Worauf dürfen wir hoffen über den Tod hinaus?

Theologische Bemerkungen zu

Johannes Brahms, Ein Deutsches Requiem nach Worten der Heiligen Schrift

 

Was ist deutsch am Deutschen Requiem?

Als ich es das letzte Mal gesungen habe, erzählte ein Mitsänger aus dem Chor, wie er bei dem Versuch, ein Plakat in seiner Bäckerei aufhängen zu lassen, barsch zurück gewiesen wurde. „So einen Nazi-Kram hängen wir nicht aus“. So sehr mich die politische Haltung dieser Bäckersfrau erfreut, so sehr hat mich ihre Aussage verblüfft. Die Idee, dass der Brahms‘sche Titel so missverstanden werden kann, war mir bis dato nicht gekommen.

Was die gute Frau richtig heraus gehört hatte, ist der kämpferische, ja polemische Unterton des Titels. Brahms nennt sein Werk zwar Requiem, er setzt es aber dezidiert vom traditionellen Requiem ab. Das Neue daran ist nicht nur die deutsche Sprache. Es handelt sich nicht schlicht um eine Übersetzung des lateinischen Textes. Brahms schafft vielmehr ein völlig neues Werk. Und die Botschaft seines Werkes ist nicht nur verschieden, sondern geradezu das Gegenteil von der Botschaft des lateinischen Requiems.

Manche wagen das traditionelle Requiem nur deshalb zu singen, weil der Text lateinisch ist und darum die Zumutungen des Textes heute kaum jemand mehr versteht: Tag des Zorns, Hölle, Feuer, Strafe, Folter, Vernichtung. Der im Mittelalter entstandene gereimte lateinische Text hat christliche Theologie und Religiosität über Jahrhunderte hin bestimmt, in manchen Kreisen und Weltgegenden bis heute. Er ist eine massive „Drohbotschaft“. Das mehr oder weniger dezente Klappern mit dem Sargdeckel, soll Menschen Angst vor Tod und Jenseits machen. Und diese Angst soll sie zu moralischem und religiösem Wohlverhalten nötigen. „Schwarze Pädagogik!“, nennen wir das mit Recht.

Trostbotschaft statt Drohbotschaft

Dem gegenüber setzt Brahms eine dezidierte Trostbotschaft. Trost für die Leidtragenden und für die Sterbenden, wie es die beiden Seligpreisungen sagen, die sein Werk rahmen. Hat die Tradition ausufernd die Höllenqualen beschrieben und dramatisch musikalisch hörbar gemacht, lautet Brahms Trost: „Ich hoffe auf dich… Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an… Die Erlöseten des Herrn werden wieder kommen… mit Jauchzen; Freude und Wonne werden über ihrem Haupte sein und Schmerz und Seufzen wird weg, weg, weg, müssen…“. Lauter biblische Anti-Sätze zum traditionellen Requiem-Text. Ein Triumpfgesang auf den Sieg des Lebens über Tod und Hölle: „Tod wo ist dein Stachel! Hölle wo ist dein Sieg!“

Der Untertitel „nach Worten der Heiligen Schrift“ verrät es: der gesamte Text seines Werkes ist nichts anderes als eine Kompilation wortwörtlicher Bibelzitate in der (in seiner Zeit gängigen) Übersetzung Martin Luthers. Ist das Deutsche Requiem also ein Evangelisches Requiem? So könnte man meinen angesichts der Tatsache, dass Brahms wie die Reformatoren die kirchliche Tradition durch den Wortlaut der Heiligen Schrift kritisiert und korrigiert. Nicht von ungefähr haben alle Reformatoren die Requiem-Tradition abgelehnt und den kirchlichen Brauch abgeschafft. Es gab und gibt keine evangelische Requiem-Tradition. Nach reformatorischer Überzeugung haben die Toten unser Gebet nicht nötig. Sie sind in Gottes Hand. Stattdessen wird bei der Bestattung eines Menschen das Evangelium verkündet, die Hoffnung, die auch über den Tod hinaus reicht. Brahms hat also ein dem Evangelium gemäßes Requiem geschaffen. Aber kein “Evangelische Requiem”.

Das wäre zu kurz gegriffen. In doppelter Hinsicht. Einerseits gibt es bis heute evangelische Christen, die die Botschaft vom kommenden Weltenrichter wie das traditionelle Requiem als Drohbotschaft propagieren und andererseits hat katholische Theologie, die diese Tradition seit dem Mittelalter bewahrt hat, heute auch anderes und Besseres zu sagen angesichts von Sterben und Tod.

Nicht nur eine konfessionalistische Deutung des Deutschen Requiems ist irreführend, sondern auch eine exklusiv-christliche. Denn der Text atmet nicht nur ökumenische Weite, sondern eine dezidiert interreligiöse. Die Texte stammen zwar aus der christlichen Bibel, aber sie sind nicht christlich-exklusiv. Schon äußerlich fällt auf, dass Jesus Christus an keiner Stelle genannt wird. Brahms Requiem ist religiös-inklusiv. Es erweist seinen Komponisten als einen tief religiösen Menschen, der zwar in hanseatisch-lutherischer Tradition aufgewachsen ist, dessen religiöse Überzeugungen allerdings quer zum kirchlichen und theologischen Mainstream seiner Zeit laufen.

