Worauf dürfen wir hoffen über den Tod hinaus?

Theologische Bemerkungen zu

Johannes Brahms, Ein Deutsches Requiem nach Worten der Heiligen Schrift

 

Was ist deutsch am Deutschen Requiem?

Als ich es das letzte Mal gesungen habe, erzählte ein Mitsänger aus dem Chor, wie er bei dem Versuch, ein Plakat in seiner Bäckerei aufhängen zu lassen, barsch zurück gewiesen wurde. „So einen Nazi-Kram hängen wir nicht aus“. So sehr mich die politische Haltung dieser Bäckersfrau erfreut, so sehr hat mich ihre Aussage verblüfft. Die Idee, dass der Brahms‘sche Titel so missverstanden werden kann, war mir bis dato nicht gekommen.

Was die gute Frau richtig heraus gehört hatte, ist der kämpferische, ja polemische Unterton des Titels. Brahms nennt sein Werk zwar Requiem, er setzt es aber dezidiert vom traditionellen Requiem ab. Das Neue daran ist nicht nur die deutsche Sprache. Es handelt sich nicht schlicht um eine Übersetzung des lateinischen Textes. Brahms schafft vielmehr ein völlig neues Werk. Und die Botschaft seines Werkes ist nicht nur verschieden, sondern geradezu das Gegenteil von der Botschaft des lateinischen Requiems.

Manche wagen das traditionelle Requiem nur deshalb zu singen, weil der Text lateinisch ist und darum die Zumutungen des Textes heute kaum jemand mehr versteht: Tag des Zorns, Hölle, Feuer, Strafe, Folter, Vernichtung. Der im Mittelalter entstandene gereimte lateinische Text hat christliche Theologie und Religiosität über Jahrhunderte hin bestimmt, in manchen Kreisen und Weltgegenden bis heute. Er ist eine massive „Drohbotschaft“. Das mehr oder weniger dezente Klappern mit dem Sargdeckel, soll Menschen Angst vor Tod und Jenseits machen. Und diese Angst soll sie zu moralischem und religiösem Wohlverhalten nötigen. „Schwarze Pädagogik!“, nennen wir das mit Recht.

Trostbotschaft statt Drohbotschaft

Dem gegenüber setzt Brahms eine dezidierte Trostbotschaft. Trost für die Leidtragenden und für die Sterbenden, wie es die beiden Seligpreisungen sagen, die sein Werk rahmen. Hat die Tradition ausufernd die Höllenqualen beschrieben und dramatisch musikalisch hörbar gemacht, lautet Brahms Trost: „Ich hoffe auf dich… Der Gerechten Seelen sind in Gottes Hand und keine Qual rühret sie an… Die Erlöseten des Herrn werden wieder kommen… mit Jauchzen; Freude und Wonne werden über ihrem Haupte sein und Schmerz und Seufzen wird weg, weg, weg, müssen…“. Lauter biblische Anti-Sätze zum traditionellen Requiem-Text. Ein Triumpfgesang auf den Sieg des Lebens über Tod und Hölle: „Tod wo ist dein Stachel! Hölle wo ist dein Sieg!“

Der Untertitel „nach Worten der Heiligen Schrift“ verrät es: der gesamte Text seines Werkes ist nichts anderes als eine Kompilation wortwörtlicher Bibelzitate in der (in seiner Zeit gängigen) Übersetzung Martin Luthers. Ist das Deutsche Requiem also ein Evangelisches Requiem? So könnte man meinen angesichts der Tatsache, dass Brahms wie die Reformatoren die kirchliche Tradition durch den Wortlaut der Heiligen Schrift kritisiert und korrigiert. Nicht von ungefähr haben alle Reformatoren die Requiem-Tradition abgelehnt und den kirchlichen Brauch abgeschafft. Es gab und gibt keine evangelische Requiem-Tradition. Nach reformatorischer Überzeugung haben die Toten unser Gebet nicht nötig. Sie sind in Gottes Hand. Stattdessen wird bei der Bestattung eines Menschen das Evangelium verkündet, die Hoffnung, die auch über den Tod hinaus reicht. Brahms hat also ein dem Evangelium gemäßes Requiem geschaffen. Aber kein “Evangelische Requiem”.

Das wäre zu kurz gegriffen. In doppelter Hinsicht. Einerseits gibt es bis heute evangelische Christen, die die Botschaft vom kommenden Weltenrichter wie das traditionelle Requiem als Drohbotschaft propagieren und andererseits hat katholische Theologie, die diese Tradition seit dem Mittelalter bewahrt hat, heute auch anderes und Besseres zu sagen angesichts von Sterben und Tod.

