“.  Er wurde zu einem undifferenzierten Aufruf, Israel als Ganzes zu boykottieren, z. B. auch die wissenschaftlichen Institutionen in Israel, die die Besatzungs- und Siedlungspolitik ihrer Regierung engagiert bekämpfen. Und damit waren die Türen für einen differenzierten Boykott zugeschlagen.

Zu den Kommunikationsbarrieren gehört auch das (endbetonte) griechische Wort „Kairos“, das Palästina, Palästina-Netzwerken und dem Wort der palästinensischen Kirchen „Die Stunde der Wahrheit“ als Label aufgedrückt wird. Das Fremdwort meint „der rechte Zeitpunkt“. Es sagt nur Insidern etwas und fördert nicht mal das Verstehen geschweige denn die Kommunikation. Gemeindeglieder, Schülerinnen und Schüler und selbst Leute, die sich auf EAPPI vorbereiten (und die alle es meist auf der ersten Silbe betonen), erstaunt die Klarstellung, dass es nichts mit der Hauptstadt Ägyptens zu tun hat. Das Etikett hat die Genfer Zentrale des Weltkirchenrates dem Wort aus Palästina nachträglich angeheftet, um es mit dem „Kairos-Dokument“ der südafrikanischen Kirchen von 1985 gegen die Ideologie der „Apartheid“ in Verbindung zu bringen und es so „südafrikanisch“ zu rahmen.

Neuerdings wird der Staat Israel auch mit dem Label „Imperium“ belegt. Das ist erst recht ideologischer Beton. Der Terminus stammt aus der biblischen apokalyptischen Theologie und bezeichnet dort das „Reich des Bösen“, von dem sich die anderen als seine „Opfer“, die dem „Reich des Guten“ angehören, abgrenzen. Im Unterschied zur prophetischen Theologie, die die Ursachen des Bösen im eigenen Haus sieht und sich deshalb an das eigene Volk und seine Herrscher richtet, projiziert apokalyptische Theologie alles Böse auf das „Imperium“. Es sind immer die anderen, die an allem schuld sind und denen wir, „die Guten“, unterlegen sind. Es liegt auf der Hand, wie Palästinenser und Palästinenserinnen mit diesem Label für Israel die alleinige Opferrolle beanspruchen und die eigenen aggressiven Anteile an diesem Konflikt ausblenden. So werden Feindbilder zementiert und damit Kommunikation und Wandel verhindert.

Wandel durch Annäherung

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts wagten Sozialdemokraten in der Bundesrepublik Deutschland auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in Europa neue politische Aufbrüche unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“. Sie hatten Geduld, in den ideologischen Beton des Westens wie des Ostens tiefe Sprenglöcher zu bohren. Dazu gehörte die Entideologisierung der „Nomenklatur“, wie man damals sagte. Anfangs nahm niemand sie ernst. Aber am Ende waren sie es, die Wesentliches dazu beigetragen haben, den Kalten Krieg im Ost-West-Konflikt zu überwinden. Ich bin überzeugt, dass dieser „Wandel durch Annäherung“ auch in der völlig anderen und in mancher Hinsicht unvergleichbaren Situation des Nahen Ostens hilfreich ist. Eine Vermeidung der ideologischen Begrifflichkeit kann dazu ein kleiner Beitrag sein.

Der Aufsatz erschien in:

Junge Kirche. Unterwegs für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrungs der Schöpfung, Heft 2/2018, S. 49-52

https://www.jungekirche.de/

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Wie das Etikett „Antisemitismus“ unliebsame Kritik verhindern soll

Am 25. April nahm ich an der Aktion „Köln trägt Kippa“ teil, konnte (als Rentner) den ganzen Tag mit meiner Kippa durch Köln laufen (übrigens ohne negative Erfahrungen zu machen – aber was heißt das schon!), habe am Abend eine Minutenandacht in der Antoniterkirche zu diesem Thema gehalten und dabei zur Kundgebung auf der Domplatte eingeladen. Ich traf dort etwas später ein und hielt Ausschau nach den Freunden aus der jüdischen Gemeinde, mit denen ich verabredet war. Ich traute meinen Ohren nicht, als der Vorsitzende der Deutsch-israelischen Gesellschaft Köln in seiner Rede auf dieser Kundgebung meine rheinische Kirche und mich unter Nennung meines Namens als „antisemitisch“ bezeichnete. Ich protestierte lautstark, gab mich als der zu erkennen, den er gerade beschimpft hatte, aber unbeirrt las er seine Rede bis zum Ende vor. Er hatte von mir in der Zeitung gelesen.

Stein des Anstoßes ist ein kurzer Essay unter der Überschrift „70 Jahre Staat Israel. Ein Datum auch im christlichen Kalender?“. Die Fachgruppe „Juden und Christen“ unserer rheinischen Landeskirche hatte mich darum gebeten als Beitrag zu einer Arbeitshilfe für Gemeinden, die aus diesem Anlass einen Gottesdienst feiern möchten. Mit einem Vorwort von Präses Rekowski und liturgischen Bausteinen von Sylvia Bukowski wurde sie im März veröffentlicht und seither vielfach als „hilfreich und ausgewogen“ bezeichnet.

Ein seit Jahrzehnten in Jerusalem lebender Deutscher konnte sich diesem Urteil ganz und gar nicht anschließen. Er beliefert Online-Dienste und andere Klein-Medien mit extrem einseitigen Darstellungen der Ereignisse im Lande. Wer ihn kennt, weiß das einzuordnen.  Seit vierzig Jahren muss er jedes Jahr neu im israelischen Innenministerium um ein Visum betteln. Dementsprechend lesen sich seine Text wie regierungsamtliche Verlautbarungen. Der Prophet Elia kannte solche Figuren, die den Herrschenden nach dem Mund reden, bereits und nannte sie „die von der Königin Tisch essen“ (1.Könige 18,19). Jede Kritik an der Regierung Israels verbietet er sich und anderen mit dem Hinweis, wer eine demokratisch gewählte Regierung kritisiere, verunglimpfe deren Staat. Die Besatzungs- und Siedlungspolitik der israelischen Regierung „in Judäa und Samaria“ unterstützt er kritiklos und äußert sich über Palästinenser, Araber und Muslime, wie wir es von der AfD kennen.

Dass er eine andere Sichtweise auf Geschichte und Gegenwart der Situation in Israel und Palästina hat, sei ihm unbenommen. Aber seine Kritik an meinem Beitrag zur Arbeitshilfe meiner Kirche zeigt, dass er vier zusammenhängende Seiten nicht zusammenhängend lesen kann oder will. Er zitiert nur aus zwei Abschnitten, vermisst dort, was vorher oder nachher zu lesen ist, reißt Zitate aus dem Zusammenhang, um mich schlussendlich in die Schublade „Israelkritik im Stil der Fatah und Hamas“ zu stecken.