Erhellend für sein Verständnis ist die Auswahl und Anordnung der Bibelzitate. Neun der sechzehn Texte stammen aus der jüdischen Bibel, die die Christen Altes Testament nennen (einschließlich der sogenannten Apokryphen), gegenüber sieben aus dem Neuen Testament. Er hat eine Vorliebe für die Hebräische Spruchweisheit, die er in beiden Bibelteilen findet. Sieben Texte entstammen ihr. Denn die Weisheitstraditionen Israels waren schon in der Antike interreligiös. Was hier gesagt ist, galt nicht nur jüdischen, sondern allen Menschen.

Trost – inklusiv

Worauf können die Menschen hoffen, die Brahms‘ Deutschem Requiem folgen? Die Antwort fällt sehr knapp aus: auf die Treue ihres Schöpfers.

„…sie sollen getröstet werden“, heißt es im 1. Satz des Requiems. Wer tröstet die Leidtragenden? Das Passiv hält die Frage offen. So wird im Judentum von Gott geredet, ohne dass Gott benannt werden muss. „Ich hoffe auf Dich“, so zitiert Brahms den 39. Psalm im 3. Satz. Aber das „Du“ wird nicht benannt. Wie das „Du“ im 3. Satz so ist das „Ich“ im 5. Satz anonym und darum deutungsoffen. Im jeweiligen biblischen Kontext sprechen mit dem „Ich“ drei verschiedene Personen: „Ich will euch wiedersehen“ (Jesus), „Ich habe großen Trost funden“ (ein unbekannter Mensch), „Ich will euch trösten“ (Gott). Aber in der Kompilation, die die Kontexte ignoriert, wird das „Ich“ zur anonymen Trösterin. Dabei kommt eine neue Botschaft als tiefe Weisheit zum Ausdruck: Nur Trostbedürftige können trösten. Übertragen auf Gott, ergibt sich eine atemberaubende Perspektive. Die tröstende mütterliche Seite Gottes ist selber des Trostes bedürftig.

Genial hat Brahms im 6. Satz aus dem 15. Kapitel des Ersten Korintherbriefes zitiert. Eigentlich argumentiert Paulus hier so, dass er die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten mit der Auferstehung des Messias Jesus begründet. Das ignoriert Brahms. Stattdessen zitiert er nur die Sätze, mit denen Paulus das naive Auferstehungs-(Miss)Verständnis korrigiert, als ob im Jenseits das Leben der Auferstandenen einfach bruchlos so weiter ginge: Verwandlung ist das Entscheidende. Wozu Tote verwandelt werden, bleibt unanschaulich. Auferstehung ist lediglich eine Metapher, die versucht das Unanschauliche metaphorisch anschaulich zu machen. Verwandlung ist das Werk des Schöpfers, darin zeigt er seine Treue zu seinen Geschöpfen. So kann Brahms diesen hoch christologischen Text seiner schöpfungstheologischen Argumentation harmonisch einfügen. Der Lobpreis am Ende des 6. Satzes preist nicht zufällig den Schöpfer: „Herr, …denn du hast alle Dinge geschaffen…“ Auch wer der „Herr“ ist, in dem die Toten sterben, (7. Satz) bleibt bei Brahms deutungsoffen.

Die Reduktion der Hoffnung auf die Schöpfertreue ist eine heilsame Reduktion. Sie verbindet Juden und Christen. Und darin unterscheidet sich ihre Heilige Schrift nicht vom Quran, der Heiligen Schrift der Muslime. Hoffnung auf die Schöpfertreue verbindet alle Menschen, die über den Tod hinaus hoffen, gleich welcher Religion sie zugehören.

Karge Anschaulichkeit

Gegenüber den gewaltigen apokalyptischen Bildern des lateinischen Requiems ist die Anschaulichkeit der Hoffnung auf das Jenseits bei Brahms wohltuend reduziert. Hier lässt Brahms eine alttestamentliche Keuschheit walten. Was bleibt in aller Vergänglichkeit? „Das Wort Gottes“ – so wird die Schöpfertreue mit anderer Metapher zum Ausdruck gebracht: die Kommunikation des Schöpfers mit seiner Schöpfung. Wo sind die Toten? „In Gottes Hand“ – wieder eine zurückhaltende Metapher für die Treue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen.

Anschaulich macht Brahms die Hoffnung über den Tod hinaus, indem er die Hoffnungen des alten Israel nutzt, die ganz der Diesseitigkeit des Heils verpflichtet sind und darum sehr anschaulich sind, um der unanschaulichen jenseitigen Hoffnung in Metaphern Gestalt zu geben: die Heimkehr aus dem Exil ins Gelobte Land („Die Erlösten werden wiederkommen…“), die Stadt Jerusalem („Denn wir haben hier keine bleibende Stadt…“  – nicht „Statt“, wie immer wieder falsch gedruckt wird), die Wallfahrt zum Tempel („Wie lieblich sind deine Wohnungen…“). Anschauliche Erfahrungen im Diesseits begründen die unanschaulichen Hoffnungen auf das Jenseits.

Das 150 Jahre alte Werk ist höchst aktuell. „Inklusion“ ist in aller Munde. Ich habe im Religionsunterricht der Gymnasialen Oberstufe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn wir Stücke aus dem traditionellen Requiem etwa von Verdi mit dem Deutschen Requiem verglichen haben. Den säkularen Intellektuellen hat die musikalische Botschaft Brahms nicht nur emotional, sondern auch intellektuell eingeleuchtet. Die Hoffnung auf die Treue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen ist der Kern biblischer Hoffnung über den Tod hinaus. Alles andere ist nichts als der Versuch, das Unanschauliche durch Metaphern anschaulich zu machen.

