Araber in Israel

Amir spricht aus, was ich so ähnlich von vielen Arabern in Israel gehört habe. Zitiert aber wird von seinem Satz oft nur der erste oder nur der zweite Teil. In Israel und Palästina genauso wie in Deutschland. Und dann wird Amirs Satz in sein Gegenteil verkehrt. Er heißt: „Ich bin glücklich, als Araber in Israel (und nicht in einem arabischen Land) geboren und aufgewachsen zu sein, aber ich bin als Araber in Israel nur ein Bürger zweiter Klasse.“ Dass Araber in Israel nur „Bürger zweiter Klasse“ sind,  höre ich von vielen, die im Nahostkonflikt Araber als die Opfer sehen und Israel auf die Anklagebank setzen. Sie verschweigen den ersten Teil des Satzes. Umgekehrt höre ich nur den ersten Teil des Satzes, nämlich dass die Araber glücklich sein können, in Israel geboren und aufgewachsen zu sein, vor allem von der Regierung Israels und allen, die kritiklos mit ihr sympathisieren. Sie verschweigen oder bestreiten den zweiten Teil von Amirs Satz. Amir weiß die Segnungen eines demokratischen Rechts- und Sozialstaates zu schätzen, umso mehr wenn er in Israels Nachbarstaaten schaut. Er genießt, dass er versichert und versorgt ist, aber noch mehr genießt er die demokratischen Grundrechte, die Arabern in vielen arabischen Staaten verwehrt sind.

Von Samer lerne ich, wie gefährlich sein Name in Israel ist. Er erzählt von einer Art Messe für junge Hochschulabsolventen in Israel. Renommierte Firmen sind in einer Messehalle in Tel Aviv auf der Suche nach jungen Wissenschaftlern, die sie für Führungspositionen gewinnen wollen. Nach seinem Hochschulabschluss am Technion in Haifa hat auch Samer eine solche Messe besucht. Mit seinen gepflegten Umgangsformen und exzellenten Zeugnissen war er ein begehrter Gesprächspartner. Aber regelmäßig wurden die Gespräche abgebrochen, wenn sein Name fiel. Er verrät nämlich, dass Samer nicht nur Israeli, sondern auch Araber ist oder ein Palästinenser, wie er sich selbst nennt. Einer von den ca. 2 Millionen, nahezu einem Viertel der Bevölkerung Israels, die keine Juden sind. „Wir sind Bürger zweiter Klasse, die auf vielfältige Weise in Israel benachteiligt sind“, sagt auch er. „Natürlich gibt es Palästinenser in der Firma, aber doch bitte nicht in Führungspositionen. Wenige Ausnahmen bestätigen die Regel.“ Es half ihm nicht, dass er fehler- und akzentfrei Hebräisch spricht. Er ist und bleibt einer von den anderen.

Im Bus komme ich mit Hosam ins Gespräch. Er ist Araber und auf dem Weg nach Hause. Professor am Technion in Haifa, ein international renommierter Naturwissenschaftler, wie ich später lernte. Wenn er den Bus verlässt, muss er noch zwei Kilometer auf einem Schotterweg zu Fuß steil nach oben in die Berge gehen. Das große Dorf, in dem er aufgewachsen ist und jetzt mit seiner Familie lebt, hat weder eine Verkehrsanbindung, noch Kanalisation noch Strom- und Wasseranschluss, vom Internet ganz zu schweigen. Es ist eines der vielen vom israelischen Staat nicht anerkannten arabischen Dörfer, über denen das Damoklesschwert einer Abbruchverfügung schwebt. Wer von seinen internationalen Kollegen lebt in ähnlichen Verhältnissen wie dieser arabische Professor in Israel? Er erzählt mir, wie eingeschränkt die Möglichkeiten für Araber in Israel sind, Haus- und Grundbesitz zu erwerben und dass in den siebziger Jahren arabisches Land in großem Stil staatlich enteignet wurde, Obst- und Olivenbaum-Haine in Kiefernwälder verwandelt wurden, um eine Rückkehr der arabischen Bevölkerung zu verhindern. Zu vielen arabischen Siedlungen gibt es keine Hinweisschilder. Die neuen Eisenbahnlinien in Galiläa führen nur in jüdische Städte, die rund dreihunderttausend Bewohner in und um Nazaret und Sachnin sind nach wie vor auf Busse angewiesen. „Arabisch als zweite Amtssprache? Nur auf dem Papier. Die sprachlichen Fehler auf offiziellen Dokumenten und Schildern sind nicht zu zählen. Unsere Nachbarin, die kein Hebräisch gelernt hat, wollte neulich bei der Polizei einen Diebstahl melden. Aber es gab niemanden in dieser großen Polizeistation, der Arabisch, die zweite Amtssprache, verstehen konnte. Wir Araber sind in diesem Land Bürger zweiter Klasse“, sagte er bitter zum Abschied.