Zugegeben, ich nenne die Besatzungs- und Siedlungspolitik Israels „brutal“, „rücksichtslos“ und „menschenverachtend“ (nicht ohne auch die palästinensische Seite scharf zu kritisieren). Ich sage nichts anderes als die Bundesregierung, die mit Recht das Existenzrecht und die Sicherheit Israels als „nicht verhandelbar“ oder als „Teil der deutschen Staatsraison“ bezeichnet. Sämtliche deutschen Außenminister kritisieren seit 20 Jahren Israels Besatzungs- und Siedlungspolitik, je nach Temperament lauter oder leiser, aber unmissverständlich.

Nun wäre das alles der Rede nicht wert, wenn der Artikel aus Jerusalem nicht mit der vorwurfsvollen Frage an den (im Blick auf die kirchliche Arbeitshilfe) ahnungslosen Landesverband Jüdischer Gemeinden Nordrhein endete, warum der bereit sei, mit der Leitung dieser Kirche gemeinsam nach Israel zu reisen, die den Staat Israel mit diesem Text verunglimpfe. Noch bevor die Hintergründe dieser Attacke aufgeklärt werden konnten, verlangte der Landesverband eine öffentliche Distanzierung der Kirchenleitung von ihrer Arbeitshilfe. Als die Kirchenleitung dazu Gespräche anbot, eine pauschale Distanzierung aber ablehnte, sagte der Landesverband jüdischer Gemeinden drei Tage vor Beginn der Reise diese ab. Das ist das höchst bedauerliche Resultat dieser Attacke. Inzwischen sind beide Seiten, wie man liest, um Schadensbegrenzung bemüht.

Das Medienecho, das das Ereignis in Deutschland fand, ist ein interessantes Lehrstück über die gegenwärtige mediale Situation zum Thema „Israel / Palästina“ hierzulande. Das Stichwort „Antisemitismus“ liegt in der Luft. Was liegt da näher, als eine „Israelkritik im Stil von Fatach und Hamas“ und „die“ Kirche als „antisemitisch“ zu etikettieren? Der Leitartikel des Chefredakteurs der „Westdeutschen Zeitung“ offenbart in einer für ihn peinlichen Weise, dass er nicht einmal den Artikel zu diesem Sachverhalt in seiner eigenen Zeitung kennt, geschweige denn den Text, den er kritisiert. Ein Nachwuchsredakteur hat in „Christ und Welt“ drei unterschiedliche  Ereignisse zu einem Eintopf gerührt und flugs mit dem Etikett „Antisemitismus“ versehen. Er recherchiert nicht, bevor er schreibt, und argumentiert nicht, wenn er schreibt. Ein anderer Nachwuchsredakteur der „Frankfurter Rundschau“ liefert nichts als eine Kompilation der im Internet abgeschriebenen Schmähungen anderer Medien. Unterhaltungswert hoch. Informationswert Null. Ziel: im Online-Shitstorm-Ranking der FR den längsten zu haben.

Ein ausgewiesener Fachmann für Judentum und Israel, der seit Jahrzehnten leidenschaftlich gegen jede Form des Antisemitismus kämpft, schrieb mir lapidar: „Willkommen im Club der Antisemiten!“

Hier ist die Arbeitshilfe im Netz zu finden: http://ekir.de/url/bBF Im Deutschlandfunk habe ich mich zum gleichen Thema etwas ausführlicher und persönlicher geäußert (s.o.).

Am Dienstag, 12. Juni 19.00 findet in der Karl-Rahner-Akademie Köln, Jabachstraße 4, eine Podiumsdiskussion zur Arbeitshilfe „70 Jahre Staat Israel – Ein Datum im christlichen Kalender?“ statt (Eintritt 10 €).

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70 Jahre Staat Israel. Ein Datum im christlichen Kalender?

In diesem Jahr wird der Staat Israel Siebzig. Ist das ein Datum auch im christlichen Kalender? Für mich ist das vor allem ein Datum im Kalender der Menschenrechte. Denn die Staatsgründung Israels ist ein bedeutsamer Schritt auf dem Weg zum Schutz der Menschenrechte. Was kein anderer Staat geschafft hat, das leistet der Staat Israel: jüdische Menschen umfassend und bedingungslos zu schützen.

Israel ist der einzige Staat dieser Erde, der von allem Anfang an als Zuflucht für Menschen aus aller Welt errichtet wurde, die verfolgt wurden, nur weil sie jüdisch sind. Auch für Juden aus arabischen und muslimischen Staaten. Er ist der einzige Staat dieser Erde, in der die Mehrheit jüdisch ist und sie deshalb auch ungehindert jüdisch leben kann.

Israel ist aber auch der einzige Staat, dessen Existenzrecht von Anfang an bestritten wurde – nicht nur von allen seinen Nachbarn. Und er ist der einzige Staat, dessen Gründung mit einer Kriegserklärung all seiner Nachbarstaaten beantwortet wurde. Bis heute sprechen ihm viele arabische und islamische Staaten sein Existenzrecht ab. Und bis heute wird dieser Staat von allen Seiten bedroht.

Das alles ist zum siebzigsten Geburtstag erwähnenswert, auch für nicht-jüdische Zeitgenossen. Ich sehe „die Errichtung des Staates Israel als Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk“. So hat 1980 die evangelische Synode im Rheinland formuliert.

Und wenn ich in der Errichtung des Staates Israel ein Zeichen der Treue Gottes sehe, dann bleibt Israel doch ein säkularer Staat wie jeder andere. Ich verleihe ihm keinen göttlichen Glanz. Die Treue Gottes zu seinem Volk, sie bezieht sich auf eine von vielen Funktionen dieses Staates, nämlich seine Schutzfunktion. Kein Land dieser Erde wollte die aufnehmen, die verfolgt wurden, nur weil sie jüdisch waren. Dass das Judentum aller Anfeindung und Verfolgung zum Trotz sich behauptet, dazu hat nicht nur – aber auch – die Errichtung des Staates Israel beigetragen. Das ist ein Grund zur Dankbarkeit und nach siebzig Jahren auch ein Grund zum Feiern.

Musik 1 Jasmin Levy, Trak 2

Siebzig Jahre Staat Israel – das ist ein Datum auch im christlichen Kalender. Denn das Judentum ist unlöslich mit der Entstehung und Geschichte des Christentums verbunden. Und das in doppelter Hinsicht.

Zum einen waren vor allem christliche Theologie und Kirche verantwortlich für die Verfolgung der Juden. Darum ist dieses Datum ein Tag der Scham für Christen. Und zugleich ein Tag der Besinnung und der entschlossenen Umkehr zur unverbrüchlichen Solidarität mit dem Judentum. Und, schon wieder und immer noch aktuell: ein Tag der Verpflichtung, jede Form des Antisemitismus zu bekämpfen.

Und dann auch ein Tag der Mitfreude. Ohne dieses Volk und seine Traditionen gäbe es uns Christen nicht. Ohne die jüdische Bibel tappten wir im Dunkeln. Ohne Juden können wir nicht Christen sein. Juden in Deutschland, in unserer Nachbarschaft, sind so wichtig wie Juden im Staat Israel für christliche Theologie und Kirche. Und darum ist der siebzigste Geburtstag des Staates Israel ein wichtiges Datum auch im christlichen Kalender.