Kongenial zu Brahms Deutschem Requiem ist das etwas jüngere Gedicht „Herbst“ von Rainer Maria Rilke:

 

Die Blätter fallen

Fallen wie von weit

Als welkten in den Himmeln ferne Gärten

Diese Erde fällt

Aus allen Sternen

In die Einsamkeit

Wir alle fallen

Diese Hand da fällt

Und sieh dir andere an

Es ist in allen

Und doch ist einer

Welcher dieses Fallen

Unendlich sanft in seinen Händen hält

 

 

Die Grenzen des Deutschen Requiems

 

So tröstlich die Botschaft des Deutschen Requiems auch ist, so beschränkt ist der Trost auch. Er antwortet auf die individuell-anthropologische Frage: „Was tröstet mich angesichts des Todes meiner Lieben und meines eigenen Todes?“ Im gemütlichen Konzertsaal findet die saturierte Bildungs-Bourgeoisie darauf eine tröstlich-befriedigende Antwort. Aber mehr als diese Frage treibt mich die Frage nach Gottes Gerechtigkeit um. Ich frage nach Trost auch angesichts des Sterbens in Aleppo und tausend anderen Orten unserer Welt. Darauf gibt der junge Brahms in seinem Deutschen Requiem keine Antwort.

 

Erst der alte Brahms hat die Warum-Frage, die große Frage nach Gottes Gerechtigkeit, aufgenommen, z.B. mit seiner Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ oder in seinen „Vier ernsten Gesängen“. Darum mussten im 20. Jahrhundert Werke wie „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt oder das „War-Requiem“ von Benjamin Britten entstehen.

 

In diesem Kontext ist die biblische Botschaft vom kommenden Richter unverzichtbar. Diese Botschaft als solche ist auch – anders als in der Requiem-Tradition – keine „Drohbotschaft“, sondern Trostbotschaft. Sie stärkt die Gewissheit, dass auch den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, denen gegenüber das Bemühen um menschliche und irdische Gerechtigkeit versagt hat, und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, die auf Erden davon gekommen sind. So stärkt und ermutigt die Hoffnung auf den kommenden Richter Menschen, nicht nachzulassen in ihren Versuchen, menschliches Leid zu mindern oder zu verhindern und nach Maßgabe menschlicher Möglichkeiten für Recht und Frieden zu sorgen.

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Schrecklich, aber nicht hoffnungslos

Predigt über Römer 8, 18-27 im Kantate-Gottesdienst mit der Kantorei Barmen-Gemarke in der Immanuelskirche in Wuppertal-Oberbarmen

Römerbrief 8, 18-27

Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen. Der aber die Herzen erforscht, der weiß, worauf der Sinn des Geistes gerichtet ist; denn er vertritt die Heiligen, wie es Gott gefällt.

Das Leben ist schön. Das Leben ist schrecklich. Welches Prädikat würden Sie Ihrem Leben geben? Ich glaube, die meisten, die sich in Deutschland zu einem Gottesdienst versammeln, finden das Leben im Grunde schön. Die bösen Erfahrungen, die Schrecken und Ängste, die natürlich in unser aller Leben nicht fehlen, wiegen die Schönheiten nicht auf, so sagen wir.

So werden nicht nur die meisten Gottesdienstbesucher in unserem Lande urteilen. Auch die Gemeinde der Spaziergänger wird zu dem Urteil kommen: das Leben ist schön. Der Goldene Herbst mit seinen bunten Blättern hat viele in den letzten Wochen auch am Sonntagmorgen  begeistert. Die Schönheit des Lebens finden die Spaziergänger in den Schönheiten der Natur bestätigt.

Die Schönheit eines bunten Herbstwaldes ist aber nur so lange schön, solange wir ihre Oberfläche in Blick nehmen. Träten wir näher hinzu, dann entpuppte sich der schöne Wald als mörderisches Schlachtfeld, dann sähen wir vielleicht, wie die letzten wunderschönen Blumen gerade von einer Schnecke zerfressen werden, die wenig später von einem Vogel verspeist wird, der wiederum später von einer jungen Katze erwischt wird, die vom Fuchs geholt wird, der von einem rasenden Auto überfahren wird, dessen junger Fahrer bei einem Unfall ums Leben kommt.

Die Schönheit der Natur – ist Illusion. Die Schönheit des Lebens – ist Trug. Sie währt so lange, wie wir uns an unserem eigenen Glück erfreuen und die Augen fest verschließen vor dem Grauen, das uns unverdientermaßen erspart bleibt. Das Leben ist schön? Nicht in Aleppo. Nicht in den Bürgerkriegen Afrikas, nicht in Kundur in Afghanistan. Nicht auf dem schwankenden Kahn im Mittelmeer. Nicht in den Lagern vor den verschlossenen Toren Europas. Das Leben ist schrecklich. Unsere globale Welt ist ein einziges großes Schlachthaus, in dem viele sich fürchten, als nächste an die Reihe zu kommen. Eine Weile konnten wir uns auf dem festen Grund eines demokratischen Rechtsstaates sicher wähnen. Aber immer mehr Demokratien um uns herum bringen Führer hervor, die die Grundfesten der Demokratie zerschlagen wollen und es auch tun.