Im Jahr 2012 wurde eine Zeremonie im Fernsehen übertragen, bei der die Spitzen des Staates stehend die Nationalhymne „HaTiqwa“ sangen, die die Hoffnung der Juden ausdrückt, einst im ihrem Land Zion leben zu können. Die Kamera schwenkte von Gesicht zu Gesicht. Bei einem ernst und respektvoll dreinblickenden älteren Herrn verharrte sie etwas länger. Er war der einzige, dessen Lippen sich nicht bewegten, der die Hymne offensichtlich nicht mit sang. Salim Jubran, der einzige arabische Richter im Obersten Gericht Israels. Der ranghöchste der arabischen Staatsbürger Israels. Dem Vorfall folgte eine heftige mediale und öffentliche Debatte über das Für und Wider. Verhält er sich illoyal oder gar feindlich dem Staat gegenüber, den er prominent repräsentiert? Muss er gegen sein Gewissen handeln oder ihm gerade folgen? Kann nur durch Singen oder auch durch Nichtsingen Respekt ausgedrückt werden? Wann werden arabische Bürger Israels zu „Bürgern zweiter Klasse“?

Sind sie Araber oder Palästinenser? Die Römer haben im zweiten Jahrhundert ihre (!) Provinz „Judäa“ nach der Niederwerfung des Bar-Kochba-Aufstandes in „Palästina“ umbenannt. Die europäischen Kolonialherren, humanistisch gebildet, bezeichneten im 19. Jahrhundert darum so diesen Teil des Osmanischen Reiches. Auch die Juden Europas, auch die Zionisten nannten dieses Land „Palästina“. Erst nach der Staatsgründung Israels gab es eine „Sprachregelung“, den Begriff „Palästina“, der wegen seiner Entstehungsgeschichte als antisemitisch eingestuft wurde, durch den „biblischen“ Begriff „Eretz Jisrael“ zu ersetzen. Die aus politischen Gründen verordnete Sprachregelung provozierte in den sechziger Jahren eine politische motivierte Revitalisierung „Palästinas“. Die 1964 gegründete Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) machte daraus einen Kampfbegriff und meinte damit das ganze Land. Jetzt gab es beides nur als  Alternative „Israel oder Palästina“. Bis heute werden sowohl in Israel als auch in Palästina fast nur Landkarten benutzt, in denen das ganze Land entweder „Palästina“ oder „Israel“ genannt wird. Das schürt auf beiden (!) Seiten Existenzängste. Die Juden fürchten durch solche Ideologie nach Westen ins Meer getrieben zu werden, die Palästinenser nach Osten in die arabische Wüste. Auf beiden Seiten ist die Gruppe klein, die Israel in den Grenzen von 1949 definiert (und das Existenzrecht Palästinas garantiert und dessen Staatlichkeit befördert) und die Palästina auf Westbank und Gazastreifen begrenzt (und das Existenzrecht Israels garantiert). Das ist die Position der Europäer – und die „offizielle“ der israelischen Regierung und der Palästinensischen Autonomiebehörde. Ich nenne Menschen so, wie sich selbst nennen. Darum habe ich gelernt, zu differenzieren zwischen den Palästinensern, die Staatsbürger Israels sind, denen, die Einwohner Jerusalems sind, denen, die in der Westbank leben, denen, die im Gazastreifen leben, und denen, die im Exil leben.

Offiziell feiert am Jom HaAzma’ut das jüdische Land seine jüdische Unabhängigkeit. Das ist die Ideologie. In Wirklichkeit feiert das ganze Land BBQ-Tag. Araber begehen den Tag nicht anders als Juden. Was tun arabische Familien am liebsten, wenn alle frei haben und es nicht regnet? Richtig. Grillen. Oder in der Sprache des Landes: Barbecue. BBQ vereint am Unabhängigkeitstag Juden und Araber im Land. Abends, morgens, mittags, abends: Alle grillen. Halal, koscheres und unkoscheres Fleisch. Über dem ganzen Land liegt eine Rauchwolke. Selbst Vegetarier und Veganer auf beiden Seiten sind nicht davon ausgeschlossen. Sie grillen Kartoffeln, Gemüse und Früchte. Der Feiertag für die in jeder Hinsicht multiple BBQ-Gemeinde. Es erinnert mich daran, wie wir in der Bundesrepublik Deutschland früher unseren Nationalfeiertag, den 17. Juni, begangen haben. In Israel dient diese Entpolitisierung des Nationalfeiertages der Friedfertigkeit. Die Frage, ob man mit oder ohne blau-weiße Fähnchen grillt, gerät von einer ideologisch hoch besetzten Frage der Politik zu einer marginalen praktischen Frage der Dekoration.