 Musik 2 Jasmin Levy Trak 5

Was für Juden ein Grund zum Feiern ist, das ist für andere ein Grund zur Trauer. Den einen hat die Staatsgründung Schutz, Sicherheit, Gerechtigkeit und Freiheit gebracht, den anderen Vertreibung, Zerstörung, Zwang und Unrecht.

Die von den Vereinten Nationen beschlossene Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat hat zu einem grausamen Krieg geführt, in dem es auf allen Seiten Opfer gegeben hat. Am Ende des Krieges hatten die Juden ihren Staat, der weit größer war, als es der Teilungsplan vorsah. Und die Palästinenser nichts. Das, was von Palästina übrig blieb, beanspruchten Jordanien und Ägypten. Das nennen die Palästinenser mit Recht „Katastrophe“, arabisch: „Nakba“. Bis heute haben sie nicht den ihnen versprochenen Staat. Dafür ist nicht nur Israel verantwortlich  – und nicht nur die Palästinenser selbst.

In diesen siebzig Jahren hat es mindestens acht Kriege und zwei blutige Aufstände gegeben. Immer war Israel trotz schmerzlicher Verluste militärisch siegreich und die Palästinenser die Verlierer. Seit mehr als fünfzig Jahren leben sie unter einer Menschen verachtenden Besatzung, konfrontieren Israel aber auch mit Menschen verachtendem Terror. Dreißig Jahre dauerte es, bis Israel auch nur als Gesprächspartner gewürdigt und als Verhandlungspartner anerkannt wurde. Trotz zahlreicher Friedensinitiativen steht die Anerkennung eines palästinensischen Staates immer noch aus – auch durch die deutsche Regierung. Das Fehlen demokratischer Strukturen auf palästinensischer Seite ist auch ein bleibendes Hindernis auf dem Weg zu diesem Ziel.

Die militärische Überlegenheit hat Israel dazu verführt, rücksichtslos seine Interessen gegenüber Palästina durchzusetzen. Mit einer aggressiven Siedlungspolitik werden Fakten geschaffen, die die Spielräume Palästinas immer mehr einengen. Und die Welt schaut dem Unrecht tatenlos zu.

Musik 3 Amal Murkus Trak 3

Die Staatsgründung Israels ist auch ein Datum im christlichen Märtyrerkalender. Selbstmordattentäter gehören nicht dazu. Ich denke z. B. an die Jungen in dem palästinensisch-christlichen Dorf Eilaboun, die 1948 von der israelischen Armee willkürlich ausgewählt und erschossen wurden. Es war eine Vergeltungsaktion für die Tötung jüdischer Soldaten. Die Bewohner des christlichen Dorfes  wurden dafür fälschlicher Weise verantwortlich gemacht. Als der Irrtum aufgeklärt war, durften die Bewohner zurück nach Eilaboun. Die Jungen waren unschuldige Opfer. Für die morgenländisch-orthodoxen Christen sind sie Märtyrer, auch wenn das für evangelische Ohren fremd klingt.

Ich denke auch an die Ruinenfelder von Iqrit und Bir‘am in Galiläa. Nur die Kirchen sind dort stehen geblieben. Die Bewohner dieser beiden christlichen Dörfer wurden – noch Jahre nach der Staatsgründung – vertrieben. Nur als Leichen dürfen sie und ihre Nachfahren zurückkehren, um auf dem Friedhof am Rande der Ruinen ihrer Häuser begraben zu werden. Zwei von über vierhundert palästinensischen Dörfern, die im Zuge der Staatswerdung Israels zerstört worden sind. Die palästinensischen Christen leben seit bald zweitausend Jahren im Land. Einige Gemeinden werden bereits im Neuen Testament erwähnt. Christen wie wir, Glieder am Leibe Christi, in dem, wenn eines leidet, alle leiden.

Dass es die christliche Kirche auch in Israel und Palästina allen Widrigkeiten zum Trotz noch gibt, ist für mich auch „ein Zeichen der Treue Gottes“. Ein Zeichen der Treue Gottes zu seiner Kirche in der arabischen Welt. Mich treibt dieses Zeichen zum Gebet für Gerechtigkeit und zu entsprechendem Tun. Die Staatsgründung Israels vor siebzig Jahren nötigt auch zu diesem Gedenken. Die Vertreibung der palästinensischen Christen und die Zerstörung ihrer Dörfer stehen repräsentativ für die aller Palästinenser, auch für die muslimischen und die säkularen. Die Katastrophe, die Nakba, hat alle getroffen. Sie ist die Kehrseite der Staatswerdung Israels.

Als Datum im christlichen Kalender ist die Staatsgründung Israels also ambivalent. Juden und Palästinenser deuten sie völlig unterschiedlich. Beide Perspektiven nehme ich als Gast im Lande wahr und halte sie in ihrer Unterschiedlichkeit aus. Das führt zu einer Haltung der „Doppelten Solidarität“, die um eine differenzierte und ausgewogene Sichtweise bemüht ist. Auch, wenn die Extremisten beider Seiten gern jegliche Solidarität allein für sich beanspruchen.

Musik 4  Amal Murkus Trak 4

In Israel feiern die Juden die Staatsgründung Israels mit einem eindrucksvollen Ritual. Der Tag vor dem Unabhängigkeitstag ist ein Volkstrauertag, an dem der gefallenen Soldaten und der jüdischen Opfer von Terror und Gewalt gedacht wird. Die blau-weißen Fahnen mit dem Davidstern hängen überall auf Halbmast. Das macht unübersehbar: die Staatswerdung Israels und der fortdauernde Schutz ist auch für Jüdinnen und Juden mit Leiden, Schmerz und Trauer verbunden.

Am Ende des Trauertages versammeln sich Jüdinnen und Juden an den Gedenksteinen, die Nationalfahne wird von Halb- auf Vollmast gezogen und augenblicklich wandelt sich die Stimmung von Trauer in Jubel. Sie feiern ihre Unabhängigkeit, ihr Leben in Freiheit und Sicherheit, das ihnen der Staat Israel garantiert. Ich habe dieses eindrucksvolle Ritual oft miterlebt. Ich kann den Umschwung von Trauer zum Jubel mit meinen jüdischen Freundinnen und Freunden mitvollziehen und mich mit ihnen von Herzen mitfreuen.

Und doch kann ich das nur in der Verbundenheit mit meinen palästinensischen Freundinnen und Freunden. Deren Fahne bleibt auf Halbmast hängen. Ihre Freude über den versprochenen Staat steht noch aus. Die Menschrechte der jüdischen Bevölkerung im Land erhielten Schutz, die anderer warten noch darauf: auf Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Freiheit. Und dabei wissen alle: Es gibt keine Sicherheit für Israel ohne Freiheit für die Palästinenser. Und keine Freiheit der Palästinenser ohne Sicherheit für Israel.

