“Wir weigern uns, Feinde zu sein” – Das andere Gesicht Palästinas und Israels

Nach fünf Jahren in Israel und Palästina werde ich hier in Deutschland oft konfrontiert mit Vorurteilen, die in krassem Widerspruch zu meinen Erfahrungen dort stehen. Das Wort “Gewalt”, das vielen als erstes einfällt, wenn sie an Israel und Palästina denken, legt einfach die falsche Spur. Deshalb meiden ja viele das Land – aber ganz zu Unrecht. Gewalt bestimmt das Leben im Nahen Osten jenseits der Grenzen Israels, zum Beispiel in Syrien. Aber innerhalb der Grenzen Israels und Palästinas gibt es nicht mehr Gewalt als in Europa.

Von diesem “anderen Gesicht” Palästinas und Israels will ich heute erzählen. Ungerechtigkeit gehört durchaus dazu und darum Konflikte und Streit, aber auch Menschen, die sich anders verhalten als üblich, die keine Gewalt ausüben. Palästinenserinnen und Palästinenser, die gewaltfrei für Gerechtigkeit kämpfen, und jüdische Israeli, die sie darin unterstützen, statt sie zu bekämpfen. Ihr Motto heißt: “Wir weigern uns, Feinde zu sein”.CibmopxWgAIVCLZ

Ich fahre zwar mit dem Bus, der Jerusalem mit den vielen jüdischen Siedlungen im Süden Palästinas verbindet. Aber die Siedlungen sind nicht mein Ziel, sondern die Farm der palästinensischen christlichen Familie Nassar. 20 Minuten zu Fuß sind es von der Bushaltestelle bis zum “Zelt der Nationen”, wie sie ihre Farm nennen, einem internationalen und interreligiösen Begegnungsort. Es ist eine Farm ohne Gebäude. Denn Palästinenser dürfen hier auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht mal ein Toilettenhäuschen bauen, während um die palästinensische Farm herum im sogenannten Gush Etzion über 50.000 jüdische Israeli kleine und große Städte aus dem Erdboden stampfen.P1050196

Ich treffe mich mit Daoud, der in Österreich studiert hat. Für das Interview suchen wir Schutz am Eingang einer Höhle vor dem scharf pfeifenden Wind, der auch an heißen Tagen frisch vom Mittelmeer herauf weht. An klaren Tagen sieht man es aus der Ferne blinken.

Daud: “Wir sind hier auf einem Gebiet, sieben Kilometer entfernt von Bethlehem, heißt Daher’s Weinberg. Das Land gehört meiner Familie seit 1916. Meine Familie hat in einer Höhle gewohnt hier auf dem Gelände. So ist hier mein Vater und Onkel mit dem Land groß geworden. Das Land wurde registriert und wir haben Dokumente von den Osmanen, von den Engländern, von den Jordaniern und von den Israelis. Wir sind jetzt umgeben von fünf israelischen Siedlungen, und das ist der einzige Hügel, der unter palästinensischer Kontrolle ist. Seit 1991 versuchen die Israelis, unser Land zu enteignen, um eine neue Siedlung zu gründen. Wir haben Angriffe von israelischen Siedlern, die uns attackiert haben, ganz besonders zwischen 1991 und 2002. Sie waren hier und haben Bäume bei uns zerstört, uns mit Maschinengewehren bedroht, sie haben versucht, drei Mal eine Straße durch das Gelände zu bauen. Wir waren vorm Gericht und wir sind immer noch vor Gericht seit 1991. Wir haben nicht aufgegeben. Wir sind immer noch hier.”

Haben die israelischen Siedler denn inzwischen aufgegeben? frage ich meinen palästinensischen Gesprächspartner.

Daud: “Sie haben uns angeboten, das Land zu verkaufen. Und das letzte Angebot war ein Blanko-Scheck. Wir haben geantwortet: “Unser Land ist wie unsere Mutter, und klar man darf die Mutter nicht verkaufen.” Jetzt versuchen sie, uns zu isolieren. Die Straße ist gesperrt seit 2001. Wir dürfen kein Leitungswasser hier haben, keinen Strom und keine Baugenehmigung.”P1050186

Eine Farm ohne Zufahrt, ohne Wasser, Strom und Gebäude? Wo bleibt da Raum für eine Zukunftsperspektive?

Daud: “Wenn man keine Hoffnung, keine Zukunftsperspektive hat, wenn man das Gefühl hat, ist man zur Ecke geschoben, dann reagiert man entweder mit Gewalt oder Resignation oder Wegrennen, Emigration. Wir haben gesagt von Anfang an: Wir sind gegen Gewalt, weil Gewalt erzeugt Gegengewalt, und man kann nie einen Konflikt mit Gewalt lösen. Die zweite Option ist Resignation. Man gibt auf und man stellt sich als Opfer. Und das ist gefährlich, in diese Opferrolle zu kommen. Und dann bliebe uns auszuwandern, wegzurennen. Das ist nicht in Ordnung. Wir wollen nicht von dem Ort weggehen. Was sollen wir tun? Wir haben gedacht, es muss auch einen anderen Weg geben.”

Gewalt – Resignation – Auswanderung. Das sind die üblichen Reaktionen auf Entrechtung und Unterdrückung… überall auf der Welt, nicht nur im palästinensisch-israelischen Konflikt. Wie kann man dazu Alternativen finden?

Daud: “Dann haben wir vier Sachen gesagt, die unsere Prinzipien geworden sind. Erst mal, wir sind keine Opfer. Es war uns sehr wichtig, aus dieser Opfer-Mentalität rauszukommen, damit man agieren statt reagieren und zwar anders agieren. Zweitens, wir weigern uns zu hassen. Leicht gesagt, schwer, es zu praktizieren. Wir respektieren die Menschen als Menschen, aber wir dürfen nicht ihre negativen Taten akzeptieren. Drittens, unser christlicher Glaube ist der Weg, unser Widerstand hier. Viertens, wir sind Menschen, die an Gerechtigkeit glauben. Und wir glauben ganz fest, dass eines Tages die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen. Wir haben einen vierten Weg gewählt, einen gewaltlosen Widerstand geleistet, das Böse mit dem Guten zu überwinden. Unter dem Motto “Wir weigern uns, Feinde zu sein”. Das ist unser aktiver positiver kreativer Widerstand.”

Die Siedler, unterstützt von der israelischen Armee, wollen die palästinensische Farm mitten zwischen den Siedlungen weg haben. “Sie sind ein Sicherheitsrisiko”, sagen sie, “denn die Palästinenser sind unsere Feinde”. Aber die Palästinenser unterlaufen dieses Feindbild. Sie leisten Widerstand, gewaltfrei. Sie setzen beherzt ihr Motto dagegen: “Wir weigern uns, Feinde zu sein.”A003

Daud: “Unter diesem Motto haben wir das Projekt “Tent of Nations” gegründet mit der Idee, unsere Frustration positiv zu kanalisieren. Unsere Farm öffnen für Menschen aus verschiedene Ländern, Kulturen und Religionen – so unser Motto: “Kommen und sehen – und nach Hause gehen und weiter erzählen” – und dann eine Verbindung schaffen zwischen Mensch und Mensch, aber auch zwischen Mensch und Land. Dann haben wir begonnen, aus dieser Opferrolle rauszukommen. Wir können was tun auch in einer schwierigen Situation. Und dann haben wir begonnen, unsere Probleme positiv zu lösen.”