*

Ich weiß, das ist eine ungemütliche Sichtweise. Es ist die provokative Sichtweise, die Paulus an dieser Stelle seines Briefes an die christliche Gemeinde in Rom präsentiert. Nichts verdrängt er. Nichts redet er schön. Es ist der hebräische Realismus, der seine Sichtweise bestimmt. „Die ganze Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, an die Vergänglichkeit versklavt. Sie seufzt und ächzt unter den Schrecken, die sie erfüllen.“

Paulus verdrängt diese Einsicht nicht. Er erlebt sie ja auch am eigenen Leibe. Aber sie bringt ihn auch nicht zur Verzweiflung. Er findet eine dritte Möglichkeit. Er lebt in der Gewissheit: auch die ganze Schöpfung wird frei werden von der Sklaverei der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Paulus lebt in der Gewissheit, dass die ganze Welt, so schrecklich sie ist, doch nicht schrecklich bleiben wird. Die Schrecken dieser Welt sind nicht endlos. Das Leben ist schrecklich, aber nicht hoffnungslos.

Nicht wahr, das leuchtet uns nicht ein, wenn wir drin stecken im Leid. Oder wenn uns das bittere Leiden anderer so nahe geht, als wäre es unser eigenes, dann ist das Ende nicht in Sicht. „Nach jedem Winter kommt ein Frühling“? „Zeit heilt alle Wunden“? Das sind hohle Sprüche, wenn uns das Wasser bis zum Hals steht und die Wogen über uns zusammen schlagen wollen. Da erscheint Paulus wie ein Träumer, ein Phantast, ein begnadeter Optimist, der einer verrückten Idee und einer überspannten Hoffnung anhängt. „Wo bleibt dein Realismus, Paulus?“, so möchten wir ausrufen.

„Das ist mein Realismus“, würde Paulus antworten. Denn Paulus ist Jude. Das hat er in der Juden Schule gelernt. Das hat er von Kindesbeinen an eingeübt. Jedes Jahr z. B. versetzen sich Jüdinnen und Juden an ihrem Pessach-Fest in die Sklaverei, sehen ihre gegenwärtige Situation durch die Brille, die ihnen ihre biblische Tradition vorgibt. Vor Paulus und nach Paulus und bis zum heutigen Tage. Sie nehmen ihre gegenwärtigen Leiden wahr im Spiegel der vergangenen. Sie erinnern einander daran, wie der Pharao in Ägypten ihre Väter und Mütter gequält, sie versklavt und unterdrückt hat. Sie seufzen mit ihren Vätern und Müttern, weil Gott dem Unrecht so lange tatenlos zuschaut  und ihm zu lange seinen Lauf lässt. Und dann brechen sie in Jubel aus, weil sie befreit worden sind.

Da ist eben nicht nur das Schweigen Gottes Realität, da ist auch noch eine andere reale Kraft. Eine göttliche Gegenkraft, der sie ihre Befreiung verdanken. Sie preisen die Geistkraft Gottes, die ihnen den Weg durch das Schilfmeer in die Freiheit gebahnt hat. Diesen göttlichen Wind, der die mörderischen Wogen zur Seite drückt, diese mütterliche Kraft, diese weibliche Seite Gottes, die mit den Leidenden mitfühlt wie eine Mutter, sich ihre Seufzer zu eigen macht und tröstet, wie einen seine Mutter tröstet. Juden erscheint das wie ein innergöttlicher Dialog, wie ein Dialog zwischen den beiden Seiten Gottes, wie ein Disput zwischen Vater und Mutter. Wie die Geistkraft Gottes dem Schöpfergott die Gerechtigkeit abringt, den Pharao in die Knie zwingt und das Gottesvolk aus der Sklaverei in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes führt. So bleibt die Hoffnung auf die neue Welt, von der wir eben in der Lesung gehört haben, lebendig.

Beides ist Realität: das unbegreifliche Schweigen Gottes, seine Zögerlichkeit zu helfen auf der einen Seite und das Erbarmen seiner Geistkraft auf der anderen Seite. Auch wenn die Freiheit und Herrlichkeit noch aussteht, die Geistkraft ist schon da. Sie ist nicht weniger Realität. Sie ist wie eine Mutter, die sich für ihre Kinder einsetzt und dem Vater abringt, sie endlich in die Freiheit zu führen. Und diese Dramatik durchleben Juden und Jüdinnen jedes Jahr in der Pessach-Nacht und bei anderen Gelegenheiten im Jahreslauf. Das prägt sie für ihr Leben.

*

Mit dieser Prägung hat Paulus die Bedeutung der Auferweckung Jesu gedeutet. Sie ist für ihn der universale Auszug aus der Sklaverei Ägyptens in die herrliche Freiheit der ganzen Schöpfung. Als ihm der Gekreuzigte vor Damaskus als Lebendiger begegnete, da erkannte er, dass Gott nicht nur sein Volk Israel in die Freiheit führen wird, sondern alle Völker, ja seine ganze Schöpfung. Der Pharao, der entmachtet wird, ist jetzt der Tod und das Heer seiner Vorboten. Was Juden für das Ende der Welt erwarteten, sah Paulus jetzt schon sich vollziehen. Das Ende der Leiden und der Anfang der großen Herrlichkeit. Vollzogen an dem einen, dem gekreuzigten Jesus.