 Musik 5  Jasmin Levy Track 9

Jedem Unrecht zum Trotz können Juden und Palästinenser auch gemeinsam der Staatsgründung Israels gedenken.  Seit einigen Jahren geschieht auch das in Israel. Bei solchen gemeinsamen Gedenkfeiern muten Juden und Palästinenser einander die Geschichten ihrer gegenteiligen Erfahrungen zu. Sie halten aus, dass die gleichen Ereignisse für die einen Grund zum Jubel und für die anderen Grund zur Trauer sind. So wandeln sie einen einseitigen Heldengedenktag, der auf alte Feindschaften fixiert, zu einem gemeinsamen jüdisch-palästinensischen Volkstrauertag, der Frieden und Versöhnung fördert.

Wenn Juden und Palästinenser einander ihre Geschichten erzählen, dann machen sie die Erfahrung, dass solches Erzählen und Zuhören einander die Herzen öffnet. Palästinenser öffnen ihre Herzen für die jüdischen Leidensgeschichten bis zur Shoa, ihrer Katastrophe, die zur Errichtung des Staates Israel beigetragen haben. Und Juden öffnen ihre Herzen für die palästinensischen Leidensgeschichten in der Nakba, ihrer Katastrophe, zu denen Juden beigetragen haben.

Ein solches gemeinsames Gedenken der Ereignisse vor siebzig Jahren schwimmt gegen den Strom. Von Israels Regierung und dem rechten Flügel der Knesset genauso bekämpft wie von der Palästinensischen Autonomie-Behörde. Es ist ein angemessenes Gedenken, das Schritte auf dem Weg zum Frieden verspricht.

Musik 6 Schlussmusik Amal Murkus Trak 6

Sendung im DLF 13. Mai 2018, 8.35-8.50

 

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English summery “Luther and Jews”

Grace – faith – freedom. Martin Luther rediscovered the bright light of the gospel. His followers created the three keywords of protestant theology. Grace – faith – freedom. Humans are justified in God’s eyes through grace only and through faith only. And this is the basic of human freedom. From the beginning up till now the Lutheran doctrine of justification was a polemic challenge not just for other Christian denominations especially for the Roman Catholic theology, but also for Judaism. Luther used or abused Judaism as dark background for developing his doctrine of justification.

The longer I learnt from Judaism the more I discovered the hardcore of Luther’s theology is the hardcore of Judaism. Of course, the theological labels are not so important, but what the labels express that’s a central part of the Jewish religion.

I interviewed Jews living in our neighborhood for a radio feature broadcasted this morning. Now I’m telling about my experience of learning from Jews.

Always I’m deeply impressed how Jews celebrate Shabbat. Every seventh day a feast of freedom. One example for many: My friend Meir, a teacher, tells that he doesn’t prepare lessons or mark test papers. On Friday evening he switches off his cellphone, iPad, laptop. You can hear how much he enjoys his freedom of one day without telephone, sms or whatsapps.  The entire Jewish community celebrates freedom  – in ancient times including slaves and animals. They commemorate being deliberated from slavery. In the ancient world slaves of Jewish landlords were different from other slaves. Every seventh day they didn’t need to serve their lords. They lay besides their lords at the same table. They shared the same freedom. Shabbat is the partial anticipation of abolishing slavery. The seventh day anticipates the paradise, the Kingdom of God. Jewish people imitate what the creator did creating the world and they proclaim that’s relevant for all people and the entire creation.

Shabbat is not just a chapter of social ethics for Jews and Christians and all people and religions. But Shabbat is also a chapter of the doctrine of salvation. Shabbat is the practical manifestation of the doctrine that humans are justified through grace and faith only.

What Protestants have more in their mind than in their life, Jews experience in their weekly life. Shabbat is the Jewish materialization of the Lutheran doctrine of justification.

*

Jews told me that they don’t like the labels “grace” or “faith” or “belief”.  For Jewish ears these labels are occupied by Christians. I know that “faith” or “belief” are difficult words for many Christians too. “Born by a virgin”, “resurrection”, “ascension”.  For many Christians belief seems a big package, too heavy to shoulder it. But the biblical word doesn’t mean an achievement or a religious work. It means the opposite being without work, like Jews do on Shabbat, going without work. What humans have to do is reduced to receive, to accept presents, to let it happen, to trust.

Jacob told me that he is more familiar with trusting in God than believing in God. “But I’m not a hero of trusting in God. I’m more a fighter against God criticizing God because of the evils in the world; like the biblical Jacob was wrestling with God and struggling against God. A lot of doubts and desperation belong to my experience”. Listening to him I remember Luther telling about his experience about doubts and desperation. So my Jewish friend Jacob teaches me what Luther would have been able to learn from the Jews about belief, trust, confidence, faith.

*

He said: “If I would not believe in God, nevertheless I would not stop being a Jew.” That reminds me at Jesus meeting Zachaeus, the boss of the tax collectors of Jericho. Jesus declares him a son of Abraham independent of his behavior. Being circumcised on the eighth day makes a Jew know: I belong to God’s covenant long time before I’m able to decide being religious or not and doing good or evil. Christian theology called this gratia praeveniens, God’s forerunning grace, fundamental for Luther’s doctrine of justification.

Every day Jews pray with their morning prayer “The soul you have given me has been pure.” Original sin or purity? Anyway – before humans can use their free will and decide between good and evil, they got a gift, their soul. What they do or do not, is made possible by their creator. They live by God’s forerunning grace.

God’s choice is another aspect of God’s forerunning grace. Being chosen – that is a central and important aspect in the Hebrew Bible and (!) in the New Testament. According the letters of Paul “God’s choice” is a more relevant label than the label “justification”. In the Bible “to be chosen” means “to be loved without reason” like humans be chosen by each other who are fallen in love with each other. But I learnt Jews today don’t like this label. The label “choosiness” is poisoned by anti-Semitism. Jews fear the anti-Semitic misinterpretation being chosen means being better people. So they avoid this label.

But suddenly my friend Jacob told a joke: “At first God offered the tora to a lot of other people. But the other people denied the offer, because the tora has so many laws and regulations. The Jewish people asked: “How much do we have to pay?” “It’s just for free.” “Okay. We want it”.

A Jewish joke. Self ironically the Jewish teller uncovers the anti-Semitic stereotype Jews are counting and clever businessmen. My laughing liberated me for the acknowledge that’s typical human – and not typical Jewish – to ask every times and everywhere for the costs. And God’s choice helps humans to do not economize the entire life. The best one is what God gives for free. Life, God’s choice, God’s love is just for free. It’s gratis. Sola gratia. Luther would have been able to learn his essentials from the Jews.

For Luther one aspect of grace was especially important: the forgiveness of sins, grace in spite of guilt. “Chesed werachamim” are the words for this in the Hebrew Bible. Noemi remembers the prayers and songs on the High Holidays. Whoever goes to the Synagogues on the ten days between Rosh HaShana and Yom Kippur, will be impressed, how passionately Jews sing for example “Avinu, Malkenu”, our father, our king, be gracious, give us justice and grace and reconciliation!… There is no doubt, the hardcore of Luther’s theology is the hardcore of Judaism.