Das klingt gut. Was sie im Einzelnen gemacht haben, möchte ich von Daud wissen.

Daud: “Wir haben eine Solaranlage installiert im Jahre 2009. Seitdem sind wir vom Strom total unabhängig. Für Wasser wir sind total vom Regenwasser abhängig. Wir sammeln Regenwasser in Zisternen. Wir dürfen nicht auf der Erde bauen. Dann haben wir begonnen, unsere Höhlen zu renovieren. Jetzt haben wir sieben Orte, wo Leute schlafen können, aber auch Begegnungsorte. Wir arbeiten, um das Abwasser noch mal für die Bewässerung zu verwenden, also Recycling, Kompost-Toiletten. Aus der Not sind wir kreativ geworden. All diese negative Energie, die man hat, wurde positiv umgesetzt. Das ist unsere Therapie.”P1050135

Und natürlich ist es nicht nur Therapie für sie selbst. Es ist viel mehr. Sie versammeln hier auf der Farm viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen. Deshalb nennen sie den Ort ja “Zelt der Nationen”.

Daud: “Für uns war wichtig, das Positive auch weiterzugeben. Wir haben gedacht an verschiedene Programme, um Menschen miteinander zu verbinden. Dass sie kommen und nach Hause gehen positiv, also mit Hoffnung, mit viel Hoffnung in einer hoffnungslosen Situation. Wir machen eine Baumpflanz-Aktion jedes Jahr. Wir laden Leute ein, Bäume zu pflanzen, Bäume zu sponsern. Wenn man einen Baum pflanzt, glaubt man an eine bessere Zukunft und lernt man auch: dass der Friede soll von unten wachsen wie ein Olivenbaum. Wir haben auch Ernte-Camps. Wir haben Volontäre, die längere Zeit zu uns kommen. Volontariats-Hilfe ist sehr gut für uns und sehr wichtig. Wenn die Leute sehen, unter welchen Umständen wir leben müssen, dann wird man einfach sagen: “Unsere Probleme zu Hause sind nichts gegenüber euren Problemen.” Die Leute sind auch motiviert, alles, was sie hier gelernt haben, dort in ihrer Heimat umsetzen können.”P1050214

Rebecca aus Stuttgart, die für ein Jahr in dem christlichen Dorf Nes Ammim in Israel arbeitet, war für einige Tage im “Zelt der Nationen”.

Rebecca: “Wir haben in so Höhlen geschlafen, wir haben da eben mitgeholfen und haben dort mitgegessen. Wir haben uns dort mit einem Volontär unterhalten, der ein Jahr vorher dort war. Der hat erzählt, wie die immer aufpassen müssen, dass das israelische Militär nicht kommt und eben einfach was abreißt. Man kann’s sich immer nicht vorstellen, diese Willkür einfach an Menschen, die einem nur was Gutes tun wollen und Frieden haben wollen. Es ist nicht schön anzuschauen und grad deswegen hat sich’s wirklich gut angefühlt, dorthin zu gehen und mitzuarbeiten für drei Tage.”

“Erreicht ihr auch andere Palästinenser?”, habe ich Daoud gefragt. In der Region und der direkten Nachbarschaft? Auch Palästinenserinnen?

Daud: „Frauenprojekte sind auch wichtig hier. Normalerweise ist es schwierig, Palästinenser zu motivieren. Deswegen ist es wichtig, dass sie kommen und sehen. Am Anfang war es schwierig, dass die Leute an so einen Weg geglaubt haben. Man hat die Ergebnisse nicht direkt gesehen. Von Anfang an wurde gesagt: “Sowieso könnt ihr nichts schaffen. Die Israelis werden kommen und das Land wegnehmen.” Aber jetzt viele von unseren Nachbarn glauben an das, was wir hier tun. Die sind durch uns motiviert worden. Am Anfang war das ganze Gebiet unbebaut, jetzt sind viele aktiv geworden und bauen ihre Felder. Wir haben auch Kinder-Sommercamp-Aktivitäten. Wir laden palästinensische Kinder ein aus der Umgebung von Bethlehem, beides Christen und Muslims. Wir machen kreative Workshops mit den Kindern wie Malen, Musik, Mosaik. Dabei wollen wir, dass die Kinder ihre Talente entdecken, an sich selbst glauben: Ich bin fähig, meine eigene Zukunft selber zu gestalten.”P1050157

Was tragen die Kirchen in Deutschland zum Frieden in Nahost bei? Nehmen sie dieses andere Gesicht Palästinas wahr? Das habe ich den evangelischen Bischof von Berlin, Dr. Markus Dröge gefragt, als er vor kurzem zu einem Besuch vor Ort war.

Bischof Dröge: “Wir als Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz haben eine lange Partnerschaft mit der Evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Insofern liegt uns das Schicksal der palästinensischen Christen, aber natürlich auch Palästinas insgesamt, sehr am Herzen. Wir unterstützen eine Schule, Talitha Kumi, wo wir junge Palästinenserinnen und Palästinenser ausbilden. Sie können dort ein deutsches Abitur machen. Insofern tragen wir auch etwas zur Zukunft Palästinas bei und bekommen natürlich dann ganz unmittelbar auch die Situation der Familien mit, die sehr leiden unter der Besatzung. Und unser Beitrag ist der, dass wir auch diese Themen bekannt machen.”

“Sollten die Kirchen nicht die Bundesregierung drängen, die Staatlichkeit Palästinas endlich anzuerkennen?”, frage ich mich oft. Das wäre ja kein Angriff auf Israel, sondern eine Aktion, die diesen Staat dann als Verhandlungspartner in Friedensverhandlungen einerseits stärken und andererseits in Verantwortung nehmen würde.

Bischof Dröge: “Die Rheinische Kirche hat ja gerade eine Synodalerklärung abgegeben, wo sie sich noch einmal stark macht für die Anerkennung Palästinas als eines unabhängigen Staates. Wir sehen in Berlin unsere Aufgabe darin, dies zum Gespräch zu machen. Gerade in Berlin muss man diese Themen öffentlich diskutieren. Wir selber sind dann natürlich gespalten. Wir haben auch Kontakte zur jüdischen Gemeinde, sehr intensiv sogar. Wir sind sehr stark im christlich-jüdischen Dialog engagiert, auch seit vielen Jahren und Jahrzehnten. Insofern erleben wir auch in Deutschland die Spannung zwischen den Interessen Israels und den Interessen Palästinas. Wir sehen uns nach beiden Seiten hin solidarisch.”P1040343

Ob es denn auch einen Dialog mit Juden und Israelis im “Zelt der Nationen” gebe, frage ich Daoud Nassar.