Nicht nur eine konfessionalistische Deutung des Deutschen Requiems ist irreführend, sondern auch eine exklusiv-christliche. Denn der Text atmet nicht nur ökumenische Weite, sondern eine dezidiert interreligiöse. Die Texte stammen zwar aus der christlichen Bibel, aber sie sind nicht christlich-exklusiv. Schon äußerlich fällt auf, dass Jesus Christus an keiner Stelle genannt wird. Brahms Requiem ist religiös-inklusiv. Es erweist seinen Komponisten als einen tief religiösen Menschen, der zwar in hanseatisch-lutherischer Tradition aufgewachsen ist, dessen religiöse Überzeugungen allerdings quer zum kirchlichen und theologischen Mainstream seiner Zeit laufen.

Erhellend für sein Verständnis ist die Auswahl und Anordnung der Bibelzitate. Neun der sechzehn Texte stammen aus der jüdischen Bibel, die die Christen Altes Testament nennen (einschließlich der sogenannten Apokryphen), gegenüber sieben aus dem Neuen Testament. Er hat eine Vorliebe für die Hebräische Spruchweisheit, die er in beiden Bibelteilen findet. Sieben Texte entstammen ihr. Denn die Weisheitstraditionen Israels waren schon in der Antike interreligiös. Was hier gesagt ist, galt nicht nur jüdischen, sondern allen Menschen.

Trost – inklusiv

Worauf können die Menschen hoffen, die Brahms‘ Deutschem Requiem folgen? Die Antwort fällt sehr knapp aus: auf die Treue ihres Schöpfers.

„…sie sollen getröstet werden“, heißt es im 1. Satz des Requiems. Wer tröstet die Leidtragenden? Das Passiv hält die Frage offen. So wird im Judentum von Gott geredet, ohne dass Gott benannt werden muss. „Ich hoffe auf Dich“, so zitiert Brahms den 39. Psalm im 3. Satz. Aber das „Du“ wird nicht benannt. Wie das „Du“ im 3. Satz so ist das „Ich“ im 5. Satz anonym und darum deutungsoffen. Im jeweiligen biblischen Kontext sprechen mit dem „Ich“ drei verschiedene Personen: „Ich will euch wiedersehen“ (Jesus), „Ich habe großen Trost funden“ (ein unbekannter Mensch), „Ich will euch trösten“ (Gott). Aber in der Kompilation, die die Kontexte ignoriert, wird das „Ich“ zur anonymen Trösterin. Dabei kommt eine neue Botschaft als tiefe Weisheit zum Ausdruck: Nur Trostbedürftige können trösten. Übertragen auf Gott, ergibt sich eine atemberaubende Perspektive. Die tröstende mütterliche Seite Gottes ist selber des Trostes bedürftig.

Genial hat Brahms im 6. Satz aus dem 15. Kapitel des Ersten Korintherbriefes zitiert. Eigentlich argumentiert Paulus hier so, dass er die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten mit der Auferstehung des Messias Jesus begründet. Das ignoriert Brahms. Stattdessen zitiert er nur die Sätze, mit denen Paulus das naive Auferstehungs-(Miss)Verständnis korrigiert, als ob im Jenseits das Leben der Auferstandenen einfach bruchlos so weiter ginge: Verwandlung ist das Entscheidende. Wozu Tote verwandelt werden, bleibt unanschaulich. Auferstehung ist lediglich eine Metapher, die versucht das Unanschauliche metaphorisch anschaulich zu machen. Verwandlung ist das Werk des Schöpfers, darin zeigt er seine Treue zu seinen Geschöpfen. So kann Brahms diesen hoch christologischen Text seiner schöpfungstheologischen Argumentation harmonisch einfügen. Der Lobpreis am Ende des 6. Satzes preist nicht zufällig den Schöpfer: „Herr, …denn du hast alle Dinge geschaffen…“ Auch wer der „Herr“ ist, in dem die Toten sterben, (7. Satz) bleibt bei Brahms deutungsoffen.

Die Reduktion der Hoffnung auf die Schöpfertreue ist eine heilsame Reduktion. Sie verbindet Juden und Christen. Und darin unterscheidet sich ihre Heilige Schrift nicht vom Quran, der Heiligen Schrift der Muslime. Hoffnung auf die Schöpfertreue verbindet alle Menschen, die über den Tod hinaus hoffen, gleich welcher Religion sie zugehören.