Paulus erkennt, dass die Geistkraft Gottes vorweg eines von Gottes vielen Kindern, nämlich Jesus, schon zu dem verheißenen neuen Leben auferweckt hat. Damit durchzieht die Welt ein großer Riss, ein Widerspruch.  Das eine Gotteskind lebt schon in Freiheit und Herrlichkeit, während die anderen und die ganze Welt unter Leiden seufzen und stöhnen. Das kann kein Dauerzustand sein. Das drängt auf Veränderung, auf Beendigung der Zustände.

Und darum spürt Paulus das Wirken dieser Geistkraft auch in sich selbst. Und er erinnert seine Leserinnen und Leser daran, dass es die Kraft ist, die in unseren Schwachheiten zum Zuge kommt, die unserer Schwachheit aufhilft, weil sie in uns wirkt. Manche verstehen das so, als stünde da: „die unsere Schwachheit aufhebt“. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Wir sind schwach und wir bleiben schwach. Und die Geistkraft ist solidarisch mit unserer Schwachheit. Sie stimmt ein in unser Stöhnen und Seufzen. Wie eine liebende Mutter ihre Kinder darin unterstützt, dass sie sich mit ihnen solidarisiert. Darum sind die Schwachen die „Geistlichen“, nicht nur die Pastoren und Priester, weil wir alle diese Geistkraft in uns haben. Darum nennt er uns alle „Heilige“, weil uns allen die Heilige Geistkraft geschenkt ist, der Atem Gottes.

So lehrt uns die mütterliche Kraft Gottes, den Riss, der unsere Welt durchzieht, einerseits auszuhalten und zu ertragen, weil er nicht endlos ist. Und die Geistkraft lehrt uns andererseits an diesem Widerspruch zu arbeiten. Die Geistkraft lehrt uns, Gott in den Ohren zu liegen, ihn zu bestürmen, das Versprochene Heil zu schaffen. So wie die Geistkraft es selber tut mit unaussprechlichem Seufzen.

Weil der Gekreuzigt lebt, lassen die Kreuze dieser Welt uns auf ihn warten, lassen uns die Leiden von heute auf seine Herrlichkeit warten, sind die Leiden von heute nicht endlos. Darum ist unsere Hoffnung begründet.

Wenn er uns auf ihn warten lässt, dann übt er jetzt schon Macht über uns aus. Denn Warten verändert die Gegenwart. Wenn eine Kranke auf den Tag ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wartet, dann wird sie ungeduldig. Dann hört sie nicht auf zu fragen. Dann wird sie tatendurstig. Dann verleiht ihr die Vorfreude Kraft und beschleunigt den Heilungsprozess. Warten lässt die Leiden von heute nicht ungeschoren. Wer wartet, findet sich mit der Welt, wie sie ist, nicht ab. Wer wartet, gibt nicht auf. Warten verändert die Realität. Macht Lasten tragbar. Macht Elend veränderbar. Warten schafft Einfälle, produziert Phantasie zur Veränderung der Gegenwart. Darum bedeuten die Leiden von heute nichts – für die, die auf Gott warten.

Bevor ich zum Ende meiner Predigt komme, hören wir noch einmal den letzten Vers des biblischen Textes. Die Kantorei wird ihn singen in einer Vertonung Johann Sebastian Bachs.

Der aber die Herzen forschet, der weiß, was des Geistes Sinn sei; denn er vertritt die Heiligen nach dem, das Gott gefället.“

Da ist er wieder, der Schöpfergott, der Allmächtige, der alles weiß und alle Herzen erforscht. Aber Gott hat auch eine andere Seite, die einstimmt in das Seufzen und Stöhnen der Geschöpfe, seine mütterliche Seite, die für ihre Kinder durchs Feuer geht, die wie eine Vogelmutter für ihre Küken kämpft. Die Geistkraft ist so etwas wie unsere Anwältin im Himmel, die für uns eintritt. Angesichts der Schrecken dieser Welt, lässt sie nicht locker. Wo irdische Gerechtigkeit ausbleibt und menschliche Gerechtigkeit versagt, da klagt sie den Herrn der Welt an und fordert, dass den Opfern Gerechtigkeit widerfährt und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden vor dem Richtstuhl Gottes.

Es ist die Geistkraft des Gekreuzigten, der mit den Wunden seines Körpers die Wunden dieser Welt in den Himmel getragen hat. So hält sie die Wunden dieser Welt, diese verletzte Schöpfung dem Schöpfer selbst entgegen. Und das begrüßt der Schöpfer. Dieser Streit gefällt Gott in seiner Allmacht, wenn Gottes Geistkraft, die unsere menschliche Ohnmacht trägt, sich mit ihm anlegt. Und das macht Hoffnung. An diesem himmlischen Streitfall nehmen wir, die wir die Geistkraft in uns haben, teil. Mit unseren Gebeten und mit unserem Tun.

Das Leben ist schrecklich? Ja. Solange es unter den Leiden von heute nichts zu erwarten gibt.

Das Leben ist spannend? Ja. Solange es unter den Leiden von heute die Herrlichkeit des Gekreuzigten zu erwarten gibt.

Das Leben ist schön? Ja. Solange es Hoffnung gibt. Solange die Leiden von heute durch unser Warten verändert werden.