Politisch werden die Staatsfeiertage in Galiläa allerdings auch alternativ begangen. In Kfar Kana treffen sich seit Jahren Juden und Palästinenser, um gemeinsam ihrer jeweiligen Katastrophen, der Shoa und der Nakba  zu gedenken. Ich war jedes Jahr am Vorabend des Jom HaSikaron in einer Messehalle in Tel Aviv mit rund fünftausend Menschen, Juden und Palästinensern. Unter dem Motto „Verbunden im Schmerz und verbunden in Hoffnung“ galt dieses Gedenken den Opfern beider Seiten. Es war geprägt von dem Willen, alles dafür zu tun, dass nicht im nächsten Jahr wieder neue Opfer zu beklagen sind. Was in Deutschland Jahrzehnte gedauert hat, das schaffen diese Menschen seit vierzehn Jahren. Einen Heldengedenktag, der neuen Hass produziert, zu einem Volkstrauertag zu verwandeln, der Brücken der Verständigung, der Versöhnung und des Friedens fördert.

Ich habe als Studienleiter fünf Jahre in dem christlichen Dorf Nes Ammim in West-Galiläa gelebt. Zu unseren unmittelbaren Nachbarn gehören nicht nur Juden sondern auch viele Araber. Bevor die über dreißig Olivenbäume in Nes Ammim Ende Oktober geerntet werden, ist die gesamte Gemeinschaft der Freiwilligen jedes Jahr bei Joseph, dem langjährigen palästinensischen Freund Nes Ammims, zur gemeinsamen Ernte eingeladen. Und das ist nicht nur Oliven Pflücken. Das ist auch Essen und Trinken in arabischer Tradition. Da sind alle vom Kleinkind bis zum Greis auf den Beinen und tun das, was jede und jeder gerade noch oder schon kann. Da nehmen Europäer an einer morgenländischen Sitte teil und lernen orientalische Lebensart kennen. Ungewöhnlich ist schon, dass Joseph mich als Christen bittet, einen jüdischen Segen (Psalm 65) für die Oliven der muslimischen Familie zu sprechen, bevor die Ernte beginnt.

In Israel können mit der Olivenernte Juden nur dann etwas anfangen, wenn sie aus arabischen Ländern stammen, die Misrachi. In unserem jüdischen Nachbardorf Regba führt das dazu, dass die dort stehenden uralten Olivenbäume nicht von seinen (aus Mitteleuropa stammenden) jüdischen Bewohnern geerntet werden, sondern die Palästinenser aus dem Nachbardorf Mazra‘a alle Jahre wieder zur Ernte herüber kommen, wie es schon Brauch war, als es dieses jüdische Dorf noch gar nicht gab. Ein schöner Akt nachbarschaftlichen Friedens, durch den die jüdischen Kinder von klein auf lernen, dass vor den Juden längst Araber im Land lebten, die diese Bäume einst gepflanzt und gepflegt haben.

Josephs Eltern und Großeltern sind im Juli 1948 aus Dörfern in Nes Ammims Nachbarschaft vertrieben worden, die bis auf einige Reste gänzlich zerstört wurden. Die Ernten auf wasserreichem fruchtbarem Boden seiner Vorfahren fahren heute zwei Kibbuzim ein. Eine Entschädigung hat es für seine Familie nie gegeben. Obwohl er die Plantagen fast täglich umfährt, hat ihn das nicht bitter gemacht. Er sinnt nicht auf Revanche. Er möchte trotz allem mit den Juden in seinem Lande in Frieden leben. Er ist kein Landwirt, sondern Lehrer. Gerade deshalb hat es ihn getrieben, ein Stück Land zu kaufen, auf dem er Oliven- und Obstbäume angepflanzt hat. Ein pädagogischer Akt für seine drei Kinder und deren Generation. Sie sollen im praktischen Vollzug die Wachstumskraft der Erde und darin den Segen des Schöpfers kennenlernen, an den Juden, Christen und Muslime glauben und der sie zu friedlichem Zusammenleben auffordert. Mich erinnert J wie Joseph an J wie Jeremia und dessen Erwerb eines Ackers als prophetische Zeichenhandlung, von dem die Bibel erzählt (Jeremia 32). Der Acker wurde zu einem Zeichen der Hoffnung dafür, dass die Wachstumskraft der Erde den kommenden Generationen den Weg weist zu einem Leben in Frieden und Gerechtigkeit.