Daud:“Wer kommt durch die Tür und möchte von unseren Visionen wissen, ist willkommen hier. Dann haben wir auch Juden aus verschiedenen Ländern, auch manchmal Israelis kommen zu uns. Am Anfang sind sie vielleicht ein bisschen skeptisch. Aber wenn sie zu uns kommen, hören was anderes, etwas, das ist unerwartet von denen und das ist für sie eine Augenöffnungs-Erfahrung. Wir möchten, dass die Leute versuchen, einen Einfluss in ihrer Umgebung zu gewinnen, Familien, Schulen und so weiter.”C08

Von einer solchen “Augenöffnungs-Erfahrung” können viele Juden und jüdische Israeli erzählen. Wie sie plötzlich aufgewacht sind. Vielleicht zum ersten Mal die Situation in den Besetzten Gebieten wahrgenommen haben. Meist engagieren sie sich dann in Organisationen, um ihre Landsleute zu informieren und aufzuwecken. In privaten Gesprächen und öffentlichen Aktionen. Sie repräsentieren für mich das andere Gesicht Israels, das demokratische Israel, das den Menschenrechten verpflichtet ist. Von der gegenwärtigen Regierung werden sie skeptisch beäugt, manchmal auch diffamiert. Für mich sind sie die wahren Patrioten, die der jüdischen Tradition des Tiqun Olam folgen, nach Maßgabe ihrer Kräfte “die Welt zu verbessern”.

Wie schön wäre es zu hören, dass es auch freundliche Kontakte zu den jüdischen Siedlern als Nachbarn gibt.

Daud:“Wir müssen auch unterscheiden zwischen Politik und Menschen. Es gibt israelische Siedler, die überhaupt nicht wissen, wie lebt man als Palästinenser. Man wohnt in einer Siedlung, ist umzingelt von einem Zaun, alles andere ist jetzt Feind.”

Wie wenig selbst wohlgesonnene Siedler ihre palästinensischen Nachbarn wahrnehmen, ist auch Rebecca aufgefallen, der Volontärin aus Stuttgart:

Rebecca: “Als wir angekommen sind, sind wir von Jerusalem mit so nem Siedlerbus in so ne Siedlung gefahren. Neben mir saß so en Mädchen, die hat mich gefragt. Was machst du hier?” “Ja, ich bin aus Deutschland und ich geh bei so ner arabischen Familie arbeiten.” Sie war beeindruckt, weil ich hier in die Westbank nach Palästina alleine gekommen bin. “Und deine Eltern finden das in Ordnung, dass du bei Arabern bist?” “Ja, die unterstützen das auch voll.” Sie hat das “Tent of Nations” nicht gekannt… es war direkt neben ihrer Siedlung, aber es war ihr nicht bewusst, dass es existiert und was es ist und wofür es steht. Da merkt man mal, wie sehr man in seiner eigenen Welt leben kann und wie krass diese Grenzen sind… zwischen den Kulturen, wo man doch eigentlich… Nachbar ist.”

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Blick vom Tent of Nations zu einer illegalen jüdischen Siedlung

Angesichts dieser Lage wage ich kaum danach zu fragen, ob eine Kooperation zwischen jüdischen Siedlern und Palästinensern überhaupt denkbar ist.

Daud:“Die einzige Möglichkeit für Menschen hier ist, zusammen zu leben mit Gerechtigkeit. Eine Gruppe kann nicht alles kontrollieren und die andere Gruppe gar nichts haben. Da ist eine Möglichkeit, miteinander zu leben. Egal ob in einem Staat oder nebeneinander in zwei Staaten, aber mit Gleichberechtigung. Wir müssen lernen, einander zu respektieren. Aber im Moment ist es sehr schwierig, die ganze Situation ist ungerecht. Wir leben unter Besatzung. In dem Moment, wo die Besetzung kommt zu Ende, dann Israelis und Palästinenser können miteinander leben. Kooperieren und unter Besatzung sein, es geht nicht; Besatzung muss zu Ende kommen.”

Gibt es eine Botschaft dieses beeindruckenden palästinensischen Christen Daoud Nassar an die Menschen in Deutschland? Die möchte ich gerne mitnehmen und überall hin weiter geben:

Daud:“Es gibt Menschen, egal auf der israelischen oder der palästinensischen Seite, die anders denken, anders wollen. Und diese positive Stimme muss auch im Ausland gehört werden. Und wir glauben ganz fest, dass eines Tages die Sonne der Gerechtigkeit wird aufgehen.”

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Daoud Nassar

FeierTag – 14. August 2016 DeutschlandRadio Kultur

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Moralische Überlegenheit oder Doppelmoral?

Auch in diesem Jahr fragte eine Gruppe von Freiwilligen, die zur GayPride Parade nach Tel Aviv fahren wollten, ob dieser Trip ein Element des Studienprogramms sein kann. Kann es, weil es vieles über das spezielle Thema hinaus über Israel lehrt. Zeitig am Morgen im Meir-Park, wo das von der Stadt finanzierte Schwulen- und Lesben-Zentrum ist, hatte ich Gelegenheit Informationen und Beobachtungshinweise zu geben und Fragen zu beantworten. Im Vergleich zu den Europäischen Paraden ist das Ereignis in Tel Aviv politischer und darum weniger kommerziell, weniger nackt, weniger schrill, es ist weiblicher (mindestens die Hälfte sind Frauen und Mädchen) und jünger (kaum Menschen über 50 und eine unglaubliche Anzahl von Teenagern). Rund zweihundert tausend Menschen haben teilgenommen.

Das diesjährige Motto ist der zentrale Satz der Tora, der genau zwischen den beiden Sätzen steht, die eine bestimmte Form von männlicher homosexueller Praxis verbieten: „Liebe deinen Nächsten: er ist wie du!“ (3. Mose 19,18). Viele Regenbogenfahnen und –sticker schmückte dieses Tora-Gebot in biblischer (punktierter) Schreibweise. Ein eye-catcher für die religiösen und orthodoxen Mitbürger, die in Israel bei solchen Veranstaltungen natürlich eine wichtige Zielgruppe sind. (Im vorigen Jahr hat ja ein orthodoxer Jude mehrere Teilnehmer der Parade in Jerusalem verletzt und ein Mädchen erstochen.) Andere Plakate zeigten die beiden Finger von Michelangelos Bild „Die Erschaffung Adams“ als einen Hinweis darauf, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist. Dieses Motiv nutzen auch viele Menschenrechtsgruppen  und weisen so auf den Zusammenhang von Homophobie und Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit hin.