Das Leben ist schön. Allein deshalb, weil der Gekreuzigte lebt. Weil er uns diese Hoffnung gibt. Für uns und die ganze Welt. Amen.

 

 

Posted in Uncategorized | Leave a comment

Nicht ich, sondern der HErr

Manchmal hängt die Rettung aus schwieriger Situation an einem einzigen Menschen, der zur rechten Zeit beherzt das Richtige tut. Gideon, von dem die Bibel aus der Frühzeit Israels erzählt, war ein solcher Mensch. Der kluge, strategisch denkende Kopf erreichte es, durch taktisch geschickte Aktionen jede direkte militärische Konfrontation zu vermeiden, so dass das kleine, seinen mächtigen Nachbarn unterlegene Volk Israel überleben und vierzig Friedensjahre genießen konnte.

Manche sagen: Der Staat Israel braucht heute einen Mann oder eine Frau wie Gideon, die verstanden haben, dass militärische Stärke allein dem Land keinen Frieden bringt. Und Palästina fehlt es ebenso an einer solchen Person. Nötig sind auf beiden Seiten Persönlichkeiten, die vom Frieden beseelt die gegenwärtige Situation überwinden wollen; und die über die Autorität verfügen, im eigenen Volk  für schmerzliche Kompromisse nötige Mehrheiten zu finden. Charismatische Gestalten wie der biblische Gideon.

Als  ihm nach all seinen Erfolgen die Königswürde angetragen wird, lehnt er ab: Ich will nicht Herrscher über euch sein, sondern der HERR soll Herrscher über euch sein. (Richter 8,23) Gideon kennt in seiner politischen Weisheit die Gefahren, wenn Menschen über Menschen herrschen. Nötig ist ein Gottvertrauen, das kritisch bleibt gegenüber aller Herrschaft von Menschen über Menschen – auch der eigenen.

Die Antwort des Gideon zeigt auch, dass gerade die Realpolitik des Wunders bedarf. Eines Wunders, das die Realpolitik nicht überflüssig macht, sondern ermöglicht, beseelt und bestimmt.

Ich erinnere mich an eine Predigt vor dreißig Jahren über einen Bibeltext eines Propheten. Der Prediger verdeutlichte die Notwendigkeit von Utopien, von Zukunftshoffnungen, die jeder für unmöglich hält und die doch nötig sind, um die Gegenwart zu verbessern. Er sagte 1986: „Was der Prophet für die Zukunft verheißt, ist so, als würde er sagen: Morgen fällt die Berliner Mauer, Nelson Mandela wird Präsident von Südafrika und Yassir Arafat Außenminister des Staates Israel“. Zwei dieser Wunder sind drei Jahre später geschehen. Auf  eines von der Art des dritten warten wir noch.

Vielleicht wird es das Wunder sein, dass in der jungen Generation, die demnächst in Israel und Palästina politische Verantwortung übernimmt, auf beiden Seiten Persönlichkeiten heranwachsen, die gegen den Trend von klein auf gelernt haben zu sagen „Wir weigern uns Feinde zu sein“ und die dementsprechend handeln. Menschen wie Gideon, die im Vertrauen auf Gott sich dem Trend des Üblichen widersetzen.

Wort zum Tage, DeutschlandRadio Kultur, am Amstag, 29.10.2016, 6.23 Uhr

 

 

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , | Leave a comment

Suchen und Fragen

Nach fünf Jahren Israel und Palästina hat mich vielleicht nichts so verändert wie die Begegnung mit den religiösen Eiferern, den Bescheidwissern. Den Fanatikern und Fundamentalisten. Sie gleichen sich so verblüffend. Wie ein Ei dem anderen. Die muslimischen, die jüdischen und die christlichen Fundamentalisten. In Europa steht die Gewalt der Muslime, der „Islamisten“, im Zentrum der Aufmerksamkeit.

In Israel habe ich die Gewalt auch von religiösen Juden kennen gelernt. Sie verwüsten Kirchen, Moscheen und Friedhöfe, sie töten Kinder und Jugendliche und verbrennen sie bei lebendigem Leibe, weil sie sie für die Feinde ihres Glaubens halten.

Die Gewalt der christlichen Fundamentalisten beschränkt sich nicht auf ferne Zeiten wie die der Kreuzzüge. Vor wenigen Jahren zum Beispiel haben Christen aus dem Libanon massenhaft Muslime massakriert, ihnen Kreuze in Brust und Rücken geschnitten und sie so zu Tode gequält.

Solche Erfahrungen haben mich dazu gebracht, nach den Anfängen und Ursachen dieser Gewalt in meiner eigenen, der christlichen Religion zu fragen. Immer wieder begegne ich dabei Überzeugungen, die sich jeden Zweifel, jede Frage, jede Selbstkritik verbieten. Solche Christen sind sich ihres Glaubens so sicher, dass sie für den Glauben anderer kein Verständnis haben. Sie wissen Bescheid. Über den Willen Gottes, über die Wahrheit. Auch wenn dieses christliche Bescheidwissen oft harmlos daher kommt, nehme ich eine Unerbittlichkeit wahr, die keine andere Wahrheit neben sich duldet. Ihr Bescheidwissen lässt mich Unheilvolles ahnen.

Auch ich glaube an den einen Gott, der nicht zulässt, dass wir andere Geschöpfe vergöttern. Auch ich glaube, dass der gekreuzigt und dennoch lebendige Jesus die Wahrheit Gottes ist. Aber der, an den ich glaube, ist unverfügbar, jedem menschlichen Zugriff entzogen. Ich gehöre ihm, aber er gehört nicht mir.