*

Freedom and grace and trust are central topics of Jewish religion and Luther’s theology. Maybe you will agree with me up till now. But there is one topic in the centre of Luther’s theology there is not any agreement with Judaism. Solus Christus.  Jews confessing the one and only God say No to the Messiah Jesus. Maybe that is the reason for Luther being so blind for all the other agreements with the Jewish religion. His ideology is “Just a baptized Jew is a good Jew”.

In the past I thought what many Christians think up till now: The Jewish No is their lack, their deficit. And we have to overcome it missionizing Jews and making them Christians. But I changed my mind. I don’t think so any longer. I learnt the Jewish No is an advantage (Romans 11,12). They keep the question for the Messiah open – open for the answer of the Messiah himself.

With their No to the Messiah Jesus Jews advocate God’s unfulfilled promises and they advocate the unredeemed world.  They protect us from the illusion that perfect is what Jesus did and we don’t need to wait for him: Jews teach us with their No to expect all from the coming one. He has to verify what Christians believe.

I learnt it from the elder Paul, the apostle. When he was young, he tried to missionize his family and Jewish friends, with rather success. But at the end of his life he acknowledged that the entire Israel will be saved without Christian missionary work (Romans 11,26).

Solus Christus – that is not an attack against Jews or Muslim. Solus Christus has its function inside Christian Theology and church. It means the distinction between Christ and Christians. Christ only and not Christology. Christ only and not Christianity. The invisible and untouchable and inaccessible one will triumph – and not the one or the other religion. We have to expect him or her together with Jews, Muslims or whomever. We have to be curious how he or she will identify him- or herself. In the meantime we have to listen to each other and to learn from each other and so to honor him or her who is the Alpha and the Omega, the Alef and the Tav.

Halleluja!

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Was Luther von Juden hätte lernen können

AUTOR

„Wie werden Menschen gerecht vor Gott?“ Wie werden Menschen so, dass sie Gott gefallen? Das war Luthers zentrale Frage. Und er antwortet kurz und knapp: allein aus Gnade – allein durch den Glauben –  und das ist der Grund für die Freiheit der Menschen. Gnade – Glaube – Freiheit. Mit dieser Lehre steht und fällt die Kirche. Das war Luthers Überzeugung. Polemisch hat er sie vertreten. Gegen zwei Feindbilder. Gegen die herrschende Theologie seiner Zeit: antikatholisch und gegen das Judentum: antijüdisch.

Je länger ich mit Jüdinnen und Juden im Gespräch bin, desto deutlicher ist mir, dass Luther irrte, als er seine neue Lehre im Widerspruch zum Judentum entwickelte. Er hätte vieles davon auch von Juden seiner Zeit lernen können, wenn er nicht ihnen gegenüber so schrecklich verblendet gewesen wäre. Die Begriffe Luthers sind es nicht, die im Judentum eine große Rolle spielen, wohl aber das, was die christliche Theologie in diesen Begriffen zum Ausdruck bringen will.

Ich möchte  von meinen Lernerfahrungen erzählen. Und ich möchte Jüdinnen und Juden zu Wort kommen lassen. Keine Figuren der Vergangenheit und nicht Menschen aus dem fernen Israel. Es sind Menschen aus der Nachbarschaft, die hier in Deutschland jüdisch leben.

MUSIK

AUTOR

Ich habe das Judentum als Religion der Freiheit kennen gelernt. Und nirgendwo wird die Freiheit so deutlich wie an der Weise, wie Juden Schabbat feiern. Ihr Fest der Freiheit. Jeden Freitagabend beginnt es mit einem festlichen Mahl und am Samstagabend wird es mit einem festlichen Akt beschlossen.

JAKOB

Es hat ne große Feierlichkeit durch die Kerzen am Anfang. Man zündet die Schabbat-Kerzen an und spricht einen Schabbat-Segen und dann hat man gute Laune. Und am Ende gibt es auch Kerzen, die gelöscht werden. Havdala heißt das, Trennung. Nicht arbeiten müssen, ist ne große Freiheit.

MICHAEL

Es ist eine Erinnerung an den Auszug aus Ägypten. Weil wir freie Menschen sind durch den Auszug aus Ägypten, sind wir frei, Gott zu dienen und einen Tag frei zu habe. Das ist der Schabbat. Das ist ein Zeichen der Freiheit, aber es ist nicht eine Freiheit, zu tun, was wir wollen, aber es ist eine Freiheit, zu tun, was mehr Sinn macht, als was wir normalerweise tun.

Gott hat die Welt in sechs Tagen erschaffen und am siebten Tag, Schabbat, Samstag, hat er sich ausgeruht. Und wir tun das Gleiche, wir ruhen auch an dem Tag. Wir nehmen Gott als Beispiel für unser Tun und wir ruhen auch an diesem Tag.

JAKOB

Das Interessante am Schabbat ist ja, er wirkt dadurch, dass man Sachen nicht tut, dann ist es eigentlich wunderbar.

AUTOR

Etwas nicht zu tun, obwohl es möglich wäre, das ist Freiheit. Das hört sich leicht an. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist, in dieser Freiheit auch zu leben. Wenn jemand wie Meir Lehrer ist und auch zu Hause seinem Beruf nachgeht.

MEIR

Also ich mache keine Arbeit am Schabbat, also ich korrigier keine Klausuren, ich plane keinen Unterricht. Es ist wirklich ein Tag für mich, wo ich keinen Wecker stelle. Ich stehe auf. Ich mache Sport.

Also am Abend mache ich immer mein Handy aus, normalerweise vor dem Gottesdienst, und dann es bleibt aus bis Havdala. Auch mein i-Pad und meine Computer, weil es einfach befreiend ist, einen Tag das nicht zu haben. Wenn ich mich mit Freunden treffe, dann ist es ganz altmodisch, dann sagen wir zwei, drei Tage im Voraus “Wir treffen uns um zwei”. Dann bin ich um zwei da, dann warte ich zehn, fünfzehn Minuten, und wenn sie nicht kommen, dann mache ich, was ich will, ich geh nach Hause, was auch immer. Ich habe keine nervige whatsapp, zu sagen “Aah, ich hab mich verspätet, ich bin in ner halben Stunde da”. Es ist einfach nur old school. Dann sitzt man da und macht es so wie damals.

AUTOR

Ich lerne aus der Weise, wie Juden Schabbat feiern, dass der Mensch nicht lebt, um zu arbeiten, sondern umgekehrt: er arbeitet, um zu leben. Das Leben ist Gottes Ziel mit uns Menschen. Die sechs Arbeitstage zielen auf den siebten, den Feiertag. „Unsere Werke machen uns nicht gerecht“, hat Luther das genannt. Nicht was der Mensch schafft, herstellt, produziert, macht sein Leben aus. Menschliches Leben hat Wert und Würde unabhängig von dem, was ein Mensch leistet. Jüdinnen und Juden wissen das nicht nur, sie feiern es alle sieben Tage. So wird dieses Wissen ein Teil von ihnen. Und dieses Wissen um die Balance von Arbeit und Feier geben sie an die nichtjüdische Welt weiter. Schabbat ist in meinen Augen die gelebte Rechtfertigungslehre.