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orthodoxe und säkulare Teilnehmer

Das hebräische Wort ge’ä (stolz) klingt ähnlich wie gay (schwul) und damit wird gespielt. Worauf sind sie stolz? Der Sticker von Amnesty International sagt: „Menschenrecht ist mein Stolz“ („Human right – that’s my pride“). Das klassische Motto „Ich bin stolz, schwul zu sein“ changiert zu dem anderen „Ich bin stolz, Israeli zu sein.“04

In diesem Jahr war die Parade weniger als in früheren Jahren von Israels Nationalflagge beherrscht. Trotzdem war der „gay-nationalism“ wahrzunehmen. Die Anwesenheit der Gewerkschaftsjugend, der linken Partei Merez und der sich liberal gebenden Partei Jesch Atit war keine Überraschung. Seit Jahren ist aber auch Netanjahus Likud-Partei vertreten. Die meist jungen schwulen und lesbischen Parteimitglieder genießen es sichtbar, in ihrer Partei akzeptiert zu sein und gegen deren homophobes Image zu werben. Aber die meisten durchschauen die Propaganda. Sie nennen das „pinkwashing“, eine Analogiebildung zu „greenwashing“, Kritik an Regierungen, die ihre Menschenrechtsverletzungen durch ein propagandistisch herausgestelltes Engagement für die Umwelt kaschieren. „You can’t pinkwash the occupation“ („Ihr könnt die Besatzung nicht durch euer Engagement für Schwule und Lesben reinwaschen“) ist auf eine Mauer gesprüht.08

An kaum einer anderen Stelle wird der Kontrast zu den arabischen und muslimischen Nachbarstaaten deutlicher sichtbar. Das nutzt seit Jahren Israel propagandistisch. Der „Gay-Nationalism“ verschweigt aber zweierlei.

Tel Aviv ist eine liberale Insel in der durch und durch homophoben Gesellschaft Israels. Dabei gleichen sich aufs Haar konservativ-säkulare wie religiöse Juden und muslimische wie christliche Araber. Von Drusen ganz zu schweigen. Wer offen leben will, muss seinen Kibbuz, sein muslimisches, christliches oder drusisches Dorf, seine Familie verlassen und in die Anonymität einer Stadt ziehen. Offen gelebte Partnerschaften sind die Ausnahme, meist lebt mindestens einer, meist beide „im Schrank“ („in the closet“), wie das auf Amerikanisch so schön heißt. Mehr als in westlichen Ländern werden in Israel Schwule und Lesben (auf künstliche Weise) Eltern. Ein säkularer Jude sagt: „Als ich meinen Eltern ein Enkelkind bringen konnte, war ich rehabilitiert. Nach meinen Männern fragen sie nicht.  Vatersein kompensiert den schwulen Makel“. Je stärker das Leben familienzentriert ist, desto schwerer haben es Schwule und Lesben.

Nur die strafrechtliche Situation für Männer ist in den Nachbarstaaten wie in den Besetzten Gebieten anders. Gefängnis ist das mindeste, das schwulen Männern droht. Das macht sie erpressbar. Und das wiederum nutzt Israel schamlos aus. Der israelische Spielfilm „Out in the Dark“ (2012), der die tragische Liebesgeschichte zwischen einem palästinensischen Studenten und einem israelischen Anwalt erzählt, spiegelt diese Doppelgesichtigkeit. Dass in Tel Aviv mehr als tausend schwule Palästinenser leben, die aus den Besetzten Gebieten geflohen sind, wird einerseits als Beweis für die moralische Überlegenheit Israels gegenüber den Palästinensern herausgestellt, andererseits wird ihnen aber nicht Asyl gewährt. Sie leben illegal unter erbärmlichen Umständen, meist um den Zentralen Busbahnhof herum. Werden sie aufgegriffen, werden sie entweder erbarmungslos in ihre Heimatdörfer abgeschoben, wo sie nichts Gutes zu erwarten haben, oder vom Israelischen Geheimdienst SchinBet genötigt, als Spitzel zu arbeiten. Moralische Überlegenheit oder Doppelmoral?09

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Licht und Dunkel im Rechtsstaat Israel

Wie so oft werden in jüngster Zeit mal wieder die helle und die dunkle Seite des Landes zugleich sichtbar. Der erste Akt in diesem Drama ist die Attacke eines Palästinensers. Im März wurde in Hebron ein israelischer Soldat von einem Palästinenser mit einem Messer lebensgefährlich verletzt. Das war die 336. Attacke dieser Art seit September letzten Jahres. Dabei wurden über 400 jüdische Israeli z. T. schwer verletzt und 36 getötet.

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Gesicherte Bushaltestelle

Ich kann solche Aktionen verstehen, aber ich habe dafür kein Verständnis. Im Unterschied zu vielen Freunden Palästinas in Deutschland und in Übereinstimmung mit vielen Palästinensern rechtfertige ich das nicht nur nicht. Ich verurteile es. Manche meinen, damit stünde ich nicht mehr zwischen den Stühlen, sondern säße klar auf einem Stuhl, dem israelischen. Aber indem ich es verurteile, bin ich nicht blind dafür, dass Israel mit seiner Abwehr von Terrorismus ihn auch befördert. Davon habe ich früher schon eine Geschichte erzählt, die mir das vor Augen führte (Soldatengeschichten: „Demütigung“, siehe unten).

Auf den ersten Akt folgt der zweite: Der Täter wird augenblicklich von anderen Soldaten entwaffnet, auf den Boden geworfen und auf dem Rücken mit Handschellen gefesselt. Die Soldaten warten auf ein Auto, das ihn zu einer Militärpolizeistation bringen soll. Einige Minuten später stürmt ein neunzehnjähriger Soldat herbei und tötet den unbewaffnet am Boden liegenden Palästinenser durch zwei Schüsse in den Kopf. Ich glaube nicht, dass das ein Einzelfall ist. Szenen dieser Art finden sich zu Hauf im Internet. Ich sah ein Video, auf dem israelische Soldaten palästinensische Jugendliche provozierten, bis einer mit seinen Fäusten auf einen der Soldaten einschlägt. Augenblicklich werfen ihn die anderen zu Boden. Vier Gewehrläufe richten sich auf den unbewaffnet am Boden liegenden Jungen. Er wird erschossen wie ein Hase. „Das sind palästinensische Propaganda-Videos“, heißt es in Israel. Natürlich gibt es solche, wie die Armee ihre Propaganda-Videos im Internet zeigt. Immerhin sind bei solchen Attacken bisher weit mehr als hundert Palästinenser getötet worden. Für viele dieser Fälle kann das Recht auf Selbstverteidigung und Notwehr geltend gemacht werden, aber nicht für alle.P1040509

Der Fall in Hebron liegt anders. Das Video, das die Szene festhält, haben jüdische Israeli aufgenommen und veröffentlicht, Mitglieder der jüdischen Menschenrechtsgruppe „B’Tzelem“. (Der Name spielt auf die biblische Bezeichnung des Menschen als „Ebenbild Gottes“ (Genesis 1,26) an.) Sie sind glaubwürdige Zeugen, deren Beweismittel in einem Gerichtsverfahren anzuerkennen sind. Und damit zeigt dieser zweite Akt des Dramas das Dunkel und das Licht Israels zugleich an. Das Verbrechen eines jüdischen Israeli bleibt nicht im Dunkeln. Jüdische Israeli holen es ans Licht und protestieren öffentlich.