Ein Gebot aus der jüdischen Bibel möchte ich mir jeden Morgen neu zu eigen machen: Fraget nach dem HERRN und nach seiner Macht, suchet sein Antlitz allezeit! (Psalm 105,4)

Ja: An Gott glauben, das heißt für mich, nach ihm suchen und fragen, ihn erwarten, ersehnen und erhoffen. Mein Glaube ist ergänzungsbedürftig. Darum bin ich auf den Glauben anderer angewiesen, die ihrerseits nicht über die eine Wahrheit verfügen. Deshalb lerne ich von Juden und Muslimen, von Hindus und Atheisten – für meinen christlichen Glauben. Ohne das Gespräch mit ihnen, die anders glauben als ich, kann ich gar nicht richtig glauben.

Suchen und Fragen – das verbindet mich mit vielen Juden und Muslimen. Ihnen fühle ich mich viel näher als den Christen, die so genau Bescheid wissen.

Wort zum Tage, DeutschlandRadio Kultur, Freitag, 28.10.2016, 6.23 Uhr

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , | Leave a comment

Hilfreicher und schädlicher Argwohn

Wie aufgescheuchte Küken unter den Fittichen ihrer Henne Zuflucht suchen, so rannten die kleinen und großen Kinder unter das weiße Zeltdach, wo die Erwachsenen sie trösteten und umarmten. Zum Sommerlager kommen die ca. 50 christlichen und muslimischen Kinder aus der Region Bethlehem zwei Wochen lang jeden Tag zusammen, um zu malen, zu basteln, zu musizieren und so ihre Talente zu entdecken, zu erproben und zu stärken. Die christliche Familie Nassar lädt sie dazu ein in ihr „Zelt der Nationen“.

Aufgescheucht wurden die palästinensischen Kinder, weil urplötzlich zahlreiche Soldaten der israelischen Armee das Gelände betraten. Nicht nur die Kinder fragten sich, was das wohl zu bedeuten hatte.

Schnell wurde klar, dass niemand etwas zu befürchten hatte. Die Soldaten hatten die beiden Autos mit israelischen Nummernschildern am Eingangstor ausgemacht. Die Autos waren israelische Leihwagen, die zu einer Gruppe von amerikanischen Besuchern des „Zeltes der Nationen“ gehörten. Die Soldaten hingegen befürchteten, es seien Siedler, die gegen die Palästinenser Böses im Schilde führten und wollten einem möglichen Konflikt zuvorkommen.

Reine Fürsorge also hat uns auf das Gelände gebracht, konnten die Soldaten sagen – und sie hätten diese biblische Regel hinzufügen können: Denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen!  (Sacharja 7,10)

Aber natürlich war die Angst der Kinder nicht grundlos. Viele haben traumatische Erfahrungen gemacht mit israelischem Militär. Wenn sie nachts aus dem Schlaf gerissen mit ansehen müssen, wie die bewaffneten Uniformierten ihren Vater und ihre Brüder schlagen  und sie verhaften, wie ihr Mobiliar zertrümmert und manchmal auch das ganze Haus vor ihren Augen eingerissen wird…

Denke keiner gegen seinen Bruder etwas Arges in seinem Herzen! Das möchte ich dann auch diesen Soldaten zurufen. Wir wissen, dass solche Militäraktionen oft genug nicht durch begründeten Argwohn motiviert sind, sondern nur das eine Ziel haben, Palästinenser einzuschüchtern, sie klein zu machen und klein zu halten.

Freilich auch die Soldaten könnten wiederum sagen, dass sie Gründe haben, dieser biblischen Regel nicht zu folgen, dass Misstrauen und Argwohn manchmal Leben schützen kann. Sprengstoffanschläge und Messerattacken sind  eine schlimme Realität im Lande.

Ja, die biblische Regel ist kein Patentrezept. Aber gerade in Situationen, die durch Argwohn und Misstrauen vergiftet sind, hilft nur die entschlossene Haltung, die das Leben der Familie Nassar im „Zelt der Nationen“ bestimmt: Wir weigern uns Feinde zu sein. So können Feinde als Bruder und Schwester entdeckt werden und Misstrauen und Argwohn schwinden.

Wort zum Tage in DeutschlandRadio Kultur Donnerstag, 27. Oktober 2016, 6.23

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Mein Name ist Samer

„Mein Name ist Samer“. Das ist ein gefährlicher Satz. So lerne ich von Samer.

Einmal im Jahr findet eine Art Messe für junge Hochschulabsolventen in Israel statt. Renommierte Firmen haben ihre Stände in einer Messehalle aufgebaut. Diesmal sind sie nicht auf Kunden für ihre Produkte aus, sondern auf junge Wissenschaftler, die sie für Führungspositionen gewinnen wollen. „Kopfjäger“ nennen sie sich.