MUSIK

AUTOR

Unser Tun macht uns nicht gerecht, sagt Luther, sondern unser Glauben.

JAKOB

Also Glauben, wenn man mir mit dem Begriff kommt, ist das in erster Linie ein Ärgernis, weil ich’s für ein Missverständnis halte. Weil im Christentum Glauben so sehr wichtig genommen wird. „Sola fide, allein durch glauben“ usw., und „Rechtfertigung durch Glauben“ und „glauben, weil es absurd ist“. Wenn die Menschen das Falsche glauben, dann werden sie ausgeschlossen oder im Zweifel auch verbrannt. So wichtig nehmen wir den Glauben nicht.

MICHAEL

Glaube ist ein komplizierter Begriff für Juden, glaub ich. Wir haben ein Glaubensbekenntnis, und das ist das Sch’ma Jisrael.“Sch’ma Jisrael adonaj eloheinu adonaij ächad. Höre, o Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig.“

AUTOR

Was Jakob und Michael so schwierig finden, ist auch für viele Christinnen und Christen ein Problem. Glauben – das erscheint im Christentum wie ein riesiges Paket, das kein Mensch schultern kann. Jungfrauengeburt, Auferstehung, Himmelfahrt. Das alles zu glauben, erscheint wie eine riesige Leistung, die auch gläubige Menschen kaum erbringen können. Demgegenüber erscheint das jüdische Glaubensbekenntnis heilsam konzentriert: „Unser Gott ist einer“. Aber für viele ist schon das eine Zumutung.

Schwierig ist es, wenn Glauben ein Nomen, ein Substantiv ist, wenn wir sagen „der Glaube“. Luther hat demgegenüber Glauben als Verb, als Tätigkeit verstanden. Oder genau genommen als Nichttätigkeit, als das sabbatliche Nichts-Tun. Es ist für ihn keine Leistung, sondern der Verzicht auf moralische und religiöse Leistungen. Wenn ich glaube, verzichte ich auf das, was ich eigentlich machen könnte. Ich überlasse es Gott. Ich lasse es Gott tun. Ich beschränke mich auf das „zulassen“, das „empfangen“. Das Wort dafür in der Bibel kann auch mit „vertrauen“ übersetzt werden.

JAKOB

Klar ist mir der Vertrauensbegriff schon etwas näher als der Glaubensbegriff. Aber manchmal hab ich so was wie gar kein Vertrauen. Wenn Leute sterben, wenn das Leben sich gerade mal beschissen entwickelt, dann hab ich kein Vertrauen. Oder, weiß ich nicht, … dann ist der Bund mit Gott auch mal dessen, der mit Gott ringt und Kritik hat und das alles nur, nur unglaublich findet.

AUTOR

So macht Jakob seinem biblischen Namenspatron alle Ehre. Jakob in der Bibel hat auch nicht zu allem Ja und Amen gesagt. Er hat mit Gott gerungen. Er ist von Gott verletzt worden. Sein Glauben war nicht ungebrochen. Er hat Gott nicht ununterbrochen vertraut. Und von solchen Erfahrungen konnte auch Martin Luther erzählen. Sein Glauben war zeitlebens angefochten. Er kannte den Zweifel und die Verzweiflung. Genau so, wie Jakob es zum Ausdruck bringt.

JAKOB

Das ist für mich ein wesentlicher Punkt. Meine Religion ist zum Teil auch ne Zumutung. Wir sagen in unserem Tischgebe “Ich bin alt geworden und habe nie einen Gerechten hungern sehen.” Also einen Satz, den man nicht wirklich ernsthaft so meinen kann, aber der doch insofern eine Provokation ist, als es so sein sollte. Insofern finde ich, muss man ihn auch so aussprechen. Das ist eine Provokation für uns und das ist eine Zumutung für Gott. Und das ist ne Rechnung, wo man sagen muss “Wir haben gemeinsam unsere Hausaufgaben nicht gemacht”. Darum geht’s ja auch. Und insofern ist das mit dem Vertrauen nicht immer da. Nein.

MUSIK

AUTOR

Ich versuche ins Gespräch mit meinen jüdischen Partnern das biblische Wort „Erwählung“ zu bringen. Gottes Gnade erfahren Menschen in der Bibel, weil sie sich von Gott erwählt wissen und das heißt „unverdient geliebt“.

JAKOB

Ich kann mich überhaupt nicht mit der Vorstellung anfreunden, dass ich irgendwie erwählt bin.

MICHAEL

Wir wurden ausgewählt. Und das ist nicht immer gut. Es ist nicht immer schön. Es ist nicht immer vorteilhaft. Auf jeden Fall in der Bibel wird es immer gesagt, weil ihr ausgewählt seid, habt ihr eine Verantwortung, Dinge zu tun, die die anderen Völker nicht haben. Und daher ist es nicht immer schön, zu glauben, dass es eine Erwählung gegeben hat.

AUTOR

Und dann zitiert Michael aus dem Buch des Propheten Amos (9,7). Da sagt Gott:

MICHAEL

„Habe ich nicht auch die Äthiopier ausgewählt? Habe ich auch nicht ein anderes Volk ausgewählt?“ Das heißt: Es sind nicht nur wir, die ausgewählt worden sind. Ich sage so: Jedes Volk wird ausgewählt, aber für einen anderen Zweck. Meine Sache ist, zu überlegen, wofür ich, oder wir ausgewählt worden sind.

JAKOB

Für heute kann ich nicht wirklich behaupten, dass ich mich als Jude besonders auserwählt irgendwie fühle. Ich persönlich kann mit der Auserwählung eigentlich für heute so gar nichts anfangen.

AUTOR

Ich merke, wie der biblische Begriff der Erwählung durch den Antisemitismus vergiftet ist, der daraus geschlossen hat, Juden hielten sich allein für erwählt und darum für die besseren Menschen. Gegen diese antisemitische Verzerrung kommt die biblische Einsicht nicht mehr an, dass „erwählt sein“ vor allem bedeutet „unverdient geliebt sein“, wie sich ein Mensch von seiner oder seinem Liebsten erwählt fühlt. Aber dann nimmt das Gespräch doch noch eine unerwartete Wendung.

JAKOB

Das mit dem „auserwählt“, das ging nämlich so:  Vorher sind alle möglichen anderen Völker gefragt worden „Wollt ihr die Tora haben?“ „Nee, das sind so viele Regeln und so“. Da haben die Juden gesagt: „Was soll denn das kosten?“ „Ist umsonst.“ „Dann nehmen wir‘s.“

AUTOR

Ein jüdischer Witz. Selbstironisch entlarvt der jüdische Erzähler das antisemitische Klischee, Juden seien berechnend und geschäftstüchtig. Mein Lachen öffnet mir den Weg zu der Einsicht, dass es nicht typisch jüdisch, sondern ganz einfach menschlich ist, dass wir bei allem nach den Kosten fragen. Und Gottes Wahl befreit aus dem Zwang, das ganze Leben zu ökonomisieren. Das Beste gibt’s umsonst. Geschenktes Leben. Und Gottes Tora ist Weisung zum Leben. Gnade, die zur Freiheit führt.