Dem folgt ein dritter Akt, der ebenfalls Licht und Dunkel zugleich zeigt. Der Soldat wird verhaftet und des Mordes angeklagt. Das stellen die Freunde Israels heraus: Israel folgt den Regeln eines Rechtsstaates. Sowohl der Palästinenser als auch der israelische Soldat haben ein rechtsstaatliches Gerichtsverfahren zu erwarten. Das ist das Licht, das Israel von allen seinen Gegnern unterscheidet. Auf der anderen Seite löst die Entscheidung des Militärstaatsanwaltes, den Soldaten anzuklagen, eine Welle der Empörung aus. Manche Medien behaupten, achtzig Prozent der jüdischen Israeli halten diese Entscheidung für falsch. Und die meisten Medien befördern diese Meinung, auch die christlich evangelikalen. Die Staatsanwaltschaft und das Gericht stehen unter unglaublichem öffentlichen Druck. Auch prominente Regierungsmitglieder wie Minister Bennet, der Vorsitzende der rassistischen Siedlerpartei, bekunden öffentlich ihre Sympathie für den angeklagten Soldaten. Das ist das Dunkel. Es zeigt die Atmosphäre, die das Unrechtsbewusstsein des jungen Soldaten getrübt haben mag. Ich bin gespannt auf die Verfahren und ihren Ausgang.

Zugleich bemühe ich mich als Europäer mit meiner Kritik um Bescheidenheit. Israels Bedrohungssituation ist kaum mit der europäischer Rechtsstaaten zu vergleichen. Und auch diese Staaten überlegen angesichts einer neuen Bedrohungslage, Grundrechte einzuschränken. Auch das halte ich für falsch. Aber wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

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„Christus am Grenzkontrollpunkt“

So heißt eine seit 2010 alle zwei Jahre in Bethlehem stattfindende viertägige theologische Konferenz, veranstaltet von palästinensischen evangelikalen Christen. Adressaten sind vor allem Evangelikale aus USA, Kanada und Europa. Da die Mehrheit dieser Evangelikalen Christliche Zionisten sind, die den Staat Israel mit dem biblischen Israel identifizieren und darum keine Kritik an diesem Staat zulassen, fühlen sich die Palästinenser herausgefordert, als evangelikale Christen in Erscheinung zu treten und sich mit dem weltweiten Christlichen Zionismus kritisch auseinander zu setzten. Ich habe vor einigen Wochen das dritte Mal an dieser Konferenz teilgenommen. Mit großem Gewinn. Auch in diesem Jahr waren die täglichen Bibelarbeiten außergewöhnlich gehaltvoll.

Die sperrige Formulierung „Christus am Grenzkontrollpunkt“ weist darauf hin, dass Theologie in Palästina nur angesichts des drängenden politischen Kontextes getrieben werden kann, der in diesem Jahr noch zugespitzter war. Wegen der drohenden Gewalt wurde die Konferenz kurz vorher in ein weiter von der Mauer entferntes Tagungshotel verlegt, und während der Konferenz gab es in Jerusalem mehrere Gewaltakte.

Diesmal hieß das Thema „Das Evangelium angesichts des religiösen Extremismus“. Von Anfang an war dabei klar, dass es nicht nur um die Auseinandersetzung mit dem Islamismus ging und auch nicht nur jüdischer Extremismus ins Visier genommen wurde. Die Konferenz war durch und durch selbstkritisch. Christlicher Extremismus wurde nicht nur im christlichen Zionismus benannt, sondern auch als „Religiöser Extremismus in uns selbst“ kritisch wahrgenommen.

In diesem Jahr war die Konferenz internationaler und ökumenischer, jünger und weiblicher. Schon das Eröffnungsreferat des Vorsitzenden der Evangelikalen Weltallianz, Bischof Tendero von den Philippinen, öffnete den Horizont für den weltweiten Religiösen Extremismus. Auf dem Bildschirm erschienen ermutigende Fotos: Zwei Jungen Arm in Arm, der eine mit Kippa, der andere mit Kufiya.P1040357 Israelische und palästinensische Flagge nebeneinander. (Manche werteten es als Zeichen, dass gerade bei diesem Bild der Strom ausfiel.) Salim Munayer, der Gründer und Leiter von Musalaha, eine Organisation, die palästinensische Christen und messianische Juden zusammen bringt, und sein Sohn Jack überzeugten in ihrem Willen zum Dialog, zu dem auch die messianische Jüdin Lisa Loden beitrug.

Zum ersten Mal in diesem Jahr ist ein Vertreter des Islam zu Wort gekommen und vor allem zum ersten Mal ein religiöser Jude und Israeli, nämlich der Reformrabbiner Arik W. Ascherman aus Jerusalem. Aus dem innerchristlichen Dialog ist ein interreligiöser geworden, die palästinensische Binnensicht hat sich der argumentativen Auseinandersetzung mit dem jüdischen Israel geöffnet. Die einfühlsamen und theologisch stringenten Auseinandersetzungen mit jüdischem und israelischem Extremismus waren für mich die Höhepunkte der Konferenz (David Neuhaus und Yohanna Katanacho).P1040365

Besonders eindrucksvoll empfand ich, wie die Evangelikalen ihre Offenheit für den interreligiösen Dialog bekundeten, ohne das zentrale Christusbekenntnis auf zu geben. Als einer der Redner seinen Arm mit ausgestrecktem Zeigefinger senkrecht in den Himmel erhob und daraufhin „wie auf ein Geheimzeichen“ das gesamte Publikum wie ein Mann überlaut ausrief „One way only!“ („Nur ein einziger Weg“, nämlich Jesus Christus), war ich schon ein wenig erschrocken. Das ist wohl Evangelikalen ein vertrautes Ritual. Ich als Deutscher hatte spontan Sportpalast-Erinnerungen. Aber dann kam ein Satz, den ich mir wegen seiner Prägnanz gemerkt habe: „Wir gehören Christus, aber Christus gehört nicht uns“. Amen.

Der Vertreter der gastgebenden Bibelschule hatte eine Gruppe besonders begrüßt, der ich mich zugehörig fühlte: Teilnehmende, die nicht allem zustimmen können. Die Schwächen der Konferenz verblassen für mich aber im Nachhinein. Den dem Bethlehemer Lokalpatriotismus geschuldeten sehr schwachen Film „Open Bethlehem“ hätte man sich sparen können. Die gute Idee, jeden Tag mit einem Lyrischen Resümee zu beschließen, wurde in einem Zuviel an Wörtern erstickt. Die Auseinandersetzung mit dem Christlichen Zionismus beschreitet nach wie vor die Wege traditioneller Theologie mit massiven Antijudaismen. Besonders unangenehm war der lautstark und arrogant vorgetragene Beitrag des US Theologen Hank Hanegraaff. Die politischen Grußworte des Bürgermeisters von Beit Jala und eines Vertreters der Autonomiebehörde standen in ihrer vorgestanzten Sprache mit ihren militanten politischen Statements im Widerspruch zu Geist und Inhalt der übrigen Konferenz. Dass zu Beginn die Nationalhymne Palästinas abgespielt wurde, respektiere ich als Europäer. Aber dass zu dem (wie ich gelernt habe) sehr militanten Text Bilder von Tel Aviv, Haifa und Galiläa gezeigt wurden, kann ich nur als peinlichen Regiefehler werten.