Nach seinem Hochschulabschluss am Technion in Haifa hat auch Samer eine solche Messe besucht. Mit seinen gepflegten Umgangsformen und exzellenten Zeugnissen war er ein begehrter Gesprächspartner. Aber regelmäßig wurden die Gespräche abgebrochen, wenn sein Name fiel. Samer ist nämlich ein arabischer Name. Er verrät, dass Samer nicht nur Israeli, sondern auch ein Palästinenser ist. Einer von den  ca. 2 Millionen, nahezu einem Viertel der Bevölkerung Israels, die keine Juden sind. Sie sind Bürger zweiter Klasse, die auf vielfältige Weise in Israel benachteiligt sind. Natürlich gibt es Palästinenser in der Firma, aber doch bitte nicht in Führungspositionen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel. Es half ihm nicht, dass er fehler- und akzentfrei Hebräisch spricht. Er ist einer von den anderen.

Inzwischen hat Samer sich mit zwei jüdischen Freunden zu einer erfolgreichen Startergemeinschaft zusammen getan. Diese Juden wissen seine  Qualifikation zu schätzen. Sie interessiert es nicht, dass Samer Araber, Christ und Palästinenser ist. Sie requirieren das Kapital, das kein jüdischer Israeli  einem Palästinenser anvertrauen würde. Und er bringt seine Fachkenntnisse in das gemeinsame Unternehmen ein.

Samers Geschichte erinnert mich an Lydia. Sie konnte vor fünfzig Jahre in London kein Zimmer unter ihrem Namen Greenberg mieten, der sie als Jüdin verriet. Als sie nach Israel auswanderte, brauchte sie zwanzig Jahre um zu entdecken, dass in Israel viele Juden das tun, worunter sie in den europäischen Mehrheitsgesellschaften gelitten haben. Das machte sie zu einer leidenschaftlichen Kämpferin für die Rechte der Palästinenser. Ich wünschte, es gäbe heute mehr von dieser Sorte Mensch. Viele Lydias, die ihrer Wüstenerfahrungen gedenken, um Gegenwart und Zukunft der anderen zu verbessern.

Von Gott heißt es, dass er sich des Vergangenen erinnert, um Gegenwart und Zukunft zu bessern. Denn so spricht der HERR:  „Ich gedenke der Treue deiner Jugend und der Liebe deiner Brautzeit, wie du mir folgtest in der Wüste, im Lande, da man nicht sät.“            (Jeremia 2,2)

Wort zum Tage, DeutschlandRadio Kultur 26.10.2016, 6.23

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , | Leave a comment

Der eine Feigenbaum

Das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Unter dem Feigenbaum prall voll von süßen Früchten. Es ist der einzige große Baum im Tal, am Rande einer Plantage von hunderten kleinen, die gerade ihre ersten Blätter getrieben haben.

„Er ist als einziger stehen geblieben vor zwei Jahren“, sagt Daoud Nassar, „unser Symbol der Hoffnung“. Er erinnert mich an die Worte des Propheten, der nach der Katastrophe einen Neubeginn verheißt. „Siehe, was ich früher verkündigt habe, ist gekommen. So verkündige ich auch Neues; ehe denn es aufgeht, lasse ich’s euch hören.“ (Jesaja 42,9)

Vor zwei Jahren im Mai gehen am frühen Morgen die Handys und Smartphones der Familie Nassar und bringen die Schreckensnachricht in Wohnzimmer und Küchen, in Dienstzimmer und auf  Schulhöfe, in Autos und Busse. Die weit verzweigte Großfamilie ist die erste, die sie  hört und die diese Nachricht auf die Beine bringt, um die Katastrophe in Augenschein zu nehmen, die später durch die Medien die ganze Welt erfährt.

Sie trauen ihren Augen nicht. Seufzer, Tränen, unterdrückte Schreie. Ihre Obstbaumplantage, die wenige Wochen vor der Ernte steht, gleicht einer riesigen Müllkippe. Die ausgerissenen Bäume strecken ihre Wurzeln aus dem Boden gen Himmel, als wollten sie um Hilfe rufen. Blätter und Früchte sind von Erdhalden bedeckt. Ein einziger Feigenbaum am Rande wurde bei der Verwüstung übersehen.

Im Morgengrauen waren jüdische Siedler unter dem Schutz der israelischen Armee mit Riesen-Bulldozern angerückt, um ihren Anspruch auf das private Land der palästinensischen Familie mit Gewalt durch zu setzen. Sie nennen das besetze Palästina „Judäa und Samaria“, um ihrem Landraub biblische Legitimation zu verleihen. Und sogenannte „bibelgläubige“ Christen – auch aus Deutschland – unterstützen sie darin.

Als ich davon hörte, war ich einen Augenblick lang versucht, mit dieser Nachricht  den Antisemitismus in mir zu füttern. Aber dazu gibt es keinen Grund. Das schändliche Tun der Siedler empört Juden und Nichtjuden innerhalb und außerhalb Israels. Eine Gruppe Juden hat Geld gesammelt, hunderte von neuen Obstbäumen gekauft und sie im vorigen Jahr in einer gemeinsamen Aktion hier angepflanzt. „Wir schämen uns für die Siedler“, sagen sie. Diese Juden zeigen mir das „andere Gesicht“ des jüdischen Landes und bewahren mich in meinem Zorn vor Hass und Verteufelung.

Zusammen mit Juden höre ich als Christ auf die Botschaft ihrer Propheten. Nach der Katastrophe gibt es einen Neubeginn, Zeit zur Umkehr und Erneuerung. Der Feigenbaum ist ein Zeichen, das mich ihrer Botschaft trauen lässt.

Wort zum Tage, DeutschlandRadio 25.10.2016, 6.23

Posted in Uncategorized | 2 Comments