Karge Anschaulichkeit

Gegenüber den gewaltigen apokalyptischen Bildern des lateinischen Requiems ist die Anschaulichkeit der Hoffnung auf das Jenseits bei Brahms wohltuend reduziert. Hier lässt Brahms eine alttestamentliche Keuschheit walten. Was bleibt in aller Vergänglichkeit? „Das Wort Gottes“ – so wird die Schöpfertreue mit anderer Metapher zum Ausdruck gebracht: die Kommunikation des Schöpfers mit seiner Schöpfung. Wo sind die Toten? „In Gottes Hand“ – wieder eine zurückhaltende Metapher für die Treue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen.

Anschaulich macht Brahms die Hoffnung über den Tod hinaus, indem er die Hoffnungen des alten Israel nutzt, die ganz der Diesseitigkeit des Heils verpflichtet sind und darum sehr anschaulich sind, um der unanschaulichen jenseitigen Hoffnung in Metaphern Gestalt zu geben: die Heimkehr aus dem Exil ins Gelobte Land („Die Erlösten werden wiederkommen…“), die Stadt Jerusalem („Denn wir haben hier keine bleibende Stadt…“  – nicht „Statt“, wie immer wieder falsch gedruckt wird), die Wallfahrt zum Tempel („Wie lieblich sind deine Wohnungen…“). Anschauliche Erfahrungen im Diesseits begründen die unanschaulichen Hoffnungen auf das Jenseits.

Das 150 Jahre alte Werk ist höchst aktuell. „Inklusion“ ist in aller Munde. Ich habe im Religionsunterricht der Gymnasialen Oberstufe damit sehr gute Erfahrungen gemacht, wenn wir Stücke aus dem traditionellen Requiem etwa von Verdi mit dem Deutschen Requiem verglichen haben. Den säkularen Intellektuellen hat die musikalische Botschaft Brahms nicht nur emotional, sondern auch intellektuell eingeleuchtet. Die Hoffnung auf die Treue des Schöpfers zu seinen Geschöpfen ist der Kern biblischer Hoffnung über den Tod hinaus. Alles andere ist nichts als der Versuch, das Unanschauliche durch Metaphern anschaulich zu machen.

Kongenial zu Brahms Deutschem Requiem ist das etwas jüngere Gedicht „Herbst“ von Rainer Maria Rilke:

 

Die Blätter fallen

Fallen wie von weit

Als welkten in den Himmeln ferne Gärten

Diese Erde fällt

Aus allen Sternen

In die Einsamkeit

Wir alle fallen

Diese Hand da fällt

Und sieh dir andere an

Es ist in allen

Und doch ist einer

Welcher dieses Fallen

Unendlich sanft in seinen Händen hält

 

 

Die Grenzen des Deutschen Requiems

 

So tröstlich die Botschaft des Deutschen Requiems auch ist, so beschränkt ist der Trost auch. Er antwortet auf die individuell-anthropologische Frage: „Was tröstet mich angesichts des Todes meiner Lieben und meines eigenen Todes?“ Im gemütlichen Konzertsaal findet die saturierte Bildungs-Bourgeoisie darauf eine tröstlich-befriedigende Antwort. Aber mehr als diese Frage treibt mich die Frage nach Gottes Gerechtigkeit um. Ich frage nach Trost auch angesichts des Sterbens in Aleppo und tausend anderen Orten unserer Welt. Darauf gibt der junge Brahms in seinem Deutschen Requiem keine Antwort.

 

Erst der alte Brahms hat die Warum-Frage, die große Frage nach Gottes Gerechtigkeit, aufgenommen, z.B. mit seiner Motette „Warum ist das Licht gegeben dem Mühseligen“ oder in seinen „Vier ernsten Gesängen“. Darum mussten im 20. Jahrhundert Werke wie „Das Buch mit sieben Siegeln“ von Franz Schmidt oder das „War-Requiem“ von Benjamin Britten entstehen.

 

In diesem Kontext ist die biblische Botschaft vom kommenden Richter unverzichtbar. Diese Botschaft als solche ist auch – anders als in der Requiem-Tradition – keine „Drohbotschaft“, sondern Trostbotschaft. Sie stärkt die Gewissheit, dass auch den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, denen gegenüber das Bemühen um menschliche und irdische Gerechtigkeit versagt hat, und dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden, die auf Erden davon gekommen sind. So stärkt und ermutigt die Hoffnung auf den kommenden Richter Menschen, nicht nachzulassen in ihren Versuchen, menschliches Leid zu mindern oder zu verhindern und nach Maßgabe menschlicher Möglichkeiten für Recht und Frieden zu sorgen.

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized. Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s