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HaTiqwa – mehr Hoffnung , als der Text sagt

Wir sind mit dem Studienprogramm in den letzten Wochen mehreren bemerkenswerten Persönlichkeiten begegnet. Jede für sich ein Hoffnungslicht in diesem Land. Und alle zusammen Grund, die Hoffnung auf Frieden und Gerechtigkeit nicht fahren zu lassen. Eine unter ihnen ist die orthodoxe Jüdin Chana. Sie hat die Organisation Kaleidoskop gegründet, die jüdische und palästinensische Kinder und Jugendliche miteinander ins Gespräch bringt und dafür vor einem Jahr sogar einen Preis von der Knesset verliehen bekommen hat. Sie hat Nes Ammim entdeckt und kommt seither ständig mit ihren Gruppen, die ihrerseits begeistert von Nes Ammim sind. Chana hat aber auch ein Interesse, mit den europäischen Freiwilligen zu arbeiten und sie zum Nachdenken zu reizen.

Neulich zeigte sie uns einen wenige Minuten dauernden Filmausschnitt aus einer israelischen Nachrichtensendung aus dem Jahr 2012. Eine (liberale) Richterin wurde aus dem Obersten Gericht pensioniert, ein (konservativer) Richter wurde an ihrer Stelle eingeführt. Zur Zeremonie waren die Spitzen des Staates erschienen, stehend sangen sie zum Abschluss die Nationalhymne, „HaTiqwa (die Hoffnung)“. Das ist der Text: „Solange noch im Herzen eine jüdische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Zion blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die zweitausend jährige Hoffnung, zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Zion und in Jerusalem!“ Die Kamera schwenkte von Gesicht zu Gesicht. Bei einem ernst und respektvoll dreinblickenden älteren Herrn verharrte sie etwas länger. Er war der einzige, dessen Lippen sich nicht bewegten, der die Hymne offensichtlich nicht mit sang. Salim Jubran, der einzige palästinensische Richter im Obersten Gericht Israels. Der Ranghöchste der 1,8 Millionen palästinensischen Staatsbürger Israels.

Wie in ihren jüdisch-palästinensischen Gruppen entfachte Chana damit auch unter uns Freiwilligen eine heftige Debatte über das Für und Wider. Argumente wurden ausgetauscht wie in der großen medialen und öffentlichen Debatte, die dem Vorfall damals unmittelbar folgte. Verhält er sich illoyal oder gar feindlich dem Staat gegenüber, den er prominent repräsentiert? Muss er gegen sein Gewissen handeln oder ihm gerade folgen? Kann nur durch Singen oder auch durch Nichtsingen Respekt ausgedrückt werden? Lange ließ Chana uns Europäer Argumente untereinander austauschen und uns dabei immer tiefer in die schwierige Situation des Landes eintauchen. Sie machte keinen Hehl daraus, wie sehr sie als Zionistin und konservative Jüdin emotional an dieser Hymne hängt.

Zum Schluss legte sie uns einen Text vor, den sie auch in die heftigen Debatten ihrer israelischen Gruppen einbringt und der ihnen augenblicklich eine neue Wendung gibt. Es ist der gleiche Text HaTiqwa, in dem sie nur drei Wörter ersetzt hat: „Solange noch im Herzen eine palästinensische Seele wohnt und nach Osten hin, vorwärts, ein Auge nach Palästina blickt, solange ist unsere Hoffnung nicht verloren, die zweitausend jährige Hoffnung, zu sein ein freies Volk, in unserem Land, im Lande Palästina und in Jerusalem!“ Die Jüdin lässt diesen hebräischen Text von den Juden in ihren Gruppen  zusammen mit ihr laut lesen. Singen wäre eine zu große Zumutung. “Selten wird der Text bis zum Ende gelesen”, sagt sie.”Die Juden verstummen mehr und mehr, so sehr irritiert sie diese Übung. Augenblicklich erfassen sie, was der Text der israelischen Nationalhymne bei ihren palästinensischen Mitbürgern auslöst. In den Schuhen der anderen gehen… Das ist eine heilsame Zumutung. Sie ändert Denken und Tun.” Solidarisch leitet Chana dazu an.

Auch wir europäischen Zuschauer der innerisraelischen Debatte empfinden die Provokation dieses nachhaltigen Denkanstoßes. Wie viel mehr die Israeli! Israel wäre nicht das erste Land, das seine Nationalhymne ändert. Jüngst erst hat es Kanada getan, um die französischstämmigen Staatsbürger nicht länger auszuschließen. Wie heißt die Nationalhymne Israels doch? HaTiqwa? Oder ist diese Hoffnung zu unrealistisch?

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Ohne P kein Existenzrecht Palästinas?

Im Arabischen gibt es keinen Buchstaben P. Daraus schloss vor ein paar Wochen eine promovierte Knesset-Abgeordnete des Likud, dass es kein Existenzrecht Palästinas, ja dass es überhaupt keine Palästinenser geben könne. Das führte zu einer heftigen Debatte über die Knesset hinaus, die einmal mehr zeigt, wie absurd die Situation in Israel zur Zeit ist. Als ob es weniger skandalös wäre, das Existenzrecht Palästinas in Frage zu stellen als das Israels! Die israelischen Rechtsradikalen, denen manche europäische und amerikanische Christen folgen, behaupten, wenn es „Palästina“ überhaupt gäbe, liege es östlich des Jordan.

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Die Weltsicht einiger jüdischen Israel und ihrer Freunde in der Welt

Die Palästinenser konterten, dass es nach dieser Logik „Humus“ weder für jüdische Israeli noch für Europäer oder Amerikaner geben könne, weil es weder im Hebräischen noch in den europäischen Sprachen den Buchstaben gebe, mit dem das Wort beginnt (das H ist in anderen Sprachen nur ein Ersatz für den fehlenden arabischen Buchstaben). Recht haben sie.

Andererseits wird an dem fehlenden Buchstaben deutlich, dass die Wörter „Palästina“ und „Palästinenser“ tatsächlich aus einer nicht-arabischen Sprache kommen. Was ist daraus zu schließen? Es sind lateinische Wörter. Die Römer haben bekanntlich im zweiten Jahrhundert ihre (!) Provinz Judäa nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstandes so umbenannt. „Palästina“, „palästinensisch“ ist die Sprache der europäischen Kolonialherren, die humanistisch gebildet im 19. Jahrhundert so von dem Teil des Osmanischen Reiches redeten, der geographisch als „Südliche Levante“ bezeichnet wird und der weit mehr umfasst als die römische Provinz. Auch die Juden Europas, auch die Zionisten nannten dieses Land „Palästina“. Erst nach der Staatsgründung Israels gab es eine „Sprachregelung“, den Begriff „Palästina“, der wegen seiner Entstehungsgeschichte im zweiten Jahrhundert als antisemitisch eingestuft wurde, durch den „biblischen“ Begriff „Eretz Jisrael“ zu ersetzen. Wie immer bei verordneten Sprachregelungen dauerte es einige Jahre, bis sich alle an die neue Terminologie gewöhnt hatten. Es gibt zahllose Beispiele für jüdische Dokumente aus den vierziger und fünfziger Jahren, die noch ungeniert von „Palästina“ reden.