MUSIK

JAKOB

Für mich ist eigentlich das Hauptglück und der Hauptunterschied, dass wir keine Erbsünde haben. Meine Seele ist rein. Deine? …ist versaut. Wir beten in unserem jüdischen Morgengebet also quasi das Gegenteil der Erbsündenlehre. Es gibt im Christentum die Vorstellung, „den alten Adam ersäufen“, also qua Taufe die Sünde erst mal loswerden müssen. Und im Judentum gibt’s im Morgengebet die Vorstellung “Die Seele, die du mir gegeben hast, ist rein.” Das find ich wunderbar, dass ich ne Seele bekommen hab, nach jüdischer Vorstellung, die erst mal gut ist. Quasi im Judentum ist der Mensch gut und kann sich aber versündigen und kommt vom Weg ab und muss sich korrigieren. Und im Christentum ist er eigentlich erst mal schlecht.

AUTOR

Die Metapher „Den alten Adam ersäufen“ gebraucht Luther genau in der Weise, wie Jakob das jüdische Morgengebet gegen die christliche Erbsündenlehre ins Feld führt. Luther fordert, täglich den alten Adam zu ersäufen, weil er eben nicht ein für alle Mal in der Taufe ersäuft worden ist. Mit dem Wort „Gnade“ hat Jakob seine Schwierigkeiten, aber er beschreibt Gnade exakt in biblischer Perspektive: Die Seele, die Gutes und Böses tun kann, ist ein Geschenk. Ich habe sie empfangen. Und das ist Gnade. Das hat Luther wieder zur Geltung gebracht.

Noemi erzählt mir eher nebenbei, wie sehr sie der christliche Begriff „Gnade“ beeindruckt hat. Dabei war „Gnade“ auch für sie völlig christlich besetzt. Erst als sie hört, dass Luther mit Gnade das hebräische Wort „chäsäd“ übersetzt, horcht sie auf.

NOEMI

Ich kannte natürlich den Begriff “chäsäd” aus Israel. Er ist dort sehr verbreitet. Und man benutzt ihn halt oft. Und man kennt ihn auch aus der Schule, auch aus der Bibel. Aber all die Begriffe, die ich aus Israel kenne, in allen Zusammenhängen, die mir jetzt einfallen, beziehen sich eben auf handelnde Menschen und nicht auf Gott. Und dass chäsäd eine wichtige Eigenschaft Gottes ist, hab ich erst festgestellt, seitdem ich mich mit religiösen Dingen beschäftige und an Gottesdiensten teilnehme.

Da war chäsäd für mich so etwas wie ein “Gütiges sich Kümmern”… es hat mit „Zuwendung“ zu tun, mit „liebender Güte“. Und es kommt oft vor zusammen mit „rachamim“, also mit „Erbarmen“.

Und jetzt höre ich, dass es auch Gnade bedeuten kann, und Gnade ist natürlich viel mehr als das. Ich verstehe das jetzt als eine verzeihende Zuwendung Gottes trotz meines Fehlverhaltens. Und deswegen ist mir das so bedeutungsvoll. Diese Größe, mir entgegen zu kommen, dem Menschen, der sich immer wieder vergeht, liebend zu vergeben. Das ist einfach großartig.

Und wenn ich überlege, dann ist es genau das, worum wir beten an den Hohen Feiertagen. Wenn wir “Avinu malkeinu” singen: „Avinu malkeinu choneinu wa’aneinu…  ase imanu zedaka wachäsäd wehoschi’einu.  Unser Vater, unser König, sei uns gnädig und erhöre uns… Und erweise uns Wohltat und Liebe und gib uns Versöhnung“.  An Jom Kippur beten wir auch: “El rachum vechanun äräch apa’im werav chäsäd we’ämät... Das bedeutet:  „Gott ist barmherzig und gnädig, nachsichtig, von unendlicher Gnade und Wahrheit.“ Wir beten für uns alle um Vergebung für unsere Verfehlungen und wir hoffen, dass uns das dann verziehen wird.

AUTOR

Wer auch nur einmal an den zehn Tagen zwischen dem jüdischen Neujahrsfest und dem Großen Versöhnungstag in die Synagoge geht und hört und sieht, mit welcher Hingabe und Inbrunst Jüdinnen und Juden das „Avinu Malkeinu“, das „Unser Vater, unser König“ singen, der wird keine Sekunde daran zweifeln, wie das Herzstück der lutherischen Reformation das Herzstück jüdischen Glaubens ist: Gottes Gnade, seine chäsäd, hält die Welt zusammen.

MUSIK

AUTOR

Solus Christus“, Christus allein! Bei allen Gemeinsamkeiten im Vertrauen auf Gottes Gnade gibt es  diesen für Luther zentralen Punkt, dem Jüdinnen und Juden entschieden widersprechen. Sie sagen ein kompromissloses Nein zum Bekenntnis der Christen, dass Jesus der Messias ist.

NOEMI

Ich kann mir Gott überhaupt nicht in einem Körper vorstellen und natürlich auch nicht, dass er einen Sohn hat. Und dass er geteilt sein könnte, ist für mich – Entschuldigung – eine absurde Vorstellung. Das “Adonaj ächad– (unser Gott ist einer)” ist der zentrale Ausdruck meines Glaubens. Und das ist auch das, was das “Sch’ma Jisrael” für mich ausmacht, das Glaubensbekenntnis. Auch wenn “ächad” mehr bedeutet als nur “einer”, es bedeutet auch noch „einzigartig“, und dass Gott die einzige Quelle von allem ist. Aber ächad ist zentral. Das ist für mich sehr wichtig, auch emotional sehr stark besetzt, und das kommt auch oft vor bei uns im Gottesdienst.

AUTOR

Früher dachte ich, was viele Christinnen und Christen heute noch denken, das ist das jüdische Defizit. Der Glaube an den Messias Jesus ist das, was ihnen fehlt. So denke ich heute nicht mehr. Ich habe das jüdische Nein zum Messias Jesus schätzen gelernt.

Mit ihrem Nein sind Juden Anwälte der noch nicht eingelösten Verheißungen Gottes und der unerlösten Welt, in der noch so viel auf sich warten lässt. So bewahren sie uns Christen davor, uns mit der Welt, wie sie ist, einfach abzufinden. Ihr Nein ist nicht ein Mangel, der etwa dadurch überwunden werden muss, dass wir sie missionieren und zu Christen machen. Das Nein ist ein Vorteil für uns (Römer 11,11-12).