Mit den europäischen Freiwilligen besuchen wir auch jüdische und arabische Schulen und kommen mit den wenig jüngeren Jugendlichen ins Gespräch. In Sachnin fragte einer der Europäer einmal: „Wie viele Geschwister habt ihr?“ Nacheinander sagten alle Araber und Europäer ihre Geschwisterzahl. Und siehe, da gab es keinen Unterschied zwischen ihnen, zwei, drei, vier. Und dann fragte einer: „Und wie viele Tanten und Onkel habt ihr?“ Da konnten die arabischen Jugendlichen schon mit ganz anderen Zahlen aufwarten als die Europäer, vierzehn, sechzehn, achtzehn. Für mich wurde mit einem Schlage deutlich, wie sehr sich die arabische Gesellschaft in Israel innerhalb einer Generation verändert hat und wie sehr sie sich dem westlichen Lebensstil anpasst, die sie durch die jüdische Gesellschaft kennen lernt. Erstaunt hat mich auch, wie begehrt von muslimischen Palästinensern in Israel die Plätze an einer christlich-arabischen Schule sind, die bessere Berufsaussichten „auch im Westen“ versprechen.

Wassila, die Lehrerin in Sachnin, erklärt uns, dass bis zum Schulabschluss arabisch unterrichtet wird, in Israel studieren können Araber aber nur an hebräisch sprachigen Hochschulen. Sie beklagt, dass an arabischen Schulen die Klassen erheblich größer sind als an jüdischen, weil viele arabische Lehrerinnen und Lehrer an jüdischen Schulen unterrichten müssen (aber nicht umgekehrt). Sie erzählt, dass die Curricula ziemlich ähnlich sind, aber vor allem der Geschichtsunterricht einer strengen Zensur unterliegt. Das arabische Narrativ der Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert darf nicht zur Sprache kommen, nicht mal von den Schülern geschweige denn von den Lehrern. Ein Wort wie „Nakba“ ist schlicht tabu. Wassila kann von Kollegen erzählen, die deshalb angezeigt, bestraft und aus dem Schuldienst entfernt wurden.

„Ich bin Palästinenser und Christ und Israeli“, sagt Yohanna, unser Gesprächspartner in Nazaret und fährt dann fort, „Meine Muttersprache ist Arabisch. Ich bin in Jerusalem in Palästina geboren. Darum bin ich Palästinenser, so wie die Araber in Ägypten Ägypter und die in Syrien Syrer sind. Ich bin Christ und gehöre zu einer der über zwanzig verschiedenen Kirchen im Nahen Osten. Arabische Christen sind zahlenmäßig eine Minderheit, aber eine bedeutende in der arabischen Welt. Unsere Bibel ist ins Arabische übersetzt. Allah ist kein muslimisches, sondern das arabische Wort für „Gott“. „Allah“ steht in unserer Bibel. Zu „Allah“ beten wir in unserer Muttersprache. Ich lebe in Nazaret und bin darum Israeli, ein Staatsbürger Israels.“ Die arabischen Kirchen sind stolz auf ihre fast zweitausendjährige Geschichte. Manche Gemeinden werden bereits im Neuen Testament erwähnt: Jaffa in Apg10,36, Akkre in Apg 21,7 (Ptolemais). Als im 8. Jahrhundert die Muslime ins Land kamen, haben die Christen arabische Kultur und Sprache übernommen, aber (wie die arabischen Juden) ihre Religion behalten. Sie waren fast immer Minderheitskirche, haben keine Juden verfolgt und den Kriegsdienst verweigert. Als der türkische Sultan sie für die letzten Jahre seiner Herrschaft in seine Armee zwingen wollte, sind sie massenhaft ausgewandert. Auch 1948 haben sie weder für noch gegen die jüdischen Kampfverbände gekämpft. Bis heute verweigern sie meist den Militärdienst.

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , , , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s