Die aus politischen Gründen verordnete Sprachregelung provozierte in den sechziger Jahren eine politische motivierte Revitalisierung „Palästinas“. Die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) machte daraus einen Kampfbegriff und meinte damit das ganze Land.

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Plakate in Ramalla 2015 zum Gedenktag an die Nakba

Jetzt gab es beides nur als  Alternative „Israel oder Palästina“. Allen Beteuerungen einer „Zwei-Staaten-Lösung“ zum Trotz werden bis heute sowohl in Israel als auch in Palästina nur Landkarten benutzt, in denen das ganze Land entweder „Palästina“ oder „Israel“ genannt wird. Das schürt auf beiden (!) Seiten Existenzängste. Die Juden fürchten durch solche Ideologie nach Westen ins Meer getrieben zu werden, die Palästinenser nach Osten in die arabische Wüste. Auf beiden Seiten ist die Gruppe klein, die Israel in den Grenzen von 1949 definiert (und das Existenzrecht Palästinas garantiert und dessen Staatlichkeit befördert) und die Palästina auf Westbank und Gazastreifen begrenzt (und das Existenzrecht Israels garantiert). Die Europäer sollten an dieser Position keinen Zweifel lassen, auch wenn sie sich auf beiden Seiten unbeliebt machen. Deren Streit um Buchstaben zeigt nur die Schwäche ihrer Argumente.

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Macht und Ohnmacht militärischer Sicherung

Vier Soldatengeschichten aus Israel und Palästina

Demütigung

Die Fußgängerampel nicht weit vom Jaffator in Jerusalem zeigt Rot. Aber Scharen von Menschen überqueren die Straße: Touristen, Pilger und Einheimische, Erwachsene und Kinder, Säkulare, Orthodoxe und Ultra-Orthodoxe. Verkehrsregeln gelten als Gesetze, die in Israel auch ein Religiöser ohne Gewissensbisse übertritt. Mehr noch als in Europa ist das in Israel die gängige Erfahrung. Nur drei junge Palästinenser mit Kufiya, dem „Palästinensertuch“, mit dem sie ihr Selbstbewusstsein demonstrieren, bleiben vor der roten Ampel stehen und erregen deshalb beim europäischen Beobachter Staunen. Palästinensischer Respekt vor einer israelischen Roten Ampel? Aber dann fällt sein Blick auf zwei israelische Soldatinnen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie hatten keine Notiz genommen von der Schar der Gesetzesübertreter, die die Straße bei Rot überquert hatten. Als die Ampel Grün zeigt, nehmen sie die jungen Männer gleich in Empfang, als seien sie es, die sich einer Straftat oder einer Ordnungswidrigkeit schuldig gemacht hätten. Ausweiskontrolle als Machtdemonstration. Man muss keine Wörter verstehen. Die Körpersprache und der Gesichtsausdruck bei den Frauen wie bei den Männern sprechen Bände. „Demütigung“ ist das Wort, das mir spontan einfällt. Lustvolle und planmäßige Demütigung auf der einen, schmerzvolle auf der anderen Seite.

Es ist die Frucht einer fast fünfzigjährigen Besatzung. Auf der einen Seite durch Militärpräsenz erzwungenes Wohlverhalten selbst gegenüber einer Roten Ampel. Auf der anderen Seite die Arroganz der Macht, die vorgibt, Terrorismus zu verhindern, ihn in Wahrheit aber befördert. Eine Arroganz, die über der militärischen Anstrengung der Sieger deren Verantwortung für eine Wandlung der Situation versäumt.

Der Vorfall liegt ungefähr ein Jahr zurück. In den letzten Monaten musste ich immerzu an ihn denken. Er hilft mir zu verstehen (nicht zu rechtfertigen), wie es zu solch wahnsinnigen Aktionen wie den Messerattacken kommt. Wenn sich Sieger und Besiegte so begegnen, hat ein Neuanfang in Frieden und Gerechtigkeit keine Chance. Der Schlüssel aber liegt selbstverständlich bei den Siegern. Einmal mehr gehen meine Gedanken zurück nach Deutschland 1945. Die Westalliierten haben das besiegte Deutschland nicht gedemütigt. Sie haben nicht die Fehler von Versailles wiederholt. Sie haben darauf vertraut, dass das deutsche Volk nicht nur aus Idioten besteht und so den demokratischen Rechtsstaat Deutschland ermöglicht.P1040509

Wenn sich der Rechtsstaat abschafft

Es war schon dunkel, als wir aus dem „Zelt der Nationen“ zurückstapfen. Es liegt in der C-Zone der palästinensischen Gebiete, in der allein die Israelische Armee auch offiziell das Sagen hat. Wo unser Kleinbus stehen müsste, sehen wir von weitem zahlreiche Autoscheinwerfer und Blaulicht. Neugierig laufen die Freiwilligen voraus und lassen mich als letzten hinterher keuchen, nachdem ich mich von den Freunden im „Zelt der Nationen“ gebührend verabschiedet habe. Ich hole sie ein, weil sie von zahlreichen bewaffneten Männern gestoppt worden sind. Soldaten, Polizisten und Zivilisten, offensichtlich Siedler, alle mit Maschinengewehren. Vor einer Stunde ist hier ein joggender jüdischer Siedler mit einem Messer verletzt worden. Zum Glück nicht lebensgefährlich. Er wurde ins Krankenhaus gebracht. Jetzt suchen sie den Täter.

Schnell sahen sie ein, dass keiner der zwanzig Europäer, die ihnen buchstäblich vor die Flinte gelaufen waren, der Gesuchte war. Unsere brombeerfarbenen Pässe wirkten mal wieder Wunder. Dass sie auch keinen als Zeugen gebrauchen konnten, davon waren sie nicht so leicht zu überzeugen. Schließlich erreichte ich, dass sie die Gruppe ziehen ließen, während ich mich dem Verhör stellte. Über die Situation im „Zelt der Nationen“ schienen sie im Bilde. Schon dass wir „diese Araber“ besucht hatten, machte uns verdächtig. Am Ende ließen sie auch mich ziehen, weil ich zur Aufklärung offensichtlich nichts Zweckdienliches beitragen konnte. Als ich den Kleinbus erreichte, stellte ich erleichtert fest, dass die Gruppe vollzählig war. Aber das war nur der äußere Eindruck. Das Erlebnis hatte einige auch verstört.

Sie erzählten, wie locker die gleichaltrigen Soldaten mit ihnen gesprochen hatten. Den Holländern hatte einer zu verstehen gegeben, wie sehr er die Amsterdamer Coffee-Shops zu schätzen wusste, um dann im gleichen Tonfall fortzufahren: „…und jetzt bin ich auf Terroristenjagd. Wenn mir ein Araber vor die Flinte läuft, knall ich ihn gleich ab. Jedes Zögern kann tödlich sein. Er oder ich. Deshalb hab ich den Finger immer am Abzug.“ „Mir wurde plötzlich klar“, sagte eine Freiwillige, „in welcher Gefahr ich war. Wenn ich aus der Dunkelheit vor ihm nicht zusammen mit anderen aufgetaucht wäre und wir nicht Englisch gesprochen und unsere Pässe gezeigt hätten, wer weiß, ob er mich nicht erschossen hätte.“ Nicht nur die eigene Lebensgefahr hatte sie verstört, sondern auch der Zynismus dieses Gleichaltrigen. „Wenn ein Palästinenser vom „Zelt der Nationen“ hier entlang gegangen wäre“, fügt die Freiwillige nachdenklich hinzu, „hätte er keine Chance gehabt, zu zeigen, dass er mit dem Überfall nichts zu tun hatte“.