Diese Sichtweise habe ich beim alten Paulus gelernt. Der hat in seinen jungen Jahren auch versucht, seine jüdische Familie und Freunde für den Glauben an den Messias Jesus zu gewinnen. Mit mäßigem Erfolg. Aber in seinem Alter ist er zu der Einsicht gekommen: Am Ende wird ganz Israel gerettet werden (Römer 11,26) ohne Mission. Am Ende wird Gottes Gnade triumphieren (11,32). Am Ende wird Gott sich seines Volkes selber annehmen(11,26). Gottes Gnade ist unteilbar. Aus ihr leben Juden und alle Völker und die ganze Schöpfung.

Solus Christus“ ist nicht eine Kampfformel gegen Juden und Muslime, sondern eine innerchristliche Unterscheidung. Christus – und nicht das Christentum. Der Unverfügbare wird triumphieren, nicht die christliche Lehre über ihn. Triumphieren wird der eine, der sich in seiner Gnade seiner ganzen Schöpfung erbarmen wird. Und bis dahin haben wir voneinander zu lernen, Christen, Juden, Muslime, Hindus, Atheisten…

JAKOB

Klar, das müssen wir. Es ist nicht immer einfach, von anderen zu lernen. Aber das müssen wir. Ja.

MUSIK

Musik: Psalmen und liturgische Gesänge auf Aramäisch aus der Syrisch-Orthodoxen Liturgie

FeierTag in Deutschlandfunk Kultur am 2. Juli 2017, 7.00 – 7.25

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Heute füttern

In der Mitte Europas können sich nur die ganz Alten noch an Zeiten erinnern, in denen keine Feste gefeiert wurden, in denen der Jubel auf Straßen und Plätzen erstorben, in der kollektive Freude  in fast ganz Europa nur noch ein Gegenstand blasser Erinnerung war. Vor genau zweiundsiebzig Jahren ging diese Zeit zu Ende, 1945.

Was für ein Wunder, denke ich, dass aus dem deutschen Terrorstaat ein Rechtsstaat wurde, in dem Freiheit und Gerechtigkeit zu Hause sind und von dem alle Welt sieht, dass keine Gefahr mehr von ihm ausgeht! Und der deshalb wie ein Magnet wirkt für viele, die sich nach Recht und Frieden sehnen. Ob die Situation im demokratischen Europa Bestand hat, ist noch nicht ausgemacht.

Für Menschen an anderen Orten dieser Welt sieht das Leben ganz anders aus. Auch für die meisten Menschen, denen wir die Bibel, verdanken, war das ganz anders.

Siebzig Jahre lag Jerusalem in Trümmern, war das Land verwüstet. In diesen siebzig Jahren hatten Menschen ihre Heimat verlassen und mussten in der Fremde leben. Da  war ihnen das Lachen und das Feiern längst vergangen – und auch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Da war es wie ein Wunder, als der Prophet Jeremia, der wahrlich kein Optimist war, seinen Zeitgenossen Hoffnung machte, weil er weiter mit Gottes Möglichkeiten rechnete.

„Man wird wieder hören den Jubel der Freude und Wonne“, wagt er zu prophezeien, „die Stimme des Bräutigams und der Braut und die Stimme derer, die da sagen: »Danket dem HERRN Zebaoth; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“ (Jeremia 33,11)

Wer mit Gottes Möglichkeiten rechnet, stellt oft fest: die Sehnsucht nach dem, was noch nicht ist, ist kraftvoller  als der Jubel über das, was schon geschafft ist.  Die Erwartung entbindet mehr Leidenschaft als die Lust, das Erwartete zu genießen.

Unverdrossene Hoffnung ist wie Arznei. Ein Medikament gegen die Resignation, das auf die Füße stellt, das Beine macht. „Hintern hoch und Zähne auseinander!“ heißt das kölsche Motto auf Hochdeutsch.

“Was wird uns die Zukunft bringen?“, wurde einmal ein weiser Rabbi gefragt. „Die Zukunft“, antwortete er, „ist wie der Kampf zweier wilder Tiere. Das eine Tier kämpft verbissen für Hass, Krieg und Verderben. Das andere Tier kämpft nicht weniger kraftvoll für Liebe, Frieden und Gerechtigkeit.“ „Und welches Tier wird den Kampf in der Zukunft gewinnen, Rabbi?“ „Das Tier, das du heute fütterst.“

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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Zeuge der Anklage

An Karfreitag war Jesus das Opfer. An Ostern ist ihm Gerechtigkeit widerfahren. So hat sich Gott als Anwalt der Opfer erwiesen. Der Anwalt der Opfer ist zugleich der Ankläger der Täter und Täterinnen. Das ist die Kehrseite der Parteilichkeit Gottes.  „Höret, alle Völker! Gott, der HERR, tritt gegen euch als Zeuge auf.“ (Micha 1,2) So sieht der Prophet Micha Gott in der Rolle eines Zeugen der Anklage.

Zur Rechenschaft gezogen werden hier die nicht-jüdischen Völker. Das ist Israel zum Trost gesagt, wenn es unter den Völkern leidet. Dass Gott zum Zeugen der Anklage wird gegen die, die sich an seinem Volk vergreifen, das hat Jüdinnen und Juden durch die Jahrhunderte getröstet und gestärkt. Diese Botschaft hat ihnen Kraft gegeben, sowohl dem Leiden zu widerstehen, soweit es möglich war, als auch es auszuhalten, wenn es unvermeidbar war.

Was dem Volk Israel zum Trost gesagt ist, lässt mich gespannt aufmerken. Ich bin kein Jude. Kann es sein, dass Gott gegen mich als Zeuge auftritt? Gegen mich als jemanden aus den nicht-jüdischen Völkern? Setzt Gott mich unversehens auf die Anklagebank? Womöglich  In Sachen „Antisemitismus“? Da sitze ich vielleicht nicht als Täter, aber möglicherweise als Mitläufer oder Weggucker, angeklagt wegen unterlassener Hilfeleistung?

Manchmal kommt der Antisemitismus im frommen Gewand daher. Wenn Christen z. B. Juden missionieren, sie zu Christen machen wollen. Die Überzeugung „Nur ein getaufter Jude ist ein guter Jude“ hat fast zweitausend Jahre das Christentum beherrscht.

Auch Edward Elgars Oratorium „The Kingdom“, das 1906 uraufgeführt wurde, ist leider von dieser Überzeugung bestimmt. Es hat den Antisemitismus gefördert, der in seiner Zeit in England wie in Deutschland hoffähig war. Und wenn das Oratorium heute aufgeführt wird, wie demnächst am Pfingstmontag in Köln, muss auf diese Gefahr aufmerksam gemacht werden.

Wie gut, dass die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland im vorigen Jahr ein unmissverständliches und klares Nein zu jeder Form der Judenmission gesprochen hat. Es kann unsere Augen und Ohren auch für die versteckten Formen des Antisemitismus schärfen. Bert Brecht hat recht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“

Wer die Sorge angesichts eines wachsenden Antisemitismus auch in unserem Land für übertrieben hält, der schaue genauer hin; und sehe zu, dass er nicht unversehens auf der Anklagebank landet, auf der niemand Geringeres als Zeuge der Anklage gegen ihn auftritt als der lebendige Gott.

Wort zum Tag, Deutschlandfunk Kultur 6.20 Uhr

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