Viele jüdische Israeli begrüßen die neue Rechtslage, nach der nicht nur Soldaten und Polizisten, sondern jeder, der sich bedroht fühlt, sein Gegenüber erschießen darf. Da wird nicht geprüft, wie real die Bedrohung war, ob es möglich gewesen wäre, der Bedrohung auch anders zu entgehen und ob die Erschossenen mit dem, der das Messer gezückt hat, auch wirklich verbunden waren. „Das ist die Wiedereinführung der Todesstrafe in Israel – jetzt auf der Straße und ohne Prozess“, sagt mutig die schwedische Außenministerin öffentlich und handelt sich natürlich in Israel harsche Kritik ein. Aber sie hat nicht so ganz Unrecht. Das Gefühl der Bedrohung von außen und innen ist allgegenwärtig. Seit dem letzten Herbst potenziert. Manche sprechen vom „Staatsnotstand“. Selbstverteidigung ist legitim, ja. Jeder Rechtsstaat erkennt das Recht dazu an.P1040417

Aber für das Recht auf Selbstverteidigung gibt es rechtsstaatliche Regelungen, die beachtet werden müssen. Wer sie außer Kraft setzt, verliert seine Rechtsstaatlichkeit. Viele Israeli sehen diese Gefahr, warnen und protestieren. Aber sie finden wenig Gehör. Das kann ein Europäer kaum nachvollziehen. Aber Europa ist ein Eiland bewährter Rechtsstaaten. Die Rechtsstaatlichkeit Israels ist in der Bedrohungssituation ungleich viel schwieriger zu bewähren. Aber sie muss sich bewähren. Wer sich den verwerflichen Handlungen seiner Gegner anpasst, begibt sich auf den abschüssigen Weg, zu dem zu werden, vor dem man sich zu schützen vorgibt.

Braucht Israel die Fragen der Zuschauer?

Fünfzehn Jahre ist es her, seit er in der von Israel besetzten West Bank Dienst tun musste. Mit anderen zusammen hatte der Neunzehnjährige ein kleines Militärcamp in Beit Sahur östlich von Bethlehem zu bewachen. In gepanzerten Fahrzeugen ging es rein und raus. Er erzählt davon wie Jungen von einem Geländespiel. „Räuber und Gendarm“. „Wir wurden in unserem Camp aus einem Haus auf der gegenüberliegenden Talseite seit Tagen beschossen. Wir schossen zurück, trafen die Schützen aber nicht, noch konnten wir ihre Waffen zum Schweigen bringen. Schließlich orderten wir einen Panzer. Der fuhr bei uns vor und schoss auf das Haus, dass die Wände wackelten. Aber die Schützen gaben nicht auf. Noch einmal schoss der Panzer. Und dann viel die Hütte mit einer Riesenstaubwolke wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Der Panzer fuhr zurück. Er hatte sein Werk getan. Wir hatten unsere Ruhe.“

„Und?“, frage ich ihn nach einer Weile. Er blickt mich verwundert an. „Was und?“ „Was war mit den Menschen, die in dem Haus waren?“, frage ich ihn. Er schweigt. Ich spüre sein Unbehagen. War meine Frage unangemessen? Er hat sie sich offensichtlich weder damals noch seither gestellt. Er sagt nicht: „Was gehen mich die Palästinenser an! Das sind doch unsere Feinde. Wir haben uns doch nur verteidigt. Sie haben uns doch angegriffen. Warum soll ich mir um sie Gedanken machen? Ich war doch erst neunzehn.“ Das alles sagt er nicht. Er grübelt und schweigt. Meine Frage hat etwas in ihm angestoßen, obwohl ich das nicht wollte. Auch ich sage nichts. Auch nichts zu seiner Entschuldigung, obwohl mir sein Schweigen weh tut. Ich fürchte, ich hätte mich nicht anders verhalten als er. Aber das kann ich nur zugeben, weil ich nicht in seiner Haut stecke. Weil ich ein Zuschauer bin. Braucht Israel Freunde, die die unbequemen Fragen stellen, die sich in Israel niemand stellt? Niemand stellen kann? Braucht Israel die Fragen der Zuschauer?E08 (2)

Von der Schwierigkeit, in Uniform Mensch zu sein

„Ich habe Heimweh“, sagt der israelische Soldat plötzlich im Gespräch an der Bushaltestelle. Er wirkt wie ein Schuljunge. Ich vermute Heimweh nach seiner Freundin? Seiner Familie? Seinen Kumpeln? „Nein. Ich habe Heimweh nach dem Meer“, sagt er kleinlaut. Er kommt aus Netanja. Seit Kindertagen hat er gesurft und jede Minute seiner Freizeit am Strand verbracht. Seine lustvolle Jugend hat sich seit einigen Monaten zu unbequemer Pflichterfüllung gewandelt. Jetzt muss er mit zweitausend anderen Soldaten die fünfhundert jüdischen Siedler bewachen, die sich im Zentrum der palästinensischen Großstadt Hebron mit Gewalt ein Stück Land genommen und die Palästinenser aus ihren Wohnungen und Läden vertrieben haben. „Ich habe mich bewusst für die kämpfende Truppe entschieden“, sagt er tapfer, „ich möchte mein Land, meine Freunde, meine Familie beschützen.“ Seine Worte erinnern mich an meinen Vater, der Jahrzehnte gebraucht hat, die Naivität des Neuzehnjährigen zu überwinden, mit der er dachte, sein Vaterland verteidigen zu müssen, um zu der schmerzlichen Einsicht zu kommen, dass er als Soldat der Deutschen Wehrmacht am Überfall auf die Länder Europas beteiligt war.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite sitzt eine Schar von Schuljungen, die wir mit ihren aufdringlichen Verkaufsangeboten unnützer Kleinigkeiten kaum auf Distanz halten konnten. „Ich möchte die Jungens gerne mitnehmen und ihnen das Meer zeigen, das sie nie gesehen haben“, sagt der Soldat, „und ihnen Surfen beibringen. Aber ich kann nicht einmal mit ihnen reden, obwohl ich ein wenig Arabisch kann. Ich habe es versucht, aber sie laufen weg. Sie haben Angst“, sagt er traurig wie ein großer Bruder, dessen Fürsorge verschmäht wird. „Ich müsste meine Uniform ausziehen und meine Waffe beiseitelegen, etwas Unmögliches tun…“  Er zuckt mit den Schultern und wendet sich ab. Ich habe den Eindruck, dass der junge Mann mit den Tränen kämpft.P1